Ökumenischer Patriarch ruft auf, am „Schöpfungstag“,dem 1. September, für den „Weltgipfel über nachhaltige Entwicklung“ zu beten.
„Heute kann sich niemand mehr darüber hinwegtäuschen, dass die Kluft zwischen Nord und Süd tiefer ist als je zuvor“, sagt Molefe Tsele. Der Generalsekretär des Südafrikanischen Rates der Kirchen erklärt auch warum: „Eine solche Armut, einen so weitgehenden Entzug der lebensnotwendigsten Dinge und der Menschenwürde hat es nie zuvor gegeben.“ Zahlen aus dem Mitte August vorgelegten UN-Bericht machen Tseles Aussagen mehr als nur verständlich: täglich sterben 6000 Kinder an einer Krankheit, die durch verschmutztes Trinkwasser verursacht wurde. Luftverschmutzung tötet jährlich drei Millionen Menschen, 800 Millionen gelten als chronisch unterernährt, und insgesamt 2,4 Mrd. Menschen verfügen nicht über eine eigene Sanitäreinrichtung.
Zehn Jahre nach Rio
„Vor zehn Jahren in Rio waren wir dabei. Seither begleiten wir die Nacharbeit“, sagt Martin Robra vom Team für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung (JPC) des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK): „Wir wissen, dass die 1992 in Rio beschlossenen Vorgaben für nachhaltige Entwicklung von den reichen Ländern nicht umgesetzt worden sind. Und die Tagesordnung von Johannesburg wurde zunehmend von den Interessen der Privatwirtschaft bestimmt.“Diese Bilanz erstellt auch Judith Zimmermann von der Koordinierungsstelle der Österreichischen Bischofskonferenz für Entwicklung und Mission (KOO): „In diesen zehn Jahren seit Rio ist ein Rückschritt statt eines Fortschrittes zu beobachten.“ Die Industrienationen sind weit davon entfernt, für Entwicklungshilfe jene 0,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aufzuwenden (Österreich 0,23 Prozent), wie sie das 1992 in Rio zugesagt hatten. „Gleichzeitig ist weltweit die Armut gewachsen. Die in Rio gesteckten Ziele wurden nicht erreicht“, sagt Zimmermann. Sie ist als Vertreterin der regierungsunabhängigen Organisationen (NGOs) Mitglied der offiziellen Delegation Österreichs bei dem UN-Weltgipfel, der noch bis 4. September dauert. Der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios I., hat alle Christen aufgerufen, den 1. September als „Schöpfungstag“ zu begehen und weltweit für den Gipfel von Johannesburg zu beten.
Forderungen
0,7% bis 2010
Für Weihbischof Ludwig Schwarz ist Johannesburg ein guter Anlass, „damit sich Österreich endlich zum Ziel der 0,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Entwicklungshilfe bekennt.“ Der in der Österreichischen Bischofskonferenz für Mission und Entwicklung zuständige Schwarz appellierte am Freitag vergangener Woche an Finanzminister Grasser, „einen Stufenplan zur Erreichung des 0,7-Prozent-Zieles bis 2010 zu verabschieden.“ Erst beim EU-Gipfel in Barcelona im Juni dieses Jahres wurde beschlossen, die Entwicklungshilfe auf einen EU-Durchschnitt von 0,36 Prozent bis 2006 zu steigern. Demnach muss Österreich die Leistungen bis dahin von 0,23 auf 0,33% ausbauen.
Mr. Sustainability
43 österreichische NGOs aus dem Bereich Entwicklung und Umwelt fordern von der Bundesregierung einen „Mr. Sustainability“. Diese Person soll die Umsetzung der Strategie zur zukunftsfähigen, umweltverträglichen und sozial gerechten Entwicklung koordinieren. Dies sei dringend notwendig, da derzeit mehrere Ministerien sowie Bund und Länder unkoordiniert agieren.
Links zum Weltgipfel:www.johannesburgsummit.orgwww.weltgipfel2002.dewww.care.at
Schwerpunkte
Für UN-Generalsekretär Kofi Annan sind die Hauptthemen beim „Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung“ in Johannesburg:
- Trinkwasser und Kanalisation für alle Menschen - Möglichst umweltfreundliche Energieversorgung – Abkehr von Öl und Kohle - Gesundheit der Menschen, vor allem in den ärmeren Staatenn Umweltgerechte Landwirtschaft - Rettung der Artenvielfalt
Judith Zimmermann vertritt diese Woche in Johannesburg 29 Entwicklungsorganisationen aus Österreich.
Wenn Judith Zimmermann die zehn Jahre seit dem Rio-Gipfel bilanziert, dann fällt ihr Urteil ernüchternd aus: „Es hat sich fast nichts getan“, sagt die Mitarbeiterin der Koordinierungsstelle der Bischofskonferenz für Mission und Entwicklung (KOO). Bis 4. September nimmt sie teil am „Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung“. Die Umsetzung von Agenda 21, Kyoto-Protokoll & Co sollen dort bewertet und Folgen daraus gezogen werden. „Warum soll sich in Johannesburg plötzlich etwas tun“, fragt die KOO-Bildungsreferentin. „Im schlimmsten Fall wird Altes neu bestätigt.“ Ehrlich gesteht sie vor Abreise nach Joburg, wie die Metropole im südlichen Afrika genannt wird: „Vom Umweltgedanken her ist das nicht tragbar.“ Immerhin sind die 70.000 Teilnehmer, Österreichs Regierungsdelegation umfasst knapp 50 Personen, per Flugzeug angereist. Dass unter Südafrikas Nachbarn 15 Millionen Menschen vom Hungertod bedroht sind und die Staatengemeinschaft für deren Überleben kaum Geld erübrigt, wirft zusätzlichen Schatten auf das Megaereignis zur sozial gerechten Zukunft.Beides gegeneinander auszuspielen lehnt Judith Zimmermann ab. Denn die breite Diskussion nach Rio hat weltweit deutlich gemacht: „Umwelt und Entwicklung gehören zusammen“, erinnert sich die Absolventin der Entwicklungsländerforschung an ihre Studienjahre in Wien. Keine Diskussionen aber gab es zu den „Rio+10“-Positionen der Bundesregierung. Drei Tage vor Abflug wurden sie verteilt, nachdem 43 NGOs sich ein Jahr bemüht hatten, diese zu erfragen.
Die Zwillingsübel
„Wenn 15 Prozent der Weltbevölkerung mehr als die Hälfte der Ressourcen verbrauchen, dann wissen wir ganz genau, wo wir ansetzen müssen.“ Es scheint logisch, was der Vatikanvertreter beim Weltgipfel in Johannesburg da ausspricht. Erzbischof Martino meint den Lebensstil auf unserem Planeten, der das Kennzeichen eines Zwillingsübels trägt – bittere Armut und exzessiver Konsum. Angesichts dieser Wirklichkeit klingt das Gipfelmotto wie die klassische Themenverfehlung bei einer Schularbeit: „Verantwortbarer Wohlstand für alle“. Sollte es einmal soweit sein, dass nicht mehr 6000 Kinder täglich sterben müssen, nur weil sie kein sauberes Trinkwasser haben, dann hat das nichts mit Wohlstand zu tun. Das Unfassbarste jedoch ist: US-Präsident Bush schwänzt gleich die Schularbeit.