Die 18-Millionen-Stadt Mumbai – ehemals Bombay – ist Wirtschaftsmetropole und Elendsviertel Indiens zugleich. Dort findet bis 21. Jänner das Weltsozialforum statt. Eine optimistische Botschaft geht von Mumbai aus um die Welt: Eine andere Welt ist möglich. Gemeint ist eine gerechtere Welt, die nicht von den negativen Begleiterscheinungen der Globalisierung geprägt ist, sondern von den positiven Kräften der Zusammenarbeit über Grenzen hinweg lebt.
Das Thema des Weltsozialforums hängt eng mit den politischen Vorgängen in Österreich zusammen. Die Kirchen in Österreich forderten im Sozialwort ein menschengerechtes Wirtschaften, das an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen orientiert ist. So warnte das Sozialwort vor einem „Steuerdumping“, ein Konkurrieren mit möglichst niedrigen Steuersätzen für die Großen der Wirtschaft, ohne dass Unternehmen diese Mittel auch in ihre Betriebe investieren müssen.
Eine andere Welt ist möglich
Weltsozialforum erstmals in Indien: Aufbruchsstimmung in Asien deutlich spürbar
100.000 Teilnehmer/-innen sind zum Weltsozialforum nach Bombay gekommen. Die Metropole stellt die Härte der Globalisierung zur Schau.
Die Einwohner/-innen von Mumbai – Sekretärinnen, Computerfachleute, Strassenverkäufer, Schülerinnen – quetschen sich in ohnedies vollgestopfte Stadtzüge. Dazu kommen über 100.000 Teilnehmer/-innen des Weltsozialforums (WSF). Da ist kein Zentimeter mehr Platz, aber viel gute Laune und Optimismus. Auf Tuchfühlung gehen mit Menschen jeder Herkunft. Auf Tuchfühlung gehen mit alltäglich spürbaren Auswirkungen der Globalisierung unter neoliberalen Vorzeichen: mit Armut, Hunger und Ernährungsunsicherheit, mit Ausschluss und Diskriminierung von Menschen oder mit Arbeitsbedingungen in Nord und Süd.
Ein Bild des Elends
Menschen aus aller Welt drängen in die Ausstellungshallen von NESCO am nördlichen Stadtrand von Mumbai. Umgeben und teilweise zerteilt ist dieses Veranstaltungsgelände von Slums. Hier leben Familien quasi unter freiem Himmel, teils sogar auf den Mittelstreifen der Stadtautobahn. Ein Bild der Verwüstung, ein Bild des Elends, das mich als Mitteleuropäerin erschaudern lässt. Hier ist das einfach Alltag und härtester Überlebenskampf von Hunderttausenden am Straßenrand.
Von 16. bis 21. Jänner findet hier das vierte Weltsozialforum statt, erstmals außerhalb Brasiliens. „Eine andere Welt ist möglich!“ lautet das Motto, das sozial und politisch engagierte Menschen aus aller Welt eint. Sie bauen an einer Alternative zum derzeit vorherrschenden neoliberalen System. In Foren und Workshops, in Kulturveranstaltungen und Großkonferenzen tauschen sie Erfahrungen aus und knüpfen Netzwerke für eine bessere Welt.
Das Spektrum der Teilnehmer/-innen reicht von entwicklungspolitisch engagierten katholischen Organisationen wie zum Beispiel Welthaus Österreich oder CIDSE, der internationalen Plattform katholischer entwicklungspolitischer Organisationen, bis hin zu Aktivistinnen und Aktivisten der Umwelt- und Friedensbewegung ebenso wie Gerkschafter/-innen, Parlamentarier/-innen oder Feministinnen.
Das Weltsozialforum fand erstmals im Jänner 2001 in Porto Alegre (Brasilien) statt. Es war die zivilgesellschaftliche Reaktion auf das Weltwirtschaftsforum in Davos, das seit 1971 eine strategische Rolle in der Formulierung und Durchsetzung neoliberalen Denkens und Handelns spielt. Dass heuer das WSF erstmals außerhalb Brasiliens durchgeführt wird ist ein weiterer Schritt hin zu einer weltweiten Wirkkraft.
Die Beteiligung indischer wie asiatischer Nicht-Regierungs-Organisationen (NGOs) ist enorm, eine Aufbruchsstimmung deutlich spürbar. Das Weltsozialforum in Indien „ist ein großer Impuls für unsere Arbeit hier im Land und die Öffentlichmachung der globalen Dimension unserer Anliegen“, meint ein politischer Aktivist aus Tamil Nadu, wo er sich für sozial nachhaltige Arbeitsbedingungen der Textilarbeiter/-innen einsetzt. Im südindischen Bundesstaat befindet sich einer der weltgrößten Textilcluster, wo für den Weltmarkt produziert wird.
„Es ist Zeit, etwas zu tun“
Die Friedensnobelpreisträgerin 2003, Shirin Ebadi aus dem Iran, betonte bei der Eröffnung: „Ich hoffe, dass es eines Tages eine Welt geben wird, in der Globalisierung nicht als Synonym für Ungleichheit steht, sondern, dass es eine Globalisierung der Menschlichkeit gibt, in der der Mensch und seine Bedürfnisse das Zentrum bilden.”
Zentrale Forderungen in den Eröffnungsreden waren die Demokratisierung der Globalisierung, die Verkleinerung des Grabens zwischen Besitzenden und Besitzlosen, der Respekt vor den Menschenrechten und die Forderung nach Friedenssicherung.
Die Inderin Arundhati Roy, politische Aktivistin und Schriftstellerin („Der Gott der kleinen Dinge“), rief auf, persönlich aktiv zu werden: „Wir sollen uns nicht damit zufrieden geben zu meinen, es werde schon etwas passieren. Es ist Zeit etwas zu tun. Für Dich und mich!”
In Mumbai wird das Engagement von Menschen aus aller Welt spürbar: eine andere Welt ist möglich. Es bleibt uns gar nichts anderes übrig, denn „eine andere Welt ist notwendig”, wie ein Aktivist von den Philippinen unterstrich.
Gabi Grundnig
Tipp: www.wsfindia.org
LEXIKON
Mumbai
Die 18-Millionen-Metropole Bombay heißt seit 1995 offiziell Mumbai. Doch ihre Bewohner nennen sie oft „Slumbay“. Denn Indiens zweitgrößte Stadt hat hunderte Elendsviertel. Dazu zählt Dharavi, Asiens größter Slum, in dem 500.000 Menschen auf engstem Raum leben. Täglich kommen rund 200 Familien neu in die Stadt. 60 Prozent des 1200 Kilometer langen Straßennetzes Mumbais verwandeln sich jede Nacht in Schlafstätten.