Mädchen einer katholischen Schule in Nordirland waren Geiseln im Religionskonflikt: ihr Schulweg führt durch eine protestantische Straße.
Ein Großaufgebot an Sicherheitskräften erwartet die Schülerinnen der Holy-Cross-Schule in Belfast, wenn sie am Montag dieser Woche von den Sommerferien zurückkommen. Denn die Erinnerungen an gewalttätige Angriffe auf die Schulkinder sind noch allgegenwärtig. Erst vor neun Monaten konnte der Konflikt um den Weg zur katholische Grundschule entschärft werden. Alle sind sich jedoch bewusst, dass die Gewalt neu aufflammen kann. Erst vergangene Woche wurde vor der Schule eine Rohrbombe entschärft. Und das nahe gelegene Dominikaner-Kolleg war durch einen Brandanschlag verwüstet worden.
Täglicher Horror
„Die Kinder werden jetzt mit dem Bus zur Schule gebracht“, sagt Anne Tanney. Die Direktorin von Holy-Cross musste zusammen mit den Schülerinnen und Lehrkräften den täglichen Horror in der Ardoyne Road durchmachen. Vorläufig wurde dieser erst im Jänner beendet. „Die Gewalt ist wirklich am Ende, aber die Auswirkungen werden uns noch lange begleiten. Ich bin überzeugt, dass die Kinder das nie vergessen werden“, meint Tanney.„Als katholische Schule in dem mehrheitlich von Protestanten bewohnten Gebiet hatten wir immer wieder Probleme. Aber wir haben versucht, gute Beziehungen zu unseren protestantischen Nachbarn zu knüpfen“, erzählt die Direktorin. „Es gab eine Zeit, als die Protestanten rund um die Schule uns gegrüßt haben und freundlich waren. Die Mädchen konnten kommen und gehen wie in jeder anderen Schule auch. Sie fühlten sich sicher und viele kamen alleine hierher.“Am 19. Juni 2001 war plötzlich alles ganz anders. Protestantische Gruppen versperrten den Schulweg und sorgten für ein Klima der Einschüchterung. Die Polizei kam mit Schutzausrüstung, Soldaten mit Maschinengewehren und Panzerwagen. Täglich mussten die Eltern mit den vier- bis elfjährigen Kindern den schmalen Korridor passieren. Oft flogen Steine und Flaschen, Feuerwerkskörper oder Benzinbomben. Drei Menschen wurden verletzt. „Vielleicht ist es die Stimmung, die Protestanten würden irgendwie unterliegen. Dieser Eindruck ist allgegenwärtig“, meint Tanney über die Hintergründe. „Aber Kinder dürfen dafür niemals verantwortlich gemacht werden. Ich bin überzeugt, wenn sich das nicht hier bei uns ereignet hätte, dann wäre eine andere katholische Schule in die Schusslinie geraten.“
Kinder im Mittelpunkt
Dennoch, das Leben in Holy-Cross ist weitergegangen. Anne Tanney und ihre zwölf Lehrkräfte haben sich der zusätzlichen Herausforderung extrem verängstigter Schülerinnen gestellt. „Wir haben auf jedes einzelne Kind geachtet und wollten die individuellen Bedürfnisse herausfinden: zeigt ein Kind spezielle Probleme oder Stresssymptome. Wenn es notwendig war, haben wir eine spezielle Beratung angeboten.“ Für mehr als 120 von über 300 Mädchen war diese Hilfe notwendig. Auch jetzt werden 30 weiterhin die Beratung aufsuchen.Werden die Schülerinnen über diese schrecklichen Erfahrungen hinwegkommen? „Ich weiß das wirklich nicht“, meint die Direktorin. „Es ist schwer, Langzeitwirkungen vorherzusagen. Einige haben unsere Schule verlassen.“
Einziger Weg nach vorne
Während der Monate, als sich die Schule völlig isoliert gefühlt hat, kamen Botschaften der Hoffnung aus aller Welt. „Kinder haben uns geschrieben, dass sie für uns beten und jeden Tag an uns denken. Diese Gebete haben uns wirklich aufrecht erhalten. Wir haben Tausende Briefe und über 20.000 Weihnachtskarten erhalten“, erzählt Direktorin Tanney.Auf die Frage, ob sich diese Gewalt wie im vergangenen Jahr wiederholen könnte, antwortet Anne Tanney: „Ich denke nicht. Denn jeder, der darin involviert war, hat erfahren, dass er in einer Verlierersituation ist.“ Und die Schulleiterin ergänzt: „Ich hoffe, dass den Menschen klar wird, dass es für uns alle hier nur einen einzigen Weg nach vorne gibt: zusammen leben und zusammen arbeiten. Und niemand darf in Angst leben.“ Schon bisher hat die Holy-Cross-Schule „Anstrengungen unternommen, um der anderen Seite in diesem Konflikt die Hand entgegenzustrecken“, erklärt ihre Leiterin. Jetzt nach den Ferien sollen wieder Brücken zu den protestantischen Nachbarn gebaut werden – das zählt zu den wichtigsten Plänen von Anne Tanney.
Ray Hearn/Walter Achleitner
Hintergrund
Anne Tanney ist die Direktorin der katholischen Holy-Cross-Schule in Belfast: „Wir hatten eine Regel. Während dieser Zeit schauten wir Lehrer weder Fernseh- noch hörten wir Radionachrichten. Denn wir wussten, das würde uns nur noch mehr aufregen. Doch wir wollten uns ganz auf die Kinder konzentrieren und versuchen, alles so normal wie möglich zu halten.“