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Erstes Ziel muss Schutz vor Missbrauch sein

Schüller fordert „Wahrhaftigkeit ohne Vorbehalte“ in der Kirche
Ausgabe: 2002/21, Schutz, Missbrauch, Schüller, Hilfe, Erfahrung;
22.05.2002
- Walter Achleitner
Die katholische Kirche in den USA steht im Kreuzfeuer der Kritik: Angesichts sexuellen Missbrauchs von Kindern durch Priester sind Kirchenführer zu lange untätig geblieben. Über die Situation in Österreich sprach die Kirchenzeitung mit Ombudsmann Helmut Schüller.

In der Öffentlichkeit besteht der Eindruck, die Kirche schützte mehr die Täter als die Opfer von sexuellem Missbrauch. Schüller: Das ist ja auch kein Wunder. Wir haben es mit einer Institution zu tun, deren Amtsträger nach wie vor höchstes gesellschaftliches Ansehen genießen. Viele Opfer erzählen mir, dass sie es für völlig unrealistisch gehalten haben, gegenüber einer Dorfgesellschaft, in der ein Pfarrer zu den angesehensten Autoritäten zählt, Derartiges auszusprechen. Einerseits besteht bei den Opfern – nicht ganz zu Unrecht – der Verdacht, dass ihnen zunächst nicht geglaubt wird. Andererseits dass sehr schnell versucht wird, das Image der Kirche zu retten, und sogar Untersuchungen und die Wahrheit gescheut werden.

Eingesickert in das Vertrauensgrundwasser




Seit 1995 haben wir aus dem Umgang mit den Vorwürfen gegenüber Kardinal Groer leider Gottes eine sehr nachhaltig wirkende Problematik. Vielen gilt das als Paradefall, dass die Kirche nicht konsequent vorgehen will. Dass bis zum heutigen Tag keinerlei Bericht ergangen ist, dass nichts klargestellt wurde, ja dass sich neuerdings Bischöfe wieder aufschwingen, die Rehabilitation dessen zu verlangen, der jederzeit die Möglichkeit gehabt hätte, von sich aus eine Klarstellung vorzunehmen, zeigt ja, wie weit von der Realität entfernt auch höchste Kirchenverantwortliche immer noch sind. Dieses Vorgehen ist ganz tief in das Vertrauensgrundwasser eingesickert. Das kann ich nicht verschweigen. Das ist so.
Der Verdacht, dass Institutionen wie die Kirche primär um sich selbst besorgt sind, ist furchtbar schwer auszuräumen. Das gelingt nur, indem klare Prioritäten gesetzt werden. Wenn man sagt: Schutz vor drohendem Missbrauch muss so wichtig sein, dass sich die Institution selbst nicht schont.

Gegenüber den US-Kardinälen hat der Papst den Missbrauch durch Priester klar verurteilt.




Schüller: Nach langem Schweigen wurde in maximaler Sprache von „tiefsten Ausformungen des Bösen“ gesprochen. Sicherlich um klarzustellen, dass man die Ernsthaftigkeit dieses Vergehens verstanden hat. Nur, wenn es dabei bleibt, werden Menschen eingeschüchtert, die mit solchen krankhaften Veranlagungen zu kämpfen haben. Vielmehr hätten sie auch ermutigt werden sollen, von sich aus Hilfe zu suchen. Zweitens ist wieder einmal nicht gesagt worden, dass ein großer Teil der Schuld bei wissenden Vorgesetzten liegt. So zu tun, als würde die ganze Schuld bei den Missbrauchstätern liegen, ist aus zweifachem Grund falsch. Einerseits aus der Krankhaftigkeit und andererseits aus der großen Mitverantwortung wissender Vorgesetzter.

Die „Nulltoleranz“ schließt also kirchliche Vorgesetzte mit ein?




Schüller: Sie müsste sich konkret auf die Vorgesetzten beziehen. Das heißt, auch das Kirchenvolk hat das Recht auf Nulltoleranz gegenüber säumigen Vorgesetzten. Anders wird man das Vertrauen, das zu Bruch gegangen ist, nicht wieder zurückerobern.

Gibt es in Österreich Richtlinien im Umgang mit sexuellem Missbrauch durch kirchliche Mitarbeiter?




