Der Mensch ist kein Auto, das nur Wert hat, wenn es gut läuft. Johann Lehofer über Begegungen am Krankenbett.
Ich betrat ein Krankenzimmer und es entwickelte sich folgendes Gespräch: „Wozu kommen Sie? Sie tun ja nichts. Ich möchte so schnell wie möglich wieder heim. Die Arbeit wartet auf mich. Ich habe keine Zeit zum Herumliegen. Sie machen ja nichts, was die Heilung beschleunigt.“Die kranke Frau hat ja Recht! Ich verschreibe keine Medizin, verordne keine Behandlung, ich mache auch keine Therapien, leiste keinen Beitrag zur Pflege, putze auch nicht das Zimmer.Ich antwortete: „Ich mache nichts; aber jetzt, wenn es Ihnen recht ist, bin ich für Sie da!“Jedes Krankenhaus zeigt stolz seine Leistungsfähigkeit und präsentiert seine Leistungsbilanz: Welche Geräte, welche Untersuchungen geboten werden, welche Eingriffe und Therapien gemacht werden können. Auch ich freue mich, wenn durch neue Erkenntnisse und Mittel Heilbehandlungen verbessert werden können. Mir begegnet der Mensch so, wie ihm wirklich zumute ist. Er braucht sich nicht zusammenreißen und auch keine Zustimmung zu einer Heilbehandlung oder Operation geben. Mir begegnet der Mensch mit seinen Hoffnungen und Ängsten, mit Zuversicht und Verzweiflung. Er erlebt die Grenzen seiner Lebensmöglichkeiten – und muss Abschied nehmen von dem, was ihm eben noch selbstverständlich war.Und dann: die Angst vor Untersuchungen: „Ich weiß nicht, ob ich das noch aushalte.“ „Und wenn es bösartig ist?“ Gut gemeinte, aber oft phrasenhafte Sätze wie: „Du musst halt Geduld haben, du schaffst es schon, da musst du durch ...“, wirken oft belastend. Ich versuche die Not zu erkennen, zu benennen, sie auszuhalten – und nur ja keinen billigen Trost aus dem Ärmel zu ziehen. Seelsorge belehrt nicht. Ich nehme all das, was mir gesagt und erzählt wird, ernst, ohne es zu bewerten. Gleichzeitig versuche ich aus der Lebensgeschichte die Alltagsspiritualität zu erahnen und halte Ausschau, ob ich die/den Kranken befähigen kann, diese in einem größeren Horizont zu stellen. Oft geben uns die Patienten dafür den Faden selbst in die Hand. Die Kunst der Seelsorge besteht darin, die tiefere Symbolik aus dem Gesagten zu vernehmen, mit der man oft bis zum Heiligen vorstoßen kann. Dem Seelsorger steht nicht nur das Hier und Jetzt zur Verfügung, sondern die ganze Lebensgeschichte. In dieser lassen sich Sinnstützen finden, Erfahrungen, die sich als tragfähig erwiesen. Der Seelsorger ist kein Sinngeber – aber er kann helfen, Sinn aufzuspüren. Nicht selten werden Leidenserinnerungen zu Lebensstützen für das Jetzt. Ein kranker Mensch, der sich fremd geworden ist und den nichts Vertrautes mehr trägt, wird so in seiner Verlassenheit ernst genommen und gewürdigt. „Was ich jetzt durchmache, kann ja niemand verstehen.“
Segnen ist Würdigen
Habe ich einen Zugang zur Spiritualität des/der Kranken gefunden, kann das Zeichen des Segens zu einer deutlichen Würdigung seines jetzigen Zustandes werden. Segnen ist Würdigen. Wenn wir einen Kranken – oder bei einer Verabschiedung einen Verstorbenen – segnen, würdigen wir sein Denken, Fühlen, Lieben, alles, was seine Hände taten, die Wege, die seine Füße gingen. Gott möge das Ungereimte wegnehmen und das Bemühen und Gelungene hell leuchten lassen.
Als Seelsorger bin ich auch Klagemauer und vernehme das Klagen und Anklagen als Gebet. Ich verweise oft auf die verdeckten Wirklichkeiten des Lebens. Nicht alles ist machbar, therapierbar und erneuerbar. Das Dunkle, das Sinnlose und der Tod sind eine Realität, der ich nicht entkomme. In meiner Arbeit bleibe ich ein Advokat für den kranken Menschen, der auch ein Recht auf Müdigkeit hat, der nicht immer alles will, der auch sagen darf: „Es ist genug, ich kann nicht mehr.“ Als Seelsorger ist mir außerdem sehr wichtig, dass ein toter Leib geachtet und gewürdigt wird. Es stimmt: So, wie man mit den Toten umgeht, handelt man auch mit den Lebenden. Wir Menschen sind kein Auto, das nur Wert hat, so lange es gut läuft, und das, so lange es sich auszahlt, zur Reparatur in die Werkstatt kommt.