Am 26. Dezember vollendet Diözesanbischof Maximilian Aichern sein 70. Lebensjahr. Im Interview erzählt er von Menschen und Begegnungen, die ihm in seinem Amt Halt und Hoffnung geben.
Kirchenzeitung: Welche Gestalten der Bibel sind Ihre Lebensbegleiter?
Bischof Maximilian Aichern: In verschiedenen Lebensaltern haben mich verschiedene Gestalten sehr angesprochen. Sehr imponiert hat mir als Kind der kleine David zum Beispiel. Immer schon hat mir die Haltung Mariens, ihr Ja zur Berufung Gottes, dieses fast revolutionäre Sozialprogramm im Magnifikat, gefallen, ja, sie hat mich begeistert.
Jetzt im Advent ist es die Gestalt des Propheten Jesaja. Viele seiner Worte wie auch seine Sendung, den Armen die Frohe Botschaft zu bringen und die zerbrochenen Herzen zu heilen, geben Hoffnung und sind ein Lebensprogramm. Die Mitte der Frohen Botschaft jedoch ist die Gestalt Jesu, die ganz zur Nachfolge einlädt.
Kirchenzeitung: Welchen Gestalten der Kirchengeschichte verdanken Sie Impulse?
Aichern: Wenn ich von Jesus rede, möchte ich hier besonders die Gestalt des Joseph Cardijn anführen, des Gründers der Katholischen Arbeiterjugend. Nicht nur Jugendlichen seiner Zeit war er mit seiner sozialen Botschaft aus dem Glauben heraus Vorbild.
Aus der Kirchengeschichte möchte ich – weil ich ja auch aus seiner Ordensgemeinschaft komme – den heiligen Benedikt mit seiner Haltung nennen: nämlich Gebet und Arbeit als Lebensinhalt zu begreifen.
Bei Benedikt sprechen mich auch seine Haltung der Güte, seine Christo-Zentrik und sein Weg der Mitte, ohne Extreme, seine Gastfreundschaft an. Die Ausgewogenheit seiner Botschaft als Interpretation des Evangeliums ist mir bis heute eine große Hilfe.Auch von Heiligen wie Franz von Assisi kann man wirklich viele Impulse bekommen.
Ich nenne auch zwei Selige unserer Zeit. Marcell Callo, der junge Franzose, der in Mauthausen ums Leben gekommen ist. Und dann den seligen Anton Schwarz, der Arbeiterapostel von Wien, der Gründer der Calasantiner, von dem ich von Kindheit an vieles wusste, weil ich in einer seiner Pfarren groß geworden bin.
Aus der jüngeren Kirchengeschichte habe ich immer sehr Kardinal Martini, den Jesuitenkardinal von Mailand, beobachtet – wie er in seiner ruhigen Art zu Fragen Stellung genommen hat, wenn es wirklich wichtig war. Die Ausgewogenheit seiner Stellungnahmen und sein Leben als Bischof in der Gesellschaft beeindrucken mich. Dieser gesunde Weg einer christlichen Mitte, der ist mir schon wichtig.
Kirchenzeitung: Gibt es für Sie aus der bisherigen Amtszeit als Bischof Begegnungen, die Ihnen besonders wertvoll geworden sind?
Aichern: Da ist zunächst einmal Papst Johannes Paul II., dem ich immer wieder begegne, wenn ich im Auftrag der österreichischen Bischofskonferenz an der Italienischen Bischofskonferenz teilnehme, ebenso bei bei den Ad-limina-Besuchen. Vor allem erinnere ich mich an die Begegnungen mit ihm in Österreich, besonders in Oberösterreich – im Lager Mauthausen und am frühchristlichen Bischofssitz Enns-Lorch beim Treffen mit den Arbeitern und Bauern.
Sehr wertvoll war für mich das Zusammentreffen mit dem ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel in Mauthausen im Rahmen des Donau-Symposions.
Begegnungen spielen in meinem Leben überhaupt eine große Rolle. Ich denke an die weltweiten Begegnungen bei den Welt-Bischofssynoden über die Laien und über die Orden, bei denen ich als Vertreter der österreichischen Bischöfe war. Ich denke an die Begegnungen mit den Schwestern und Brüdern anderer christlicher Kirchen und Religionen, etwa in Sarajewo oder im Bereich des ehemaligen Jugoslawiens.