Schüller: Die einzelnen Diözesen haben dazu verschiedene Wege eingeschlagen, „Ombudsstelle“ heißt es vorerst nur in Wien. Aus unserer Erfahrung von sechs Jahren sind wir gerade dabei, mit Fachleuten ein Paket von Maßnahmen für Wien zu schnüren. Welche präventiven Maßnahmen kann eine Kirchenleitung setzen, damit zumindest die Gefahr stark reduziert wird. Das reicht von umfassender Bewusstseinsbildung in der Bevölkerung bis hin zu den Verantwortlichen in den Pfarren. Dazu zählen klare Kriterien bei der Ausbildung und bei der Übernahme in haupt- oder ehrenamtliche Dienste sowie die berufliche Begleitung. Letztlich geht es um den Umgang mit Beschuldigten: nicht zweifelsfreie, nicht wirklich entlastete, aber nicht verurteilte oder tatsächlich verurteilte Täter.

Gibt es einen Erfahrungsaustausch der Kontaktleute in den österreichischen Diözesen?




Schüller: Dazu wird es noch kommen müssen. Ich hoffe, dass wir in Wien bis Ende Juni unser Maßnahmenpaket auf den Tisch legen können. Auf dieser Grundlage können wir konkret sprechen und nicht nur Betroffenheit austauschen. Damit könnten wir den Diözesanbischöfen eine österreichweite Praxis vorschlagen und auch mit Nachdruck vertreten. Die Diözesen sollten einigermaßen ähnliche Regelungen haben und einander sehr offen und ehrlich informieren. Gerade wenn Mitarbeiter von der einen in die andere Diözese wechseln. Hier sind bisher einige schwere Fehler gemacht worden. Ohne gesamtösterreichische Personalevidenz wird es nicht gehen. Das ist natürlich ein Riesenaufgabenbereich, der da vor der Kirche liegt, aber ohne das wird es nicht gehen.

Welche Bedeutung hat dabei die Zusammenarbeit mit den Ordensgemeinschaften?




Schüller: Auch die Ordensgemeinschaften müssen sich auf eine gemeinsame Sichtweise verständigen. Das heißt, es muss Klarheit und Transparenz im personellen Hintergrund von Mitarbeitern herrschen. Letztlich geht es dabei um sehr viel Vertrauen zwischen Bischöfen und Ordensoberen. Es geht um sehr heikle und sehr persönliche Dinge. Deshalb ist natürlich auch die Scheu relativ groß, etwas zu tun, bevor man unbedingt etwas tun muss. Aber die Erfahrungen zeigen, dass sich dieses Abwarten hinterher als großer Fehler herausstellt.

Statt leeren Garantien lieber machbare Vorkehrungen

Zu all den Maßnahmen muss man natürlich sagen: garantieren kann niemand für niemanden. Das muss man ganz nüchtern feststellen. Und es hilft auch gar nichts, wenn kirchlicherseits im ersten Erschrecken über verschiedene Skandale versprochen wird, dass so etwas nie mehr vorkommen wird. Das kann man nicht versprechen. Eines allerdings ist möglich: Man muss berichten können, dass man das Menschenmögliche getan hat, um vorzukehren. Und das ist es, was noch weithin fehlt, und was die Öffentlichkeit auch noch nicht wirklich wahrnimmt.
Natürlich wissen wir längst, dass Missbrauchstäter selten im Vorhinein erkennbar sind. Das macht alle Vorbeugung unheimlich schwierig. Umgekehrt wieder: Wenn man vorher schon oft zu wenig oder zu spät erfährt, dann muss man nachher umso schneller sein. Die Kirche kann nur dadurch wieder aufholen, dass sie dann Raschheit, Zügigkeit, Klarheit und vor allem auch Wahrhaftigkeit an den Tag legt.

Als Ombudsmann für Opfer von sexuellem Missbrauch, was sind Ihre Wünsche in der Kirche?




