Rückläufiger Kirchenbesuch, schwindende Finanzen. Hat Kirche noch Zukunft? Was sich bei der Stromversorgung bewährt, kann auch für Kirche erfolgreich sein: das Verbundsystem.
Die Dekanatsräte von Wels haben den Studientag „Aufbruch in der Kirche“ am Samstag, 7. Februar für ein gemeinsames Nachdenken genutzt. Stoff dafür haben sie reichlich bekommen. Religionslehrkräften und Seelsorgern brennt das Thema unter den Nägeln: Ist das Christentum noch zukunftsfähig?
„Ja“, sagt der Freiburger Soziologe und Theologe Michael Ebertz. Die Zeit der Volkskirche, der viele angehören, ist für ihn längst nicht vorbei. Es muss allerdings eine neue Art von Volkskirche sein.
Die Zeit, in der Kirche als „Heilsanstalt“ verstanden wurde, an der ein gläubiger Mensch nicht vorbeikommt, wenn ihm an seinem Heil etwas liegt, ist großteils vorbei. „Ob Beichte oder Sonntags-Gottesdienstbesuch – viele Menschen lassen die Vorgaben der Kirche ziemlich unbekümmert“, meint Prof. Ebertz. „Der Klerus hat die Herrschaft über die Mitglieder verloren“.
Die Zukunft sieht Ebertz trotzdem in einer neuen Art Volkskirche, der sich viele verbunden wissen und die nicht sektenartig nach den Vorstellungen einer Elitegruppe geformt ist.
„Die Kirche muss sich fragen, ob sie sich nicht selbst im Wege steht“, betont Ebertz. Eine Schranke für viele sei der „Stallgeruch“, dem sie in den Kirchen und Pfarren begegnen: „In vielen unserer Pfarren ist eine bestimmte Geschmacksgruppe vorherrschend, die ihre Duftnote hinterlässt und die Menschen, die religiös hungrig sind, aber einen anderen Geschmack haben, faktisch ausgrenzt“, stellt er fest.
Viel stärker müsse sich die Kirche neuen Geschmäckern öffnen. Es dominiere zu sehr die Gruppe, die immer auf Harmonie aus ist. Doch auch Menschen mit Protest und Zweifel sollten sich in der Kirche angenommen wissen.
Zwei Erscheinungen bemerkt Ebertz besonders in den Kirchen: eine „Vergreisung“ und eine „Infantilisierung“, also eine nur auf Kleinkinder bezogene Kirche. Familiengottesdienste würden fast ausschließlich im Blick auf die kleinen Kinder gestaltet, auf die Eltern nähmen sie kaum Bezug. Und so fehlt der Kirche allmählich die Mehrzahl der Menschen, die zwischen Kindheit und Greisenalter liegen. „Wir müssen aufpassen, dass das wirklich Bedeutende in der Kirche vorkommt.“ Ebertz meint damit die ernsten Themen um Schuld, Tod und um die Klage der Menschen.
Neue Andock-Stellen
Kirche muss attraktiver werden, betont Michael Ebertz, herausfordernder für Menschen. Für viele sei der Raum, in dem sie Kirche begegnen, nicht mehr die Pfarre. Es gelte, meint Ebertz, neue Möglichkeiten des Andockens zu ermöglichen. Er spricht sich für eine „kooperative Seelsorge“ aus, in der Menschen in neuen pastoralen Räumen vielfältige Angebote vorfinden. In einer Art pastoralem Verbundsystem sollten Pfarren, Klöster usw. sich vernetzen und Schwerpunkte setzen. „Statt allen alles werden zu wollen, sollten wir Bestimmten vieles bedeuten“, sagt Eberts. Niemand in einem größeren pastoralen Raum darf dabei ausgeschlossen werden.