Die Demokratisierung stellt die Kirche vor neue Herausforderungen
Ausgabe: 2004/08, Kroatien, Krieg, Bau,
17.02.2004
Neben dem Bau neuer Kirchen wird besonders auf Bildung gesetzt. Weil aber qualifizierte Laien und Priester noch fehlen, können bisher nicht alle Chancen genutzt werden.
Kroatien erlebt gleichermaßen den Übergangsprozess als auch die Erholung nach dem Krieg. Für die Kirche ist es notwendig, das nachzuholen, was in bleiernen Zeiten der Unfreiheit versäumt wurde, um auf zeitgemäße Forderungen des Lebens antworten zu können. So ähnelt die Kirche einer großen Baustelle. Fünf Jahrzehnte war das kirchliche Leben hauptsächlich auf die Sakristei beschränkt. Das beeinflusste zweifellos sowohl Gläubige wie Priester. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele Priester ermordet oder zu Gefängnisstrafen verurteilt. Damit war ihr Ansehen und das der Kirche als Institution im Volk gestiegen. Das wiederum veranlasste das kommunistische Regime, den Umgang mit den Gläubigen zu verschärfen. Sie wurden gezwungen, ihre Religiosität im äußerst privaten Rahmen zu leben. Und die Priester wiederum wurden nahezu die einzigen Träger der kirchlichen Gemeinschaft.
Überzeugte Gläubige
Bereits das Bekenntnis, ein Katholik zu sein, galt in jener Zeit als Zeugnis. In mancherlei Hinsicht führte das zu einer Passivität der Gläubigen sowohl im Hinblick auf die religiöse Bildung als auch hinsichtlich der vom Glauben her motivierten Einsatzbereitschaft. Obgleich die Ideen der vom Konzil inspirierten Erneuerung nach Kroatien gelangten, konnten sie nur teilweise umgesetzt werden.
Bis heute macht sich die mangelnde Befähigung der großen Mehrheit der Gläubigen für das Wirken im öffentlichen Leben – im sozialen, politischen wie im kirchlichen – bemerkbar. Neue Aufgaben bezüglich der Bildung kirchlicher Gemeinschaften sowie der Formung persönlich überzeugter Gläubiger bereiten nicht nur vielen Priestern große Sorgen.
Fehlende Kirchen
Die auffallend starke Landflucht und das Wachstum der Städte erforderte den Bau neuer Kirchen und Pastoralzentren. Doch dafür hatte die undemokratische Herrscheroligarchie keinerlei Verständnis. Für die kommunistischen Stadtplaner waren Gotteshäuser nicht vorgesehen In Zagrebs neuen Stadtvierteln kaufte die Kirche Wohnungen, um sie als Gottesdiensträume einzurichten.
Mit der erlangtenFreiheit sollte es möglich werden, in vielen Städten neue Kirchen zu errichten. Doch in Folge der Aggression auf Kroatien – zwischen 1991 bis 1995 – kam es zur Zerstörung von über 200 katholischen Gotteshäusern. Bald nach Kriegsende wurde mit deren Wiederaufbau begonnen, und der Kirchenneubau fortgesetzt. Und so ähnelt die Kirche in Kroatien tatsächlich einer großen Baustelle.
Viele Chancen
Nach der schmerzhaft erfahrenen Unfreiheit erlebte die Kirche im eigenständigen Kroatien eine rechtliche Klärung: ein Wirkungsrahmen, wie er für demokratische Gesellschaften selbstverständlich ist. Vier Abkommen zwischen der Republik Kroatien und dem Heiligen Stuhl eröffnen ein weites Wirkungsfeld in der Gesellschaft. Bislang ist die Kirche in Ermangelung qualifizierter Fachkräfte – Priester wie Laien – außerstande, alle Möglichkeiten zu nutzen. Derart herausgefordet initiierten einige Ortskirchen postkonziliare Diözesansynoden. Die Synode der Erzdiözese Zagreb, der mit 1,3 Millionen Gläubigen bevölkerungsreichsten Diözese, befindet sich in Vorbereitung.
Die Abkommen führten dazu, dass an staatlich verwalteten Grund- und Mittelschulen sowie an Kindergärten der konfessionelle Religionsunterricht eingeführt wurde. Damit wurde auch der Religionsunterricht für Angehörige anderer Konfessionen möglich. Das Wahlfach wird von mehr als 90 Prozent der katholischen Eltern angenommen. Zur Ausbildung der aus dem Laienstand kommenden Religionslehrer wurden neue kirchliche Hochschulen errichtet. Und sowohl die alte Zagreber als auch die neu gegründete Theologischen Fakultät in Split zählt viele Studentinnen und Studenten, die Laien sind.