Schüller: Es geht um zwei grundlegende Bemühungen in der Kirche: Die Bewegung zu einer Wahrhaftigkeit ohne Vorbehalte sowie zu einer angstlosen Priorität des Schutzes. Alles was dahingehend in kleinen und großen Schritten getan werden kann, führt in die richtige Richtung. Die Schwierigkeiten werden nicht so sehr die konkreten Maßnahmen sein. Da kann man schon sehr viel voneinander lernen wie zum Beispiel aus England (dazu Kasten auf der linken Seite). Das eigentliche Problem wird die Mentalitätsveränderung auf allen Ebenen, von der Bevölkerung bis hin zu den kirchlich Verantwortlichen, sein. Aber auch die Ermutigung, dass Betroffene ihre Scheu und ihre Skepsis ablegen und sich tatsächlich mitteilen. Dabei darf man sich jetzt nicht auf Einzelmaßnahmen, irgendwelche Ämter oder Einrichtungen verlassen. Das alles wird sein müssen. Nur, man darf nicht hoffen, dass man das ganze Thema rein strukturell lösen kann. Zu den strukturellen Maßnahmen muss eben auch eine Politikänderung kommen.




Hintergrund

England setzt auf Lord Nolan




„Die katholische Kirche in England und Wales soll Beispiel sein für beste Verfahrensweisen zur Vorkehrung gegen Kindesmissbrauch und wie darauf reagiert wird.“ Mit der ersten von 83 Empfehlungen gibt der „Nolan-Report“ ein Ziel vor. Lord Nolan, Ex-Richter des obersten Berufungsgerichtes in Großbritannien, war Vorsitzender der Kommission, die den „Bericht zum Schutz von Kindern“ vorlegen sollte. Und dabei sollte sie von der katholischen Hierarchie unabhängig tätig sein: mit dem angesehenen katholischen Laien Nolan arbeiteten drei Katholiken und sechs Anglikaner. Hintergrund für die Entscheidung war, dass in den letzten Jahren immer öfter Fälle von Kindesmissbrauch bekannt geworden waren und derzeit über 50 Priester und Laienmitarbeiter inhaftiert sind.Die rasche Einführung von Kinderschutzmaßnahmen sowie die Bestellung von Kinderschutz-Koordinatoren in allen Orden, auf Pfarr- und Diözesanebene zählen zu den Kernpunkten. Das „Katholische Büro für den Schutz von Kindern und gefährdeten Erwachsenen“, das laut Nolan national koordiniert und in Verdachtsfällen kirchliche Ermittlungen leitet, ist bereits eingerichtet. Im Jänner 2000 wurde die Kinderschutzexpertin Eileen Shearer zu dessen Direktorin ernannt. waVollständiger Nolan-Bericht unter: www.nolanreview.org.uk






Chancen

Als seine Möglichkeiten bezeichnet Helmut Schüller:

- Anhörung von Opfern. Wer sich zu diesem Schritt durchringt, wird ernst genommen.
- Klärung für Personen, die etwas beobachtet haben: Wie ist das einzuschätzen?
- Rasche Hilfe bei der Vermittlung einer Therapie.
- Information des Bischofs zwecks Klärung und/oder personeller Konsequenzen.
- Zusammenarbeit mit den ermittelnden Behörden.
- Kontakt herstellen für ein klärendes Gespräch mit dem Täter, das oft erst nach Jahrzehnten möglich ist.




Grenzen

Als Grenzen seiner Arbeit erlebt der Ombudsmann:- Schweigen der Opfer und ihre Scheu, sich überhaupt jemandem mitzuteilen.- Verdacht in Kirchenkreisen, dass nur Hysterie gemacht wird und falsche Verdächtigungen gefördert werden.- Verletzungen sind von einer Tiefe, in die kaum eine Hilfe hinunterreicht. „Durch das zerstörte Vertrauen ist ein nachhaltiger Schaden in der Persönlichkeitsentwicklung und in der Gottesbeziehung entstanden, der in keiner Weise wieder gutgemacht werden kann.“






Rat & Hilfe

- In Tirol sind Karin Weiman und Hans Tauscher die Ombudsleute für Opfer sexuellen Missbrauchs in der Kirche. Zum Gespräch unter 05 12/59 847–157 einen Termin vereinbaren.

- Helmut Schüller, Ombudsstelle der Erzdiözese Wien für Opfer sexuellen Missbrauchs in der Kirche, Liechtensteinstr. 102/II/11, 1090 Wien; helmut.schueller@netway.at
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