„Das Glaubensbekenntnis der Liberalisierer lautet: ‚Mehr Handel bedeutet mehr Einkommen für alle.‘ Aber: Die Vorteile verteilen sich nicht gleich!“
Seine Kritik präzisiert Dipl.-Ing. August Astl, der Generalsekretär der Präsidentenkonferenz der Landwirtschaftskammern Österreichs, am Beispiel Zucker: Die Verkünder des Handels ohne Schranken fordern die Europäische Union (EU) auf, diesen Handel nicht durch Schutzzölle oder Produktstützungen zu behindern. Die EU will dieser Kritik begegnen und schafft für die 48 am wenigsten entwickelten Länder der Welt (LDC = least developed countries) stufenweise die Einfuhrzölle auf „alles außer Waffen“ ab.
Vorteile für Coca Cola
Diese Begünstigung betrifft bis zum Jahr 2009 mehr als 900 Produkte aus Ländern des LDC-Kreises, auch Zucker. „Wer aber produziert den Zucker?“, fragt Astl. –„Großkonzerne!“ Da Zucker kein Mascherl hat, kann niemand kontrollieren, ob der Zucker, der zollfrei aus einem armen Land kommt, dort auch produziert worden ist. Die Vorteile lukrieren dann Großkonzerne, etwa Coca Cola.
Zum Beispiel Reis
Am 9./10. Jänner 2003 trafen in Brüssel Landwirtschaftsvertreter aus EU-Ländern mit solchen aus asiatischen Ländern zusammen. Was dort über das Schicksal von Reisbauern aus Ceylon und Sri Lanka berichtet wurde, bestätigt die heimische Bauernvertretung in ihrer Sorge: Die Liberalisierung des Reishandels hat dazu geführt, dass viele kleine Reisbauern ihre Ernte nicht mehr verkaufen können. Vierzig Prozent des Welthandels bei Reis liegt in den Händen von vier Großkonzernen ...
Ohne Rücksicht
Das Welthandelsabkommen (GATT), von mehr als 140 Ländern unterzeichnet, unter ihnen auch Österreich, soll immer mehr Zöllen und Exportstützungen den Garaus machen. Die Nutznießer der Liberalisierung, das ist auch das Thema der jungen GATS-Debatte (freier Handel von Dienstleistungen), kümmern sich um keine Standards. Ein Beispiel gefällig? – In Brasilien liegt die Rohrzuckerproduktion in den Händen weniger Zuckerbarone. Sie beuten auf riesigen Plantagen Tagelöhner aus, die für zwölf Stunden schwerer Arbeit oft mit knappstem Lohn abgespeist werden. Sie kümmern sich nicht um die Umwelt und die Gesundheit der Arbeiter. So setzen sie beispielsweise massenhaft Pestizide ein oder leiten ungeklärt Abwasser in die Flüsse, in denen das Leben stirbt. So produzierter Zucker soll freie Handelsbahn finden. Die Profitgier ist die Zuckerkrankheit des Welthandels.
Ohne Schutz hätten unsere Zuckerbauern das Nachsehen, wie es die meisten Leute in den armen Länden sowieso auch haben. Bei uns sind die Ernteflächen kleiner, die Witterung ist ungünstiger, es gibt Umwelt- und Arbeitsstandards. Die Bauern können seit Jahren ein Lied von der Kaltschnäuzigkeit der Liberalisierung singen. Landwirtschaft und Dienstleistungen sollten angesichts ähnlicher Bedrohungen durch das Großkapital eine strategische Zusammenarbeit eingehen!
Stichwort:
Reis
Reis liefert für mehr als die Hälfte der Menschen den Hauptteil des täglichen Kalorienbedarfs. 90 Prozent der Reisfelder sind in Asien. Der größte Teil der Ernten dient der Eigenversorgung. Konzerne wollen für sich Reis (z. B. Basmati) patentieren lassen.