Wichtig und wertvoll sind für mich die Begegnungen in den Pfarren, in den Schulen. Von diesen Begegnungen gewinne ich sehr viel. Gerade auch mit Arbeitern und ihren Vertretern, in Gewerkschaften und Kammern, ebenso mit den Bauern, mit Frauen, Kindern und Jugendlichen.
Kirchenzeitung: Sie sind Bischof in einer Phase großer gesellschaftlicher Veränderungen. Gibt es für Sie Leitworte, die bei der Orientierung helfen?
Aichern: Leitmotive sind sehr oft in der Bibel zu finden. Das Wort Jesu zum Beispiel: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“
Ein Wort Jesu, das auch in schwierigen Situationen helfen kann, ist: „Ich bin bei euch alle Tage.“ Solche Worte geben schon Hoffnung, auch mir ganz persönlich.
Ich bin sehr dankbar, dass ich oft bei Prozessen in den letzten Jahrzehnten mitwirken durfte. Daraus sind viele spirituelle Impulse gekommen. Ich denke da an Sätze wie: „Der Mensch ist Ziel und Mitte der Wirtschaft“, wie wir Bischöfe es im Sozialwort 1990 geschrieben haben. Ich denke da sehr an die Schwerpunkte des ökumenischen Sozialwortes, an dessen Fertigstellung wir intensiv arbeiten.
Wenn man die „Kirche als wanderndes Volk Gottes“ ansieht, wie es das Konzil formuliert, kann man gesellschaftliche Veränderungen durchaus als Chance sehen und als Auftrag.
Sehr bedrückt haben mich in letzter Zeit die Dissonanzen zwischen dem Innenministerium und unseren Hilfsorganisationen Caritas, Diakonie, Rotes Kreuz, Volkshilfe usw. bezüglich Flüchtlingen und Asylanten. Wie das Innenministerium mit unseren Leuten umgegangen ist, hat mich sehr betroffen gemacht.
Kirchenzeitung: Mit 70 teilen Sie wohl die Lebensgefühle älterer Menschen. Was möchten Sie aus dieser Erfahrung heraus jungen Leuten sagen?
Aichern: Ich habe den christlichen Glauben immer als Lebensbereicherung, als Hilfe, ja als Glück erfahren. Gemeinsam mit den Eltern und Großeltern in unseren Familien, mit den Seelsorgern, den Lehrern und den Aktivisten, Frauen und Männern, möchte ich diese Glaubenserfahrung auch an die jüngere Generation weitergeben.
Aus dem Evangelium und den Grundlinien des christlichen Glaubens ergeben sich ja Kriterien für das politische und soziale Handeln. Solche Kriterien sind zum Beispiel Verantwortung für jene, die wenig Einfluss haben. Die Sorge für die künftigen Generationen. Das Eintreten für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung.
Mit zunehmendem Alter erfüllt mich frohe Dankbarkeit für alles, was wir Menschen von Gott geschenkt bekommen.
Der Glaube schenkt Zuversicht und Hoffnung für die Zukunft. Gottes Reich ist ja bereits in unserer Welt. Wir können mitwirken, dass es weiter wächst. Ob alt oder jung, dürfen wir mitarbeiten, dass es immer deutlicher spürbar wird. Wir stehen ja in der Nachfolge und in der Gemeinschaft mit dem auferstandenen Herrn.
Interview: Matthäus Fellinger
ORF-TIPP
Die „Linzer Torte“ bringt am So., 22. Dezember ab 9.04 Uhr auf Radio Oberösterreich ein Porträt von Bischof Maximilian Aichern. Um 21.04 Uhr erzählt er unter dem Titel „Lust aufs Leben“ von prägenden Erfahrungen seines Lebens.
„Oberösterreich heute“ berichtet auf ORF 2 (19 Uhr) am 19. Dezember vom Festempfang im Landhaus und von der akademischen Feier an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität. Am 26. Dezember, dem eigentlichen Geburtstag Bischof Aicherns, fasst ein Fernsehporträt in „Oberösterreich heute“ die wichtigsten Stationen im Leben des Jubilars zusammen.