Frau Mozes Kor, sie waren mit ihrer Zwillingsschwester Miriam „Versuchkaninchen“ bei Experimenten des Dr. Mengele im KZ Auschwitz? Wie kann das, was sie erlitten haben, heilen?
Mozes Kor: Wie man das heilen kann? Man muss es heilen! Wenn Sie sich den Fuß brechen, dann müssen Sie den Fuß heilen; es wird eine Narbe bleiben, aber sie können wieder gehen. Wenn das Leben zerbricht – um wieder lachen zu können, um wieder ohne Alpträume schlafen zu können, um sich um eine Familie und Kinder sorgen zu können, muss ich mich um die Heilung meiner Seele, meines Lebens kümmern. Aber um ehrlich zu sein, dass ist nicht einfach. Ich bin zum Beispiel niemals vor meinen eigenen Gefühlen davongelaufen. Ich habe versucht zu verstehen, warum ich so fühle. 1954 war ich beim israelischen Militär. Damals hasste ich alles, was irgendwie deutsch oder österreichisch war. Die Nazis hatten meine ganze Familie ermordet. Als ich wieder einmal voller Zorn über Deutsche sprach, fragte mich ein Kollege: „Und, was willst du tun? Willst du ein Gewehr nehmen und jemanden erschießen?“ Ich entgegnete: „Ich? Niemals!“ Ich hatte ja nicht die geringste Absicht, jemanden zu töten oder zu verletzen. Ich merkte: die einzige Person, die durch meinen Zorn verletzt wird, bin ich selber! Langsam bin ich den Menschen näher gekommen, die meine Feinde waren, habe ihre Kinder und Enkel kennengelernt . . . Reißen nicht die alten Wunden wieder auf, wenn man über die Vergangenheit redet? Mozes Kor: Ja, ich muss bereit sein, mich dem Leid zu stellen. Ich sehe aber keinen Grund, am Schmerz festzuhalten. Sich darüber zu erheben, die Begegnung mit anderen Menschen suchen, auch mit den ehemaligen Feinden, das heilt. Ich kann das Vergangene nicht Ungeschehen machen. Versucht ihr aber nicht, das Geschehene zu rechtfertigen. Niemand hatte das Recht, uns zu töten. Aber wenn ich denen, die mich verletzt haben, niemals vergebe, dann bedeutet das, ein Leben lang an diesem Schmerz festzuhalten. Wie kann ich von diesem Schmerz loskommen? Es geht um Vergebung, aber nicht um des Friedens der Verfolger willen – Vergeben gibt den Opfern ihre Freiheit wieder.
Was erwarten Sie sich von der Seite der Zuschauer, der Mitläufer und der Täter?
Mozes Kor: Angenommen, ich hätte jemand aus ihrer Familie erschossen, in Notwehr oder wie auch immer. Ihnen zu sagen, was ich getan habe, bedeutet bereits, dass ich sehe, dass ich etwas Falsches getan habe. Alleine diese Ehrlichkeit wurde den meisten überlebenden Opfern nie gegeben, geschweige denn, dass die Täter Reue gezeigt hätten.
Haben Sie einen Wunsch an die Menschen in Österreich?
Mozes Kor: Die alten Menschen möchte ich fragen: Was ist passiert unter Hitler? Möchten Sie, dass ihre Kinder und Enkel so viel Leid und Not erleben? Erzählen Sie von dieser Zeit, damit ihnen dieses Schicksal erspart bleibt! Wenn Sie gefragt werden, dann schweigen Sie nicht und geben Sie ihre Antwort! Und an die jungen Menschen: Fragt eure Eltern und Großeltern, hört ihnen zu! Wenn man beginnt, über eine Tragödie zu reden, dann ist es kein dunkles Geheimnis mehr. Alleine die Tatsache, darüber zu reden, wird helfen.Brigitte Huemer
Hintergrund
Zur Person
Am 30. Jänner 1934 werden Eva und ihre Zwillingsschwester Miriam in Portz, einem kleinen Ort in Rumänien geboren, wo die Eltern einen Bauernhof bewirtschaften. Im März 1944 wird die Familie in das Ghetto von Simleul Silvanei umgesiedelt, später in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. Die Kinder verlieren ihre Eltern Alexander (44) und Jaffa (38), ihre älteren Schwestern Edit (14) und Aliz (12), Großeltern, Tanten, Onkeln und Cousins.
NS-Experimente
Bei der Ankunft in Auschwitz werden Eva und Miriam bei der Selektion als Zwillinge erkannt. Gemeinsam mit anderen Zwillingskindern sind sie lebendige Versuchskaninchen für pseudomedizinische Experimente des KZ-Arztes Dr. Josef Mengele. Unter anderem wurden im Auftrag von Pharmafirmen (z. B. Bayer, damals IG Farben) nach herbeigeführter Infektion mit Fleckfieber Medikamente getestet. An einem Kind wurden Experimente durchgeführt , das andere diente als „Vergleichsobjekt“. Starb ein Kind bei Versuchen, wurde das zweite für eine vergleichende Autopsie durch Injektionen ins Herz getötet. Eva überlebte wie durch ein Wunder verschiedene Versuche und „rettete“ so ihrer Schwester das Leben. Am 27. Jänner 1945 wurden sie in Auschwitz befreit. www.candles-museum.com