Demétrio Valentini gilt als Architekt der Sozialpastoral in Brasilien. Die Kirchenzeitung sprach mit dem Bischof über Erwartungen aus dem Süden an das geplante Sozialwort der Kirchen in Österreich.
Es gehört zu den Fähigkeiten von Don Demétrio Valentini: mit einfachen Worten den Blick auf die Hintergründe zu lenken. So sieht es der Bischof von Lajes denn auch als Dienst der Kirche, den Blick für soziale Konflikte zu schärfen. „Wo liegen Mechanismen, die zu sozialer Ungerechtigkeit in der Welt führen“, lautet im Gespräch mit der Kirchenzeitung seine wiederkehrende Frage. Diese Mechanismen zu benennen, das ist die Erwartung des brasilianischen Sozialbischofs an die Kirchen in Österreich und ihr gemeinsames Sozialwort. Sichtbare Aufforderung zur Veränderung sind für Don Demétrio die weltweiten Flüchtlingsströme. „Jedesmal wenn es in der Geschichte zu Wanderungsbewegungen kommt, dann sind das Momente gesellschaftlicher Veränderung. Und in welche Richtung verlaufen heute die riesigen Flüchtlingsrouten?“, fragt der Bischof. „Für mich sind diese Menschen Zeugen der Ungerechtigkeiten, die heute weltweit existieren. Gleichzeitig fordern sie uns heraus, die Welt nach ethischen Kriterien zu verändern.“
Blickrichtung ändern
„Doch die Welt aus der Perspektive der Kirchen in Europa schaut gut organisiert aus“, meint Bischof Valentini. Deshalb würde er sich im Sozialwort auch eine Option für die Armen wünschen: „Das heißt, die Welt schaut plötzlich nicht mehr so gut aus. Gleichzeitig sind die Armen ein großer Wert. Denn sie zeigen uns den Weg der Veränderung und decken einen gigantischen Handlungsbedarf auf. Jedoch gegenwärtig ist die Welt in einer Verfassung, wo Arme nichts gelten“, meint der Bischof. Deshalb tritt Dom Demétrio für eine Neuordnung in Politik, Wirtschaft und internationale Beziehungen ein: „Statt auf die Durchsetzung von Interessen und den maximalen Gewinn zu starren, gilt es die Frage stellen: Welche Folgen hat diese und jene Entscheidung für das Leben der Menschen?“ Und dabei setzt der Architekt der Sozialpastoral in Brasilien auf die Zivilgesellschaft. „Das ist der Einsatz der Kirche. Die Menschen aufzuwecken, damit sie von der Politik dieses ethische Handeln einfordert.“ Ebenso appelliert der Bischof aus dem Bundesstaat São Paulo an die Europäer, ethische Regeln einzufordern. Er spricht von Mechanismen, die für soziale Ungerechtigkeiten verantwortlich sind. Und er widerspricht der Auffassung, der Welthandel unterliege keinen ethischen Kriterien: „Das ist kein unsichtbares Monster, sondern ein konstruiertes Drama.“Harte Kritik übt Valentini an der Verschuldung armer Länder: „Das ist die Verlängerung des Kolonialsystems. Nur, es läuft viel subtiler. Statt Gold monatelang über die Meere zu transportieren, wird das Geld heute innerhalb von Sekunden per Mausklick angewiesen. Einziger Unterschied: nie zuvor ist so viel aus dem Süden in den Norden geflossen. Und uns fehlt das Allernötigste. Wir können die Welt so nicht weiterlaufen lassen.“ In der Vermittlung setzt Dom Demétrio auf die moralische Autorität der Kirchen, indem sie sagen: „Schaut, wir behandeln hier soziale Ungerechtigkeiten, von denen es heißt, sie hätten neutrale Ursachen. Sie sind nicht neutral. Und sie haben ganz praktische Auswirkungen auf die Armen. Als Kirchen müssen wir der Gesellschaft diesen Dienst erweisen.“
Sozialpastoral
Stichwort
Wenn die Kirche Brasiliens zu politischen Themen für Schlagzeilen sorgt, dann steckt meist die „Sozialpastoral“ dahinter. Und wenn am Tag der Unabhängigkeit landesweit Hunderttausende zum „Schrei der Ausgeschlossenen“ auf die Straße gehen, dann hat die „Pastoral social“ dazu aufgerufen. Dass die Einrichtung der Bischofskonferenz Brasiliens (CNBB) zuletzt immer stärker in der Öffentlichkeit steht, ist mit dem Namen Demétrio Valentini verbunden. Als ihr Entwickler will der Bischof nicht angesprochen werden – „sie hat höchstens einen sehr großen Impuls durch mich erhalten“. Von Kinder- bis zur Gefan-genenpastoral, von der Pastoral für Flüchtlinge, Landlose bis Roma und Sinti spannt sich der Bogen der zehn Arbeitsfelder, die national koordiniert werden und in der Sozialpastoral zusammenarbeiten. „So entsteht das Bewusstsein, dass hinter einzelnen Programmen vielfach eine gemeinsame Ursache steckt.“ Zu den guten Erfahrungen zählt Dom Demétrio, „wenn dein Anliegen, das du verteidigst, in ganz Brasilien auch von den anderen aufgegriffen wird – das ist eine Hoffnung und das motiviert.“ Meistens gehe es um Konflikte, erzählt Valentini: „Aber es ist ja nicht die Kirche, die die Konflikte produziert. Diese bestehen ja schon. Wir helfen nur, sie wahrzunehmen und sie mit anderen Gruppen der Zivilgesellschaft zu lösen.“ wa