Aufwachsen in einer unsicheren Welt – 51. Pädagogische Werktagung
Ausgabe: 2002/24, Glück, Kinder, Werktagung,
11.06.2002
- Christina Gastager-Repolust
Die 10-jährige Tina aus Graz begeht Selbstmord. Ein Erfurter Schüler übt Lynchjustiz. „Wa ist mit unseren Kindern los?“, fragen die Medien.
Eine aktuelle Studie belegt, dass sich 11,3 der befragten Schüler/-innen in Wien im Alter von 14 bis 18 Jahren als „depressiv“ einstufen. Glückliche Kinder sind anscheinend nur noch in Werbespots anzutreffen, vorausgesetzt, der richtige Saft oder Jausensnack steht bereit?
„Nein, die Lebenswelten von Kindern sehen auch anders aus“, widerspricht der Salzburger Religionspädagoge Anton A. Bucher. „Wenn große Magazine über Kindheit schreiben, dann tun sie das oft im Katastrophenstil: die heutigen Kinder seien gestört, unkonzentriert, sie zappeln einsam vor dem PC herum, werden mit Psychopharmaka vollgestopft. Wenn ich mich im Umfeld meiner sechs Kinder orientiere, sehe ich nach wie vor auch viele glückliche, spielende, neugierige Kinder. Diese Erfahrungen ließen mich nachforschen: Wie glücklich sind Kinder wirklich? Was macht Kinder glücklich?“ Anton Bucher stellte in der Folge über 1300 Schulkindern im Alter von 9 bis 13 Jahren die Frage nach ihren Glückserfahrungen.
Richter des eigenen Glücks
„Jeder ist seines Glückes Richter.“ Damit beschreibt Bucher die Facetten von Glückserfahrungen. Was ein Kind glücklich macht, muss nicht selbstverständlich auch von den Erwachsenen als „Glück“ angesehen werden. Etwa die Ratte auf der Schulter der Tochter: „Wir Eltern drehen uns schaudernd weg, während das Kind mit seiner Ratte glücklich ist.“ Ein 10-Jähriger sitzt mit glühenden Fingern vor dem PC, die Mutter würde ihn lieber auf dem Fußballplatz sehen – der Sohn schafft die „neue Welt“ und ist glücklich.
Kindheitsglück hängt, so das Ergebnis der Studie Buchers, stark mit dem Klima in der Familie (in all ihren Formen) zusammen: Lob und Anerkennung sind Glück stiftend, Dauer-Nörgeleien „Immer machst du alles falsch“ schaden. Häufige Aktivität, sei es im Haushalt, in der Kirche, am PC, beim Lesen bereitet Kindern Wohlbefinden, Langeweile macht sie unglücklich.
Forscher und Entdecker
Diese Ergebnisse bestätigen die Thesen der Wissenschaftlerin Donata Elschenbroich, die in ihrem Buch „Weltwissen der Siebenjährigen“ aufzeigt: Kinder sind die geborenen Lerner, sie erobern sich ihre Welt durch beständiges Er-Fragen, sie brauchen Erwachsene, die ihnen antworten. Die Expertin der Frühpädagogik hat in 150 Gesprächen (u. a. mit einer Analphabetin, einem Bischof, zwei 7-Jährigen, einem Erfinder, einer Chemikerin) erkundet: Was soll ein siebenjähriges Kind alles erfahren und gelernt haben? An erster Stelle steht: „Es soll die eigene Anwesenheit als positiven Beitrag erlebt haben.“
Die Klaviatur des Kinderglücks ist differenziert; es gilt, die eigenen „erwachsenen“ Vorstellungen zu relativieren und das wahrzunehmen, bei dem Kinder sich glücken und die Welt ihnen glückt.
Der Tipp:
Anton Bucher, Donata Elschenbroich, Johann Galtung u. a. referieren bei der 51. Internationalen Pädagogischen Werktagung in Salzburg. Sie findet vom 15. bis 19. Juli statt und steht unter dem Thema „Auf dass Kindheit glücke. Aufwachsen in einer unsicheren Welt.“ Die vom Katholischen Bildungswerk und der Caritas ausgerichtete Werktagung ist Österreichs größte Fortbildungsveranstaltung für Kindergartenpädagogen/-innen. Sie wird aber auch von Lehrer/-innen und Erzieher/-innen gerne besucht.
- Information und Anmeldung: Fax 0043-662-8047-522; Internet: www.kirchen.net/ka/pwt; Post: Internationale Pädagogische Werktagung, Kapitelplatz 6, 5020 Salzburg.