Bahnbrechende Begegnungen begleiten die Ökumene zwischen anglikanischer und römisch-katholischer Kirche. Am Anfang stand ein Blitzbesuch bei Johannes XXIII.
Über 400 Jahre waren die Türen zwischen anglikanischer und römisch-katholischer Kirche verschlossen. Anfang der 60er Jahre begann der ökumenische Aufbruch. Beeinflusst haben ihn Johannes XXIII. und das Zweite Vatikanische Konzil. Dessen Lehren entsprachen in erstaunlicher Weise auch dem Kirchenbild „protestantisch gesinnter“ Anglikaner. Kurzerhand hatte sich 1960 der Erzbischof von Canterbury, Geoffrey Fisher, entschlossen, auf dem Rückweg von Jerusalem in Rom Station zu machen. Der strenge Protestant, der eher misstrauisch nach Rom schaute, wollte dem neuen Papst einen Besuch abstatten. Es war das erste Mal, dass ein anglikanischer Erzbischof von Canterbury den Papst treffen sollte. Der Vatikan war höchst misstrauisch. Das Treffen könnte signalisieren: Rom wäre eventuell bereit, die apostolische Sukzession anglikanischer Bischöfe anzuerkennen. So wurde dem englischen Gesandten erklärt, dass es weder ein offizielles Foto noch eine Presseaussage geben könne. Es sei ein „rein privater“ Besuch.
Erfolgreich heruntergespielt
Ein wenig steif saßen sie einander gegenüber, diese beiden ältlichen Herren. Johannes XXIII. trug auf Englisch seine Rede vor. Als er hinwies auf „die Zeit, wenn unsere getrennten Brüder wieder zurück zur Mutterkirche kehren werden“, unterbrach ihn Fisher. „Nicht ,zurückkehren‘, Eure Heiligkeit“, sagte er. Der Papst schaute ein wenig konsterniert. „Nicht zurückkehren?“, fragte er. „Aber es kann doch keiner von uns rückwärts laufen“, antwortete Fisher. „Wir laufen doch parallel zueinander und schauen immer nach vorne. Und zu dem Zeitpunkt, den Gott für richtig hält, werden sich unsere Wege nähern, um sich schließlich zu treffen.“ Der Papst hielt ein paar Sekunden inne und sagte leise: „Sie haben Recht.“ Obwohl der Vatikan die Bedeutung des Besuches erfolgreich herunterspielte, in England wird er bis heute als ganz besonders wichtige Wende für die Christen gesehen.Michael Ramsey, ab 1961 Erzbischof von Canterbury, besuchte 1966 Papst Paul VI. Als sie gemeinsam in St. Paul vor den Mauern beteten, nahm Giovanni Montini plötzlich seinen Bischofsring vom Finger und gab ihn Ramsey. Er war tief gerührt und trug den Ring bis zu seinem Lebensende. Bei dieser Begegnung entstand die Internationale Anglikanisch-Katholische Kommission (ARCIC). Diese Dialogrunde von Bischöfen und Theologen beider Kirchen trifft sich seither regelmäßig zur Klärung theologischer Fragen. Auf anglikanischer Seite war klar: Ziel ist die volle und sichtbare Einheit beider Kirchen. Ramseys Nachfolger Donald Coggan kam zwar vom „protestantischen Flügel“, aber auch er war für die volle Einheit. Coggan hielt in Rom sogar eine flammende Rede für die Interkommunion. Das war die Situation, als Robert Runcie 1980 Erzbischof von Canterbury wurde.
Eine mutige Geste
Der Zufall wollte es, dass Robert Runcie und Johannes Paul II. gleichzeitig in Afrika waren. Auch der Erzbischof von Canterbury ist ständig auf Reisen, um die 37 Mitgliedskirchen der „Anglikanischen Gemeinschaft“ zu besuchen. So trafen sich die beiden am 9. Mai 1980 in Accra (Ghana). „Besuchen Sie doch Canterbury“, sagte er spontan, „wir haben einen Märtyrer (Thomas Beckett), der Ihnen gefallen würde.“ Eine ausgesprochen mutige und großzügige Geste des Oberhaupts der anglikanischen Kirche. Zwei Jahre später, im Mai 1982, kam der Papst tatsächlich. Kardinal Basil Hume, der katholische Erzbischof von London, alle katholischen wie anglikanischen Bischöfe des Landes und Prinz Charles waren gekommen. Johannes Paul II. und Robert Runcie saßen nebeneinander, zwischen ihnen das Canterbury-Evangeliar, das der hl. Augustinus von Canterbury im 7. Jahrhundert mitgebracht hatte, als er England christianisierte.Und Queen Elizabeth II.? Den 1999 verstorbenen Basil Hume nannte die Königin „my cardinal“. Und sie ist jene Monarchin, die erstmals seit der Reformation von 1533 offiziell einen katholischen Gottesdienst besucht hat: 1995 zur 100-Jahre-Feier der katholischen Westminster-Kathedrale.
Christa Pongratz-Lippitt ist Österreich-Korrespondentin der katholischen Wochenzeitung „The Tablet“ in London.