Für die dreifache Mutter Frau W. ist es unerträglich geworden, dass ihr Mann schon jahrelang nur widerwillig und zumeist unter groben Vorhaltungen das Geld für die Haushaltsführung herausgibt. Selber stellt sie ohnhin kaum mehr Ansprüche, obwohl sie vermutet, dass genug Geld vorhanden ist. Sie weiß es nicht wirklich, weil er noch nie offengelegt hat, wie viel er verdient. Herr W. ist Alleinverdiener und davon überzeugt: „Wer das Geld bringt, schafft an und ist der Chef des Hauses!“
Frau W. war ganz erstaunt, dass sie bei aufrechter Ehe sogar gerichtlich vorgehen könnte, wenn ihr der Mann kein oder zu wenig Geld für die Haushaltsführung gibt. Denn im Ehegesetz ist auch der Umgang mit den Finanzen geregelt. Es besteht das Anrecht auf Unterhalt in Form eines „Wirtschaftsgeldes“ zur Abdeckung der Familienkosten und eines „Taschengeldes“, das die persönlichen Bedürfnisse des haushaltsführenden Partners in angemessener Weise deckt (§ 94 ABGB). Wir sprachen auch davon, dass die Ehe kein Dienstverhältnis ist. Daher gibt es in der Ehe keinen Chef, und wenn, dann ist auch Frau W. ihre eigene Chefin. Das österreichische Eherecht baut auf dem Prinzip der Partnerschaft und der Gleichberechtigung beider Ehegatten. Konkret ist damit gemeint, dass beide Partner die gleichen persönlichen Rechte und Pflichten haben (§ 89 ABGB).Was in der Familie W. hinter dem Kampf ums Geld steht, wird sich erst in den nächsten Beratungsgesprächen ausführlicher zeigen. Es kann sein, dass es um einen versteckten und symbolischen Machtkampf geht, bei dem sich Herr W. einen anerkannten Platz in der Familie zu verschaffen oder zu erhalten versucht. Möglicherweise haben die beiden noch nie darüber reden können, berührt es doch ganz stark den emotionalen Bereich, der mit Argumenten nicht leicht zu erschließen ist. Mangelnde Anerkennung scheint ein Thema zu sein. Frau W. könnte sich für ihre Familienarbeit durch eine gerechte Geldeinteilung aufgewertet fühlen. Herrn W. bringt es Anerkennung, wenn seine Arbeit, die das Geld einbringt, von seiner Frau geschätzt wird. Das ist ein mühsamer Lernprozess für beide und hat erst dann einigermaßen gegriffen, wenn sich keiner der Partner ausgenützt fühlt.