Wirtschaftsflüchtling! Da wird schnell geurteilt, wenn Menschen aus armen Ländern auf der Flucht in Österreich stranden. Aber wer weiß, aus welcher Gefahr sie kommen?
Der Georgier J. S. lebt nun mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Österreich, genauer in Waldhausen. Die Caritas Linz betreut die fünf, wie etwa hundert andere Flüchtlinge auch.
Den Spekulanten im Weg
J.S. hat sich zur Flucht entschieden, nachdem er mehrmals bedroht wurde. Er besitzt ein in der Familie weitergegebenes Rezept für ein Medikament, das er mit großem Erfolg auf den Markt brachte. Und war damit Spekulanten im Weg, die mit viel teurerer Import-Medizin Geld machen wollten.
Wer sich unbeliebt macht, lebt gefährlich. Wenn die Polizei weiß, dass jemand etwas Geld hat, wird es für ihn eng: Unauffällig schob ihm ein Polizist Heroin in die Tasche. Bei der Kontrolle wurde es „entdeckt“. Man unterstellte ihm Handel mit Drogen. In solchen Situationen gibt es fast nur zwei Möglichkeiten: „Entweder Du gibst Geld oder du wirst geschlagen.“ J. S. hatte eine Woche Zeit, viel Geld aufzutreiben. Sogar eine Wohnung verkaufte die Familie und das alte Erbstück, ein Klavier.
Korrupte Polizei
Die Bedrohung durch die Polizei, die häufig mit der georgischen Mafia unter einer Decke steckt, setzte sich fort. Die Gehälter bei der Polizei sind viel zu niedrig, aber „wegen der Möglichkeit, auf inoffiziellem Weg Geld zu machen, reize dennoch viele die Arbeit bei der Polizei“, steht im Bericht einer Hilfsorganisation.
„In Georgien herrscht Anarchie und niemand schützt dich“, schildert J. S. Er floh vor einem Jahr. Seine Frau und die Kinder kamen im Sommer 2003 nach. Die Kinder gehen hier zur Schule und sind integriert. Waldhausen geht mit seinen Gästen, die aus schlimmen Situationen kommen, sehr gut um.
Die Stimmung in Österreich sagt schnell: Wirtschaftsflüchtlinge! Seit etwa drei Jahren nimmt der Zuzug aus den Kaukasusländern zu, berichtet die Leiterin der Caritas-Beratungsstelle Linz für Flüchtlinge und MigrantInnen, Mag. Barbara Greinöcker. „Es kann nicht die Lösung sein, dass sie bis zu ihrem Lebensende bei uns bleiben. Aber wir haben die Pflicht, anständig mit ihnen umzugehen, Mindeststandards zu garantieren und sie ordentlich zu betreuen.“
„Die Leute gehen nicht weg, weil sie große Dissidenten wären, sondern weil jeder jedem alles mit Gewalt nehmen kann“, sagt Barbara Greinöcker. Sie kommen vielfach aus Ländern, in denen sie ihre Kinder nicht vor Entführungen schützen können, Länder, in denen Vergewaltigung eine alltägliche Bedrohung ist. Und Länder, in denen im Krankheitsfall die medizinische Betreuung unleistbar ist. – Wirklich nur Wirtschaftsflüchtlinge?