Österreichische Pastoraltagung über den „Bauplatz Europa“
Ausgabe: 2004/02, Zulehner, Paul Zulehner, Kirche, Bauplatz, EU, Europa, Sozialstaat
07.01.2004
- Hans Baumgartner
„In Österreich hört man immer wieder die Klage, dass es für das politische Alltagsgeschäft oftmals keine kirchlichen Ansprechpartner gebe“, sagt der Wiener Professor für Pastoraltheologie und Religionssoziologie, Paul. M. Zulehner. Der Wissenschaftler referiert bei der Österreichischen Pastoraltagung und fordert mehr Präsenz der Kirchen und der Christen in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit. Nach dem Vorbild Deutschlands sollte auch in Österreich ein „katholisches Büro“ eingerichtet werden. Die Büros in den deutschen Bundesländern und in der Hauptstadt Berlin stehen allen politischen Parteien als Anlaufstellen zur Verfügung: zum Einholen von Meinungen bei Gesetzesvorhaben und als informelle Plattform zum Gedankenaustausch. „Den Politikern nur die hehren Ideale unter die Nasen zu halten, sie aber beim Ringen um praktikable Kompromisse allein zu lassen, führt zu Verstörung und dazu, dass man nicht mehr Ernst genommen wird“, so Prof. Zulehner.
Eine aktive Kirche auf dem Bauplatz Europa
Prof. Paul Zulehner: Umbrüche fordern Kirche und Gesellschaft heraus
Europa ist zur Zeit politisch, wirtschaftlich und kulturell ein höchst spannender Bauplatz. „Für die Kirche ist das eine epochale Herausforderung“, meint der Pastoraltheologe Paul M. Zulehner.
Am 1. Mai erlebt die Europäische Union die größte und spannendste Erweiterung ihrer Geschichte. Zehn neue Länder, von denen acht aus dem ehemaligen Machtbereich des Kommunismus kommen, werden beitreten. Drei Wochen später findet in Mariazell die „Wallfahrt der Völker“ als Höhepunkt des Mitteleuropäischen Katholikentages statt. Der Zusammenhang ist gewollt.
„Die EU und Europa insgesamt befinden sich in einer historischen Phase des Umbruchs und der Neuorientierung. Dasselbe gilt aber auch für die katholische Kirche in Europa“, betont der Pastoraltheologe und Religionssoziologe Paul M. Zulehner. Eine „europäische Pastoral“ müsse daher zweierlei im Auge behalten: die Herausforderung, an der Gestaltung eines „Europas mit menschlichem Antlitz“ mitzuwirken, und den Auftrag, die Botschaft des Evangeliums vom liebenden Gott neu in unsere Zeit zu buchstabieren. „Letzlich“, so Zulehner, „geht es um das zentrale biblische Grundgebot der Gottes- und der Nächstenliebe, es geht darum, den Himmel über Europa offen zu halten und die Erde bewohnbar und menschlich zu gestalten.“
Ringen um Solidarität
Dass der Motor der Europapolitik noch heftig stottert, zeigten erst kürzlich die Probleme mit dem Stabilitätspakt, mit der Verfassung oder der kommenden Budgetpolitik recht deutlich. Für Zulehner steht hinter den meisten zwischen- oder innerstaatlichen europäischen Konflikten die Spannung zwischen mehr Freiheit und mehr Solidarität (Gerechtigkeit). „Europa erlebte – zunächst im Westen, in den vergangenen Jahren aber vor allem im Osten – einen enormen Freiheitsschub. Es ist für die Politik wie für die Menschen nicht einfach, die wachsende Freiheit mit einem Ringen um größeres Gemeinwohl, um mehr Gerechtigkeit in Balance zu halten.“
Dieses Ringen, so Zulehner, betreffe nicht nur den Ausgleich zwischen den EU-Ländern. Dabei gehe es auch darum, wie die EU weltweit Entwicklungszusammenarbeit, Handelsgerechtigkeit oder Armutsbekämpfung betreibt, was sie gegen das Sozialdumping in den Entwicklungsländern oder die Umweltkrise tut. Das alles gäbe es nicht zum Nulltarif und nicht ohne Beschränkung der eigenen Freiheiten, betont Zulehner. Sorge bereite auch, dass sich Europa immer mehr in eine unsoziale Festung verwandelt, die mit Militäreinsatz die Armutsflüchtlinge an den Grenzen zurück- weist anstatt mit einer ambitionierten Entwicklungspolitik deren Zukunftschancen in ihren Ländern zu verbessern.
Einmischen nötig
„Die europäischen Länder stehen heute auf Grund geänderter Rahmenbedingungen aber auch vor massiven internen sozialen Herausforderungen“, betont Zulehner. „Alle bisherigen EU-Länder haben mit einem Umbau ihrer sozialen Sicherungssysteme begonnen, um sie weiter finanzieren zu können. In den meisten exkommunistischen Ländern müssen sozialstaatliche Strukturen nach westeuropäischem Standard erst aufgebaut werden. Dabei ist hier wie dort mit harten Auseinandersetzungen zu rechnen“, meint Zulehner. Für die Kirche müsse das ein Grund mehr sein, sich einzumischen. Gerade den Kirchen und den Christen komme in dieser geschichtsträchtigen Umbruchssituation besondere Verantwortung zu, dass das „Juwel des europäischen Sozialstaates“ mit seiner (öko)sozialen Marktwirtschaft nicht verloren geht. „Sie sind es“, so Zulehner, „die die Werte und Ideale deutlich einmahnen müssen. Sie sollten sich aber auch mehr als bisher dafür engagieren, dass die Politik zu tragfähigen Kompromissen findet.“ Dafür bedürfe es der Bereitschaft, unterschiedliche Antworten in Sachfragen anzuerkennen und den Einsatz jener zu unterstützen, die gangbare Wegen suchen. „Den Politikern nur die hehren Ideale vorzuhalten, sie aber beim Ringen um praktikable Kompromisse allein zu lassen, führt zu Verstörungen und dazu, dass man nicht mehr ernst genommen wird“, berichtet Zulehner von Erfahrungen mit Politikern.
Professionelle Partner
Europa werde – bei allen Problemen – zu einer neuen wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Größe heranwachsen. Wie dieses Europa aussehe, hänge auch vom Einsatz der Kirchen und Christen ab, betont Zulehner. Deshalb sei es wichtig, dass wir uns in der europäischen Kirche über die Prinzipien der gesellschaftlichen Präsenz ebenso klar werden wie über die Schaffung der dazu notwendigen Instrumente. Zulehner nennt hier die stärkere Einbindung von Expert/-innen ebenso wie das Anbieten von Gesprächs- und Nachdenkforen und den Ausbau der professionellen Lobbyeinrichtungen nicht nur in Brüssel, sondern auch in den einzelnen Ländern. „Gerade in Österreich hört man immer wieder die Klage, dass es für das politische Alltagsgeschäft keine kirchlichen Ansprechpartner gebe.“ Zulehner fordert deshalb die Einrichtung eines „katholischen Büros“ in Österreich.