Im Carrera-Optyl-Werk in Traun werden die ersten Kündigungen wirksam.
40 Beschäftigte des Werkes hatten am 19. Dezember ihren letzten Arbeitstag. In mehreren Raten werden bis 31. März 2004 mit wenigen Ausnahmen die weiteren der 473 Mitarbeiter/innen gekündigt. Der italienische Eigentümer schließt das bestens wirtschaftende Unternehmen, um es in Italien aufzubauen.„Das sind lauter Einzelschicksale“, ist Betriebsratsvorsitzender Nationalrat Hermann Krist sichtlich aufgewühlt von den Folgen einer „ganz normalen“ betriebswirtschaftlichen Entscheidung.
In die Pension gehen?
Der Betriebsrat hat den psychologischen Dienst der Gebietskrankenkasse um Unterstützung ersucht. Es kam schon zu Nervenzusammenbrüchen. Einer Frau wurde zwei Tage vor der Kündigung der Arbeit auch noch die Wohnung gekündigt. Die Beratung der Pensionsversicherung ist letzte Woche zwei Mal im Haus gewesen und hat an die sechzig Leute beraten. Etlichen fehlen aber noch Beitragszeiten. Was wird der 51-jährige Facharbeiter Herbert Hoffmann machen können? Er hatte vor zwei Jahren einen Herzinfarkt und hat nun einen Feststellungsbescheid seiner Behinderung. Findet er noch eine Arbeit? Eine Hoffnung gibt es – die Firma Silhouette will einige Facharbeiter übernehmen.
Aufs Geld angewiesen
Was wird Mariza Kristo machen? Ihr Mann ist vor einigen Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Sie hat drei Kinder, eines ist schwer behindert. Sie werde vom Arbeitslosengeld nicht alleine die Familie durchbringen, deshalb komme die angebotene „Arbeitsstiftung“ (siehe Randkasten) nicht in Frage.Wie geht es jenen, die im Werk arbeiten, bis es geschlossen ist, wenn die Italiener neben ihnen die Maschinen abmontieren?Was werden Ehepaare machen, die beide im Werk arbeiten und auf einen Schlag die Arbeit verlieren?
Die 473 Beschäftigten kommen aus 45 Gemeinden. 100 nun bald ohne Arbeit dastehende Werksangehörige sind älter als 50 Jahre! Die Kündigungen treffen zudem 300 versorgungspflichtige Kinder.
Zur Sache
Märkte brauchen Regeln
„Märkte brauchen Regeln“, betonte ÖGB-Landessekretär Erich Gumplmaier bei der Carrera-Pressekonferenz. Er kritisierte: „Lizenzen für Weltmarken zum Spottpreis und das Know-how der Mitarbeiter/innen zum Nulltarif erwarb die italienische Firma Safilo beim Kauf des Trauner Brillenerzeugers Anger.“
Landesrat Viktor Sigls Position
„Den Betriebsratsvertretern ist es mit Unterstützung des Landes und der Sozialpartner gelungen, mit dem Safilo-Konzern einen großzügigen Sozialplan ... zu verhandeln ...Es stehen insgesamt 1,338 Millionen für die Stiftung, 6.690 Euro pro Person, zur Verfügung. Das ist das Dreifache dessen, was für Teilnehmerinnen und Teilnehmer in anderen Stiftungen zur Abdeckung der Ausbildungskosten zur Verfügung gestellt wird.“
Reaktionen
Trauner Pfarren
Die Pfarren des Dekanates Traun schrieben der Belegschaft von Carrera-Optyl solidarische Grüße: „Wir sind betroffen, ohnmächtig und eigentlich sprachlos angesichts der Schließung von Carrera-Optyl Traun und auch verärgert, zornig darüber, wie die Herren des Kapitals über ... euch Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bei Carrera-Optyl hinwegsteigen.“
Reden können
„Reden können“ ist wichtig. Fritz Käferböck-Stelzer, Betriebsseelsorger von Traun-Nettingsdorf berichtet von guten Kontakten zu Betriebsräten im Werk. So kam auch eine Einladung zu Stande, in die Pfarre Traun zu einem Gespräch bei Kaffee und Kuchen zu kommen. Christian Winkler von der Bischöflichen Arbeitslosenstiftung ermutigte dabei die Anwesenden, die „Stiftung“ zu nutzen.So brutal für viele die Situation ist, es ist wichtig, nach vorne zu schauen, um Chancen auch nutzen zu können.
Sozialplan
Gewerkschaft und Betriebsrat haben einen Sozialplan verhandelt: Es wird finanzielle Überbrückungen für die Phase der Arbeitslosigkeit geben. Eine Stiftung soll etwa 200 Beschäftigte auffangen und ihnen durch Ausbildung eine neue berufliche Karriere ermöglichen. Während der Stiftungszeit gibt es Arbeitslosengeld und etwa 100 Euro „Stipendium“ monatlich.