Das wahrscheinlich größte noch funktionierende mechanische Turmuhrwerk Österreichs arbeitet für die Stadtpfarre Steyr. Jeden dritten Tag zieht es der Türmer auf.
Knapp vor sechs Uhr abends, der Aufstieg beginnt. Im Turm ist es eng, die Wände der Treppe sind eiskalt. Wenn ich an ihnen anstreife, läuft mir trotz Mantel ein Schauer über den Rücken. Endlich kommt eine Tür mit dem Schild „Uhrhaus“. Geschafft! 131 Stufen sind es ganz genau vom Turmeingang bis zum Uhrwerk. Seit 1731 befindet es sich im Turm der Stadtpfarrkirche Steyr, 1905 wurde es geringfügig umgebaut. Mit einem Walzenraddurchmesser von 1,04 Metern und einer alten Pendellänge von 8 Metern ist es wahrscheinlich das größte noch funktionierende Turmuhrwerk Österreichs. Zum Schutz gegen Kälte und Tauben ist es von einem hölzernen Kasten, groß wie ein Zimmer, umschlossen. Harald Poxhofer öffnet die großen Flügeltüren des Kastens. Dreimal die Woche steigt der 22-jährige auf den Turm, um die drei Gewichte, mit denen die Uhr betrieben wird, aufzuziehen. „Man bekommt schon Kondition“, sagt er. 131 Stufen rauf und runter und das Aufziehen von drei 150-kg-Gewichten ersparen ihm das Fitness-Studio. Ich selbst probiere das Aufziehen: Das erste Gewicht geht noch leicht, beim zweiten beginnt es in den Armen zu ziehen. Plötzlich knackt es etwas, ein Zahlrad springt weiter. „Jetzt hat es Viertel nach geläutet“, sagt er. Tatsächlich: Viertel nach sechs. Den Glockenschlag haben wir aber hier nicht gehört. Als ich das dritte Gewicht aufgezogen habe, tut mir der Rücken weh. 20 Minuten dauert die Prozedur. „Mit der Zeit fällt einem das Aufziehen leichter“, sagt der neue Türmer. Im September hat er das Amt übernommen.
Neuer Türmer seit September
Damit beendete er eine Zeit, in der die Turmuhr stillstand. Von 1975 bis zu seinem Tode im vergangenen März betreute Helmut Mulle die Uhr, die zunehmend Fehler aufwies. „Sie ist immer wieder stehen geblieben, obwohl sie noch aufgezogen war“, berichtet Pfarrer Mag. Roland Bachleitner. Als Poxhofer das Türmeramt übernahm, wurde von der Firma Köstner auch eine Reparatur des Werkes durchgeführt. Dabei wurde nicht nur das Werk selbst, sondern auch die Stunden- und Viertelstundenschläge und die Transmissionen überprüft.Eine der Übertragungswellen führt zwei Stockwerke weiter in die Höhe. Hier in der Türmerstube ist es zwar kalt, aber doch etwas behaglicher: Ein Holzfußboden und neue Fenster geben dem Raum fast ein wohnliches Aussehen. Die Stadt Steyr ist als Versammlung vieler Lichter zu erkennen. Öffnet man ein Fenster, kann man die Enns hören, die in der Nähe vorbeifließt, um sich mit der Steyr zu vereinen.Die Transmissionsgestänge gehen in diesem Raum hingegen auseinander und betreiben die Zeiger dreier Zifferblätter. Ganz leicht drehen sich die Stangen, da werden unter uns zwei Glockentöne hörbar: Halb sieben. Das hindert uns aber nicht, die Aussicht zu genießen, bevor der Abstieg beginnt.Ungern betreten wir wieder die enge Wendetreppe. Unten in der Glockenstube ist es zugig. An der großen Ägidiusglocke, die sonst nur zu besonderen Anlässen geläutet wird, wird die volle Stunde angeschlagen, an einer kleineren Glocke schlägt der Hammer die Viertelstunden an – so wie jetzt eben: Schon drei viertel! Wir wandern weiter nach unten, wie ein anderes Gestänge, das dann 33 Meter quer über den Dachboden läuft und die Uhr in der Dachgaupe antreibt. „Die kann man vom Pfarrhaus aus sehen“, sagt Pfarrer Bachleitner. Ein weiteres Ziffernblatt ist im Deckengewölbe in der Kirche angebracht. Damit die Predigt nicht zu lange wird? Fünf Uhren werden von dem einen Uhrwerk angetrieben.
Unten angekommen blicke ich auf das Ziffernblatt weit oben am Turm: Sieben Uhr. Der Hammer der Turmuhr schlägt an die Ägidiusglocke. Wie die Zeit vergeht!