Irgendwie lädt das heutige Evangelium zu groben Missverständnissen ein. „Wer sein Kreuz nicht auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig“. Und: „Wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen!“ Da soll sich einer auskennen! Wie soll man etwas dadurch gewinnen können, dass man es zuerst verliert?
Keine Angst sitzt uns tiefer im Nacken als die Angst, unser Leben zu verlieren. Darunter wird nicht das Sterben an sich verstanden, sondern die Tatsache, dass wir unser Leben schon verloren haben, längst bevor wir sterben, weil wir nur auf uns selbst blicken. Wenn einer beginnt, sein Leben zu retten, dann fängt er an, um sich selbst zu kreisen. Diese Selbstumkreisung hat eine Ursache – die Angst. Aus Angst schottet er sich ab, zieht sich zurück, pocht auf sein Recht, bekommt es mit Neid und Eifersucht zu tun, klagt über sich und über andere. Dieser Prozess kann sich so stark steigern, dass vergessen wird, wofür es sich zu leben lohnt. Das ist keine Lebensrettung mehr, das ist ängstlicher Lebensverlust. Das Gegenteil solcher Angst ist Vertrauen. Wer zu diesem Vertrauen findet, verliert das Bedürfnis, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Der wird auch nicht ärmer, wenn er sich verschenkt. Jesus kennt diese menschliche Schwäche der Ichbezogenheit und überrascht mit einer paradoxen und zugleich auch schockierenden Aussage.
Der sein Leben zu retten wagt, verliert es. Und nur der, welcher es verliert, gewinnt es. Wer kann das verstehen? Das ist doch Unsinn! Nein! Es ist das Gesetz des Lebens, das Jesus bestätigt. Zuerst muss etwas sterben, damit Neues entstehen kann. Aber ein Missverständnis wiegt noch schwerwiegender. Es ist die Meinung unter Christen verbreitet, dass Leiden schon in sich etwas Gutes sei. Aber nicht weil etwas weh tut, ist es schon gut. Wir machen alle im Leben mit dem Kreuz unsere Bekanntschaft und müssen es auch tragen. Das Leid und das Kreuz aber zu suchen, das ist nicht christliche Absicht.
Auffällig im Matthäusevangelium ist wie stark die Nachfolge mit der Vollkommenheit verbunden ist. Die ganzheitliche Hingabe an Gott führt nach Matthäus dazu, dass Nachfolge und Vollkommenheit praktisch das gleiche sind. Der Anspruch auf die urmenschlichste Verbindung wie Familie ist der Nachfolge unterzuordnen. Als Hemmschuh der Nachfolge ist nicht die Familie zu sehen, sondern eigentlich das Verhaftetsein an bestimmten Menschen und Dingen mit der Konsequenz, die Freiheit für Gott zu verlieren.