Einst waren am Institut Hartheim für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung über 30 Schwestern aus vier verschiedenen Orden tätig. Ende Februar 2003 zieht sich nun der letzte Orden zurück – die Barmherzigen Schwestern.
„Mir sind die Menschen hier ans Herz gewachsen“, sagt Sr. Joachima Haidinger. Seit 1970 ist sie hier eine wichtige Bezugsperson.
Gestützt auf vier Orden
1965 begann „Vater Direktor“, Prälat Erber mit den Verantwortlichen des OÖ. Wohltätigkeitsvereines den Neubau einer Betreuungseinrichtung für behinderte Kinder und Jugendliche in Hartheim in die Wege zu leiten. Der Idee zum Neubau wohnte auch ein Sühnegedanke inne für die Gräuel, die die Nationalsozialisten im Schloss Hartheim an behinderten Menschen verübt hatten. Für die große Einrichtung brauchte man viel Personal, das Haus wuchs schnell. So wandte sich Prälat Erber an die Orden. Im Laufe der Zeit schickten vier Orden Schwestern nach Hartheim, die Kreuzschwestern und die Barmherzigen Schwestern – ihnen wurde die medizinische Leitung übertragen – sowie zwei kroatische Orden (Herz-Jesu-Schwestern und Schwestern vom Orden Regina Mundi).
Nachwuchs fehlt
Seit 1970 ist die heute 82-jährige Schwester Joachima in Hartheim. Sie ist Oberin der dortigen kleinen Niederlassung der Barmherzigen Schwestern vom Hl. Vinzenz von Paul. Mit ihrer Mitschwester Sr. Veronika Kühhas wird sie am 27. Februar die Zelte hier abbrechen und nach Laab im Walde übersiedeln.
Die „Nachwuchsprobleme“ zwingen den Orden, die Kräfte zu konzentrieren. Einerseits, so gibt Sr. Joachima zu, gehe sie „schweren Herzens“ aus Hartheim weg, andererseits hat sie als geistliche Schwester immer so zu leben, dass die gewachsenen Bekanntschaften nicht so tief werden, dass sie ohne sie nicht leben könnte. Rückblickend ist, was einmal noch so wichtig war, der Schwere enthoben. „Alles ist Windhauch“ (Koh 1,2) – diese Worte kommen Sr. Joachima während des Gesprächs über ihre Erinnerungen an Hartheim mehrmals über die Lippen.
„Unser Anton“
Sie zeigt ihr Fotoalbum. Erinnerungen werden wach. Etwa an jenes schwerstbehinderte Mädchen Theresa, mit dem sie schon früh Physio-Therapie machte und zu deren Familie eine Freundschaft wuchs. „Wenn sie meine Stimme hört, hebt sie den Kopf und lacht.“ „Unser Anton“ ruft sie bei einem anderen Foto mit großer Sympathie. Zu vielen Fotos weiß sie Geschichten, häufig kommentiert sie, immer warmherzig und voller Zuneigung. Sr. Joachima hat sehr früh dieAusbildung zur Bobath-Therapeutin gemacht, als diese Therapie in Österreich noch ganz jung war: „Das ganze Kind sehen, nicht nur seine Beine oder Arme oder den Kopf, auch die Sprache, das Essverhalten, die Psyche ...“
Vermissen
Es gilt Abschied zu nehmen von Hartheim. Nicht nur vom Institut, in dem sie im neunten Stock wohnt mit einem schönen Ausblick auf das Schloss. „Den werde ich schon vermissen.“ Vermissen werden vor allem auch sie viele Menschen hier. Die Pfarre Alkoven, in der sie im Pfarrgemeinderat war und viele Krankenbesuche machte. Schwerstbehinderte Menschen von Hartheim, denen sie auch nach der Pensionierung vor etwas mehr als zehn jahren durch verschiedene Dienste verbunden blieb. Sie ging mit ihnen spazieren, ging zu den Sterbenden, half beim Essen-Geben. Auch den Mitarbeiter/innen von Hartheim wird sie fehlen, ihre Fröhlichkeit, ihre gute Laune, dass sie immer auch für Spässe zu haben war. Und auch die Schwestern haben Wehmut. Der Abschied schmerzt auch im Sinne des Ordensideals – draußen mitten unter den kleinen Leuten zu sein.
Was nimmt Sr. Joachima mit? – „Vergiss, was dich gekränkt hat. Nimm dir nur mit, was dich freut.“ Dies nahm sie sich schon vor, als sie in Pension ging und der Vorsatz gilt heute noch. Zu den vielen schönen Erinnerungen gehört die Therapie mit den behinderten und sterbenden Kindern ...