Wer in einer Pfarre lebt, in der es täglich eine Messe gibt, wird in diesen Tagen Bekanntschaft mit dem Propheten Amos machen.
Zeit ist es, Bilanzen zu ziehen. Der Finanzminister sagt, ob nach den Halbjahresdaten das Defizit im Nullstellenbereich liegen wird. Wie die Unfallzahlen im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren und mit welchen Zwischenergebnissen die staatswichtigen Produktionsbetriebe zu rechnen haben, wird aufgelistet und kommentiert. Da mischt sich, in all das Konjunkturgerede, Amos ein. Viehzüchter und Maulbeerbaumpflanzer war er, ehe er zum Propheten wurde, damals im 8. Jahrhundert vor Christus. Er ist der große Zwischenrufer. Sein Ruf – er wird am Freitag dieser Woche gelesen – gilt denen, die nur auf Erfolgsbilanzen aus sind. „Ihr sagt: Wann ist das Neumondfest vorbei? Wir wollen Getreide verkaufen. Und wann ist der Sabbat vorbei? Wir wollen die Kornspeicher öffnen, das Maß kleiner und den Preis höher machen.“ Sie haben nur ihre Geschäfte im Sinn. Was soll da schon schlecht sein? Den kleinen Geschäften folgen die größeren, den kalkulierbaren die riskanten. Immer mehr Macht wird dem dem Gewinngott zugeschrieben. Die Geschäftstüchtigkeit nimmt unmenschliche Züge an. Da fälschen sie dann die Gewichte. „Wir wollen mit Geld die Hilflosen kaufen, mit ein paar Sandalen die Armen“, enthüllt Amos die Gesinnung der Menschen, die ihr Herz dem Geld unterworfen haben. In einer solchen Welt geht das Licht aus. „An jenem Tag lasse ich am Mittag die Sonne untergehen“, verkündet Amos die Stimme Gottes. Am helllichten Tag wird über der Erde Finsternis sein. Es gibt erhellende und es gibt düstere Bilanzen. Amos, der nüchterne Prophet, wird einer Bilanz der Menschlichkeit das Wort reden. Nicht die volle Kasse ist das Maß der Dinge, sondern die Menschlichkeit. Um jene soll es hell werden, die keine Aussicht haben.Amos war Bauer. Vielleicht hat Gott ihn deshalb zum Propheten gemacht, weil er den Boden unter seinen Füßen kannte – und nicht verlassen hat. So wusste er um die Sorgen der Armen. Gut sind Bilanzen erst, wenn sie für die Armen gut sind. In diesem Sinn ist Amos wohl ein früher Vertreter einer „Sozialverträglichkeitsprüfung“.