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Der Druck nimmt zu

Zum Tag der Kranken: Die Arbeitsbedingungen des Pflegepersonals
Ausgabe: 2004/06, Pflege, Kranke,
03.02.2004
- Hans Baumgartner
„Die Situation im Pflegebereich spitzt sich mehr und mehr zu. Wir werden immer mehr zur Krisenfeuerwehr,“ schlagen Betriebsseelsorgerinnen aus Linz, Innsbruck und Feldkirch Alarm.

„Ich habe mich bewusst dafür entschieden, nach der Babypause als Krankenschwester in einem Alten- und Pflegeheim zu arbeiten, weil ich da zu den Bewohnern besser eine persönliche Beziehung aufbauen kann als im Spital, wo der Patientenwechsel immer rascher vor sich geht“, erzählt Franziska. Pflege bedeute für sie nicht nur die notwendige Versorgung, sondern auch ein Stück weit menschliche Zuwendung. Das werde aber immer schwieriger, weil auf Grund des chronischen Personalmangels und der wachsenden Bürokratie immer weniger Zeit bleibe.

Schlechtes Gewissen

„Der Druck nimmt ständig zu, so dass man schon ein schlechtes Gewissen hat, wenn man bei einer Patientin einmal länger sitzen bleibt als die Versorgungsnorm es vorgibt“, erzählt Franziska. „Was vielen von uns wirklich unter die Haut geht, ist, dass wir bei manchen Bewohner/-innen noch was bewegen könnten, um ihre Selbständigkeit und Mobilität zu fördern. Aber wir können es nicht tun, weil es z. B. länger dauert, wenn ich jemandem helfe, doch noch selber zu essen, als wenn ich ihn einfach füttere.“

Besonders bedrückend findet Franziska, dass oft die Zeit dafür fehle, sterbende Menschen aus dem Leben zu begleiten. „Manche von uns machen dann unbezahlte Überstunden. Aber das kann doch nicht die Regel sein.“ Spreche man Verantwortliche auf diese Situation an, dann bekomme man zur Antwort, es gebe zu wenige, die in der Pflege arbeiten wollen. Ein Argument, dem Franziska widerspricht. „Wenn die Rahmen- und Arbeitsbedingungen besser wären, täten nicht so viele aus dem Beruf aussteigen.“

Die Erfahrungen von Franziska sind kein Einzelfall, berichten Jutta Leitner (Linz), Elisabeth Schatz (Innsbruck) und Daniela Bohle-Fritz (Feldkirch). Sie betreuen im Rahmen der Betriebsseelsorge Pflegepersonal aus Spitälern und Altenheimen. In den letzten drei Jahren, so berichtet Leitner, sei im „Treffpunkt Pflegepersonal“ die Beratungstätigkeit immer wichtiger geworden. „Während wir früher mehr eine lockere Austauschrunde waren, rückt jetzt die intensive Begleitung des Pflegepersonals immer mehr in den Vordergrund. Auch die Telefonanrufe von Schwestern, die fertig und verzweifelt sind, und die Einzelberatungsgespräche haben stark zugenommen. Elisabeth Schatz berichtet von einer wachsenden Arbeitsunzufriedenheit unter den Schwestern. „Immer mehr beklagen eine ständige Überforderung, Erschöpfungszustände und Arbeitsvorgaben, die mit ihrer Vorstellung von Pflege nicht mehr viel zu tun haben.“ Das führe auch zu ansteigenden Krankenständen, die den Druck innerhalb der Stationen noch weiter verstärken. Am eklatantesten sei der „Notstand“ in Alten- und Pflegeeinrichtungen, gibt Elisabeth Schatz ihren Eindruck wieder.

Der Wert der Pflege

Bohle-Fritz ist „erschüttert, wie junge Schwestern verheizt werden.“ Auf vielen Spitalsstationen gelte als Leistungsprinzip, möglichst viele Patienten in möglichst kurzer Zeit abzufertigen. „Ganzheitliche Pflege, die für viele Schwestern noch immer zum Berufsideal gehört, ist unter diesen Bedingungen kaum möglich.“ Bohle-Fritz nennt ein Beispiel: Ein Beratungsgespräch mit einem Patienten gilt bei einer Schwester nicht als Leistung, bei einem Arzt schon. Dabei würde es sich auch finanziell rechnen, wenn die Pflege einen höheren Stellenwert und die nötige Wertschätzung hätte, ist Schatz überzeugt. Weniger Wechsel und Abwanderung qualifizierter Leute und eine patientennähere Pflege wären nicht nur für alle wünschenswert, sondern auch sparsamer.




Zur Sache


Pflegenotstand

Am 11. Februar wird der kirchliche „Welttag der Kranken“ begangen. Wenn in der Öffentlichkeit von Medizin die Rede ist, geht es meist um deren Spitzenleistungen. Die Pflege von alten und kranken Menschen ist nur dann Stoff, wenn es zu Missständen kommt. Der „Pflegenotstand“ aber wird immer akuter.

Schon jetzt gibt es vor allem im Altenbereich einen akuten Pfleger/-innenmangel. Dabei wird bis 2010 die Zahl der Pflegebedürftigen von 540.000 auf 800.00 Menschen ansteigen. Die mehrfach angekündigte „große Offensive“ für mehr Pflegepersonal gibt es bis heute nicht.Für die Linzer Betriebsseelsorgerin Jutta Leitner gibt es mehrere Gründe für den „Pflegenotstand“. Die Pflege werde in den Einrichtungen und in der Gesellschaft als qualifizierter, anstrengender und verantwortungsvoller Beruf zu wenig geschätzt. Das zeige sich u. a. im nicht angemessenen Grundgehalt und in der mangelhaften Mitentscheidung der Pflegedienste. Eine zunehmende Überlastung komme aber auch aus neuen Situationen. In den Spitälern steigt die Pflegeintensität durch die kürzere Verweildauer, in die Altenheime kommen immer mehr schwere „Pflegefälle“, die vorher schon zu Hause lange mobil versorgt wurden. „Die Personalschlüssel tragen den neuen Anforderungen oftmals nicht Rechnung“, sagt Leitner.

In einem offenen Brief und in Gesprächen mit Politikern forderte die Betriebspastoral Linz konkrete Maßnahmen: Mehr Ausbildungsplätze, Hilfen für Berufsum/einsteiger/innen, qualifikationsgerechte Bezahlung, attraktive Arbeitszeitmodelle inklusive Kinderbetreuung, angepasste Personalschlüssel, Recht auf Fortbildung und Supervision, mehr Entscheidungsrechte.
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