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Die Moral des Gehirns

Dr. Michael Rosenberger über die heißen Eisen der Moraltheologie
Ausgabe: 2003/09, Moraltheologie, Embryonen, Hirnforschung, Stammzellen, Rosenberger,
26.02.2003
- Josef Wallner
Bewahrung der Natur und technischer Fortschritt müssen keine Gegensätze sein.

Foto: Franz M. Glaser



Experimente mit menschlichen Embryonen, Zerstörung der Umwelt und Hirnforschung – das sind für den Linzer Moraltheologen Michael Rosenberger Themen der Zeit, denen es sich zu stellen gilt.

In der Wissenschaft schon längst heiß diskutiert, ist das Thema „Hirnforschung“ noch wenig im öffentlichen Bewusstsein. Welche Bedeutung hat das Gehirn für das Menschsein – über die einzelnen Funktionen der Nerven hinaus? Dieser Frage gehen Naturwissenschafter, Philosophen und auch Theologen nach.

Für den Moraltheologen Rosenberger ist dabei die Erkenntnis spannend, dass sittliche Urteile nicht über den Verstand, sondern über das Gefühl gefällt werden. So kann ein Patient aus den USA, dessen Gefühlszentrum im Gehirn durch einen Tumor zerstört ist, alle Vorgänge erkennen und auch Zusammenhänge analysieren. Doch er ist unfähig eine Entscheidung zu treffen. Rosenberger: „Die Reflexion und die Moraltheologie schaffen sich dadurch nicht ab. Uns wird aber neu bewusst, was die Spiritualität schon immer betonte: dass das Gefühl seinen eigenständigen Wert hat.“

Rosenberger legt in seinem Arbeiten überhaupt großen Wert auf die Verbindung von Moraltheologie und Spiritualität: „Wenn man Standpunkte erarbeitet, hat man auch blinde Flecken. Die Spiritualität als gläubiger Umgang mit der Wirklichkeit hilft sich die eigenen Begrenzungen und Einseitigkeiten bewusst zu halten.“

Bremsen als Dienst

Wahre Wunder versprechen sich Wissenschafter und besonders Medien von Forschungen mit Stammzellen menschlicher Embryonen. Krankheiten wie Parkinson und verschiedene Formen von Krebs sollten bald der Vergangenheit angehören. Dass dafür auch die Vernichtung menschlichen Lebens – in keimhafter Form – in Kauf genommen werden muss, wird verharmlosend als verbrauchende Forschung umschrieben.

Michael Rosenberger macht die Erfahrung, dass vielen Menschen aber nicht wohl ist bei der Vorstellung, dass medizinischer Fortschritt nur um den Preis der Vernichtung von Leben möglich sein soll. Und so suchen selbst Gruppen, die zur Kirche kein Nahverhältnis haben, Antworten bei der Kirche: „Sie erwarten vor allem eine ausdrücklich theologische Behandlung der Frage. Die Menschen spüren, dass die Kirche aus ihrem Erfahrungsschatz heraus besondere Orientierung anbieten kann“, so Rosenberger. Er ist überzeugt, dass die Kirche mit ihrem strikten Nein zur verbrauchenden Forschung absolut richtig liegt: „Vielleicht nehmen wir uns kurzfristig einige Chancen, aber aufs Ganze gesehen ist Bremsen ein Dienst am Menschen.“

Ein weiteres Thema, mit dem sich der Linzer Moraltheologe intensiv beschäftigt, ist die Umwelt. Kein Randthema, wie er nachdrücklich betont: „Die Kirche ist bei ihrer ureigensten Sache, wenn sie für Gerechtigkeit, Friede und Bewahrung der Schöpfung eintritt. Die Schöpfungsethik gehört zu den Zukunftsfragen der Menschheit.“ In den klassischen Fragen der Moraltheologie wie Abtreibung, Ehe und Familie sowie Sexualität spricht die Kirche sehr deutlich. Rosenberger wünscht sich, dass die Kirche die Schöpfungsspiritualität ebenfalls in die Liste ihrer unverwechselbaren „Markenzeichen“ aufnimmt – auch wenn die Gesellschaft dazu nicht applaudiert.

Umwelt ist Glaubensthema

Denn der Einsatz für die Umwelt und eine nachhaltige Politik stehen nicht hoch im Kurs, wie die kleinlichen Feilschereien auf großen Konferenzen zeigen. Die Menschen müssten anerkennen, dass die Schöpfung nicht ihr privates Wohnzimmer sei, so Rosenberger: „Gott hat uns die Welt als Lebenshaus für alle Geschöpfe geschenkt.“ Warum die Anerkennung dieser einfachen Tatsache schwierig ist: „Schöpfungsbewahrung braucht mehr als alle anderen Themen eine Änderung des eigenen Lebensstils.“




Zur Person


Per Rad nach Jerusalem

Er hat den Ortler und die Wildspitze bezwungen und ist auf vielen Gipfeln der Alpen gestanden: Dr. habil. Michael Rosenberger ist nicht nur von der Moraltheologie fasziniert, sondern auch von den Bergen.

Geboren ist Michael Rosenberger 1962 in Würzburg. Nach dem Studium der Theologie in Würzburg und Rom empfing er 1987 die Priesterweihe. Mehrere Jahre war er als Kaplan und Religionslehrer an einem Gymnasium tätig. Während seines Spezialstudiums in Moraltheologie (Habilitation 1999) blieb er stets „nebenamtlicher“ Pfarr-Seelsorger. Seit Herbst 2002 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Moraltheologie an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz. Auch in der Diözese Linz ist er mit einer Pfarre verbunden: Er hält in Oftering die Sonntagsgottesdienste.

Neben dem Bergsteigen gehört das Radfahren zu seinen Hobbys. So führten ihn Radtouren nach Jerusalem, Santiago de Compostela, in die Toskana und nach Südfrankreich. In Linz ist er bereits mehrere Male den Lichtenberg hinaufgestrampelt. Dass Rosenberger an einer Bahnstrecke aufwuchs, hat seine Spuren hinterlassen: Der Theologe ist Eisenbahnfan und in seiner Wohnung finden sich so manche Relikte von Zügen aus anno dazumal.
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