In Österreich ist von der großen Kopftuchdebatte kaum etwas zu spüren
Ausgabe: 2004/07, Kopftuch, Debatte,
10.02.2004
- Walter Achleitner
Kopftuch-Streit in Deutschland und Frankreich: Wie sieht die Situation in Österreich aus und warum trägt ein junges Mädchen ein Kopftuch? Die KIZ hat nachgefragt.
Samstagmorgen, kurz nach 10 Uhr. 20 Mädchen sitzen im ersten Stock der Zentralmoschee in der Linzer Humboldtstraße und lesen aus dem Koran. Gegenüber den Jungs, die im Erdgeschoß lernen, haben sie etwas im Lernen voraus. Alle tragen wie die Lehrerin ein Kopftuch. Auch Gülcan, die ganz hinten sitzt. „Ich trage das Kopftuch nur, wenn ich hierher komme“, sagt die 14-jährige Schülerin. Im Fastenmonat Ramadan trägt sie die Kopfbedeckung auch zu Hause, ansonsten findet sie, es sei noch etwas zu früh, die Haare immer zu bedecken, auch in der Schule. „Nach meiner Heirat möchte ich das Kopftuch aber immer tragen“, fügt Gülcan an. Muslimische Mitschülerinnen am Polytechnischen Lehrgang, die das Kopftuch tragen, hätten keine Probleme.
Das Kopftuch – Mittelpunkt einer heißen Debatte in Frankreich und Deutschland. In Deutschland fragt man sich, ob man muslimischen Lehrerinnen das Tragen von Kopftüchern während des Unterrichtes verbieten soll, Frankreich mit seiner Tradition der strengen Trennung von Religion und Staat will man es als religiöses Symbol von den Schulen verbannen. Schon mussten Schülerinnen wegen der Kopftücher die Schulen verlassen. Und in Österreich? „In einer Schule in Linz-Urfahr wurde eine Schülerin unter der Bedingung aufgenommen, dass sie das Kopftuch nur bis zum Schulhof trägt. Auch bei anderen Schulleitungen gibt es Hindernisse. Manche Betriebe stellen Mitarbeiterinnen nicht ein, wenn sie das Kopftuch tragen. Allgemein ist das Bild aber gut“, sagt Zekeriya Eser vom türkisch-islamischen Verein „Atib“. „Es gibt keine größeren Spannungen, wir sind mit der Situation zufrieden“, ergänzt der Solidaritätspreisträger.
An sich sollten Mädchen im Islam ab der Pupertät das Koptuch tragen. Von Frauenrechtlerinnen wird es oft als Unterdrückungssymbol in der männerdominierten islamischen Welt gesehen. „Wir tragen das Kopftuch, weil es im Koran steht, und nicht, weil es die Männer so wollen“, antwortet Gülcan auf meine Frage. Als politisches Symbol, gar für Fundamentalismus, will man in der Zentralmoschee das Kopftuch nicht sehen.
Hinter-Grund
„In Österreich trägt die überwiegende Mehrheit der muslimischen Frauen das Kopftuch ganz einfach, um ihren Glaubensregeln zu entsprechen“, sagt Elisabeth Dörler. Und die Islambeauftragte der Diözese Feldkirch erklärt die Hintergründe: „Im Koran heißt es, dass Frauen bedeckt sein sollen.“ Wie „bedeckt“ jedoch zu verstehen ist, das sei nicht genauer ausgeführt. „Und deshalb gibt es auch im Islam unterschiedliche Auffassungen darüber: ob nur vom Hals bis unter das Knie – was ja auch bei uns landläufig als anständig bezeichnet wird –, oder ob der Kopf bedeckt sein muss.“
Eine Form, so erinnert sich die Vorarlbergerin, die auch früher in Österreich weit verbreitet war: „Es wird vielfach verdrängt. Aber auch bei uns haben viele Frauen es als sehr unanständig empfunden, ohne Kopfbedeckung in die Kirche zu gehen.“ Dass es muslimische Frauen gibt, „für die das Kopftuch ein religiöses Kampfmittel ist, das darf man nicht wegdiskutieren“, ist Dörler überzeugt. Die Bandbreite möglicher Motive ist groß. Damit könne genauso gegen das Vorurteil gekämpft werden, dass Frauen im Islam grundsätzlich unterdrückt werden. „Diese Frauen wollen zeigen: Ich bin Muslima und stehe zu meiner Religion. Im Rahmen der Religionsfreiheit gehört es jeder Frau freigestellt, sich zu kleiden, wie sie möchte.“