Heiligsprechung: Der Kapuzinerpater ist in Italien „lebendiger“ denn je
Ausgabe: 2002/24, Pater Pio, Pio, Italien, Kloster, San Giovanni Rotondo, Kapuzinerpater, Padre Pio
11.06.2002
„Versuch einer Recht-fertigung“ nennt der Kapuziner Br. Karl-Martin Gort aus Feldkirch seine Überlegungen zu „Padre Pio“. Zur Heiligsprechung P. Pios am 16. Juni werden in Rom eine Million Menschen erwartet.
In unseren Breiten ist Padre Pio – wenn überhaupt – eher eigenartig anmutend präsent: Es gibt Kleinschriften, meist italienischer Herkunft und in entsprechender Aufmachung, die uns nüchterne Menschen nördlich der Alpen nicht so anspricht, schon von der Art der äußeren Aufmachung her.
Was über Padre Pio bekannt ist, beschränkt sich eher auf Aufsehen erregende Details wie die Wundmale, die Gabe der Bilokation, der Seelenschau und der Prophetie, die Gabe der Heilung von Krankheiten – auch nach seinem Tod; alles eher singuläre Elemente, die nicht unbedingt, wie viele meinen, das Wesen eines Heiligen ausmachen. Der Maßstab für die Heiligsprechung ist und bleibt der außergewöhnliche Grad der Nächstenliebe, die in seinem Leben sichtbar wurde.
Was könnte P. Pio und seine Heiligsprechung dennoch für uns heute bedeuten? Bei allen Bedenken kann ich doch auch meine Zustimmung geben und versuchen, dem großen Spektakel einen positiven Sinn abzugewinnen: Der Maßstab für die Heilig-sprechung ist und bleibt der außergewöhnliche Grad der Nächstenliebe, wie sie in seinem Leben sichtbar wurde.
Mystische Phänomene
Seine innere Beziehung zu Gott muss derart intensiv gewesen sein, dass er davon total erfüllt war und sich allein von ihm bestimmen hat lassen in seinem Tun – was von seiner Umgebung oft nicht verstanden wurde. Das musste unweigerlich zu Problemen führen: Verbot, die Liturgie zu feiern und öffentlich aufzutreten, Verbot Sakramente zu spenden und andere priesterliche Funktionen auszuüben und peinliche ärztliche Untersuchungen, die P. Pio jedoch geduldig und ohne Widerspruch hingenommen hat. Er hat sich den Bestimmungen seiner Ordensoberen gefügt und nicht die eigenen Pläne durchgezogen. So hat er den Willen Gottes zu erfüllen versucht. Ein einziger Leidensweg war es, der ihm und vielen Menschen zum Segen wurde.
„Apostel des Beichtstuhls“
Die Kraft seiner Ausstrahlung – gründend auf dieser innigen mystischen Verbindung mit Gott – muss offenbar gewaltig gewesen sein. Viele Menschen haben sich voll Vertrauen ihm geöffnet, um aus seinem Mund das erlösende Wort der Vergebung zu erhalten. Nachweislich haben Menschen dadurch einen neuen Weg für ihr Leben finden können.
All das ist für uns heute schwer nachvollziehbar. Aber die Faszination dieses Lebens ist geblieben, hat sich im Lauf der Jahre sogar noch gesteigert. Es ist ein wahres Erlebnis, die vielen Menschen in San Giovanni Rotondo beten zu sehen. Hier wird nicht nur Geschäft mit dem Heiligen gemacht – natürlich gibt es auch das – hier geschieht Begegnung mit Gott.