Heimlich und bei Nacht sucht der Schriftgelehrte Nikodemus Jesus auf. Der angesehene Jerusalemer Ratsherr wagt es nicht, im Tageslicht mit seinen drängenden Fragen zu dem Wunder wirkenden und beredten Mann aus Galiläa zu kommen. Jesus kommt gleich zur Sache: in klaren und beinahe scharfen Worten bringt er dem Nikodemus seine Botschaft auf den Punkt – keiner kann in das Reich Gottes kommen, der nicht von neuem geboren wird. Nur wer die Finsternis verlässt und in das Licht, in sein Licht kommt, ist gerettet. Deshalb hat Gott seinen Sohn in die Welt gesandt, dass wir durch sein Handeln und Reden auf dem Weg des Lichts ins Reich Gottes geführt werden.
Am Ende des ersten Jahrhunderts, die Zeit, in der das Johannesevangelium vermutlich entstand, waren die Christinnen und Christen schon Spott, Verfolgung und vielen Schwierigkeiten ausgesetzt. Enttäuscht darüber, dass die Menschen die Finsternis immer noch mehr lieben als das Licht, bedrängt am eigenen Leibe, erinnern sie sich an die klare Botschaft ihres Meisters: Wer gerettet sein will und nicht im selber geschaufelten Grabe der Gottesferne zugrunde gehen will, bekenne sich zum wahren Glauben und folge Jesu nach. In unserer pluralistischen Gesellschaft, in der Toleranz gegenüber verschiedenen Haltungen und Lebensphilosophien das Ideal ist, klingt diese eindeutige Aufforderung zum Glauben an Jesus Christus für viele vermessen. Wir werden erinnert an Zeiten, als die Kirche noch Kriege gegen andere Religionen und Weltanschauungen führte, aus der Überzeugung heraus, dass es außerhalb der christlichen Glaubensgemeinschaft (der eigenen Kirche) kein Heil gibt.
Die Nikodemusfrage hat allerdings auch heute ihre Berechtigung: Können wir von neuem geboren werden und den Glauben an Jesus bezeugen durch unser Leben? Spricht – so wie damals – auch heute nicht viel gegen eine christliche Lebenspraxis? Da entlastet Jesu Zusage, dass wir durch sein Kommen in die Welt schon gerettete Menschen sind. Es liegt in unserer Freiheit, diesen Liebesdienst Gottes anzunehmen und uns Jesus zuzuwenden. Dann werden wir fähig sein, in unserem Leben die Frohe Botschaft Wirklichkeit werden zu lassen – im Dienst am Nächsten, im Verzicht auf Besitzanhäufung, in der Feindesliebe, in der Hingabe für andere … Wann werden wir sichtbar, wann wird die Wahrheit durch uns und unser Tun hindurchleuchten, fragt die evangelische Theologin Dorothee Sölle in einem Gedicht und bestürmt Gott: „Gott, komm bald, beeil dich! Mach uns sichtbar als Töchter und Söhne in deinem Reich.“