Kroatien hilft
Während des Krieges in Kroatien spielte die Kirche – mit ausländischer Unterstützung – eine überaus wichtige Rolle für Zigtausende Heimatvertriebene und Flüchtlinge, ungeachtet ihrer nationalen oder religiösen Zugehörigkeit. Nach überwiegender Beruhigung der Kriegsfolgen verabschiedete die Kroatische Bischofskonferenz 1998 neue Statuten für die Kroatische Caritas (HC), die ihre Tätigkeit in Friedenszeiten festlegen. So hat die Caritas nach der Überschwemmung in Prag ebenso geholfen wie nach dem Erdbeben im Iran. Als Initiatorin ist die Caritas ebenfalls an großen Projekten zur Förderung der Vergebung und Versöhnung mit beteilligt. Auf pfarrlicher Ebene wurden in jüngster Zeit vor allem die Pfarrgemeinderäte ins Leben gerufen. Für sie werden eigene Fortbildungsveranstaltungen angeboten. Die Kroatische Bischofskonferenz hat eine Neustrukturierung der Pfarre empfohlen – als eine große Gemeinde, die aus zahlreichen kleinen Gemeinschaften oder Lebenskreisen der Gläubigen besteht.
Heute können Laien wieder Bewegungen und Vereinigungen gründen. Früchte dieser Tätigkeit sind im Moment weder in der allgemeinen noch in der kirchlichen Öffentlichkeit besonders sichtbar, aber sie werden nicht ausbleiben.
Mit Blick auf die EU
Eine Herausforderung sind auch die Bemühungen um den Beitritt zur Europäischen Union. Sie werden von der Kirche unterstützt, weil das Land schon auf Grund der katholischen Mehrheit zu Westeuropa gehört. Kroatiens Kirche ist eine offene Baustelle. Es gibt jene, die planen und steuern, andere wieder arbeiten sehr intensiv. Die Dritten sind ziemlich langsam, die Vierten erwärmen sich erst für die Arbeit, und die Fünften, wenngleich sie sich als Katholiken bezeichnen, bleiben indifferent. So kann man sagen, dass sich die Kirche in Kroatien der Zukunft zuwendet.
Ivan Miklenic, Chefredakteur von Glas Koncila
Kroatien in Zahlen
– 87,8 Prozent der 4,4 Millionen Einwohner sind römisch-katholisch. 4,42 Prozent sind orthodox, und 1,28 Prozent gehören dem Islam an. 2,22 Prozent geben an, Atheisten zu sein. – Zu Kroatien gehören 1185 Inseln in der Adria, von denen 66 besiedelt sind. – Das Monatseinkommen beträgt durchschnittlich 500 Euro. – Die katholische Kirche ist in vier Erzdiözesen und elf Diözesen gegliedert. – In über 200 katholischen Missionen oder Pfarren weltweit versammeln sich gläubige Kroaten. – Während des Krieges zwischen 1991 und 1995 wurden 20.000 Kroaten getötet. Ebenso wurden 204 Kirchen völlig zerstört. 1448 Gotteshäuser sowie 286 Pfarrhäuser und 80 Klöster wurden beschädigt.
Am Mitteleuropäischen Katholikentag (MEKT) nehmen acht Länder teil. Höhepunkt ist die „Wallfahrt der Völker“ am 22. Mai 2004 nach Mariazell.Informationen: Vorbereitungsbüro MEKT, Wollzeile 2, 1010 Wien, Tel. 01/51 55 2-35 95 oder unter www.katholikentag.at
Ganz Persönlich
„Jugendliche“ Integration bestätigt
Nach dem Zerfall des Kommunismus hat die kroatische Jugend begonnen, mit Jugendlichen aus Europa weitaus mehr in Kontakt zu treten, als dies je zuvor der Fall war. Damit ist es ihnen gelungen, alte Barrieren zu überwinden, die sie daran gehindert haben, sich in Europa zu Hause zu fühlen. Abgesehen von allen formellen Hindernissen wächst heute in Kroatien eine europäische Generation heran. Europa wird von ihr als natürliches Umfeld wahrgenommen, das die Jugendlichen viel früher betreten haben als die Politiker. Deshalb stößt auch der Mitteleuropäische Katholikentag auf Begeisterung, weil er diese „jugendliche Integration“ bestätigt. Branimir Stanic, Student
Sich Gott annähern
Wenn wir auf die Ordensgemeinschaften in Kroatien blicken, so müssen wir trotz aller Schwächen und Mängel zugeben, dass das Ordensleben immer noch wesentliches Merkmal und erkennbare Kraft innerhalb der Kirche und des Volkes ist. Als Erben einer reichhaltigen christlichen Vergangenheit sind wir berufen, bei jeder Gelegenheit unseren Beitrag zu Europa zu leisten. Den besten Beitrag leistet jede und jeder von uns durch das Bemühen um eine persönliche Annäherung an Gott. Indem wir an dieser niemals versiegenden Quelle täglich Anteil nehmen, vermögen auch wir zur Quelle der Liebe für die Mitmenschen zu werden. Ines Tutic, Barmherzige Schwester
Die Medien stärker bewegen
Der Mitteleuropäische Katholikentag bietet die Gelegenheit, auch die Medien für christliche Werte zu sensibilisieren. Ebenso ergibt sich die Möglichkeit, verschiedene Medien miteinander zu vergleichen. Insbesondere wenn es darum geht, wie über ökumenische Bemühungen und über die Lage der Katholiken im Rahmen der europäischen Integration berichtet wird. Hinsichtlich der Aufwertung der christlichen Lebensführung sind die Medien in Mitteleuropa immer noch nicht so ausschlaggebend, wie sie es eigentlich sein müssten. Daher sollte der Mitteleuropäische Katholikentag auch Journalisten dazu bewegen, bei der Förderung der europäischen Integration die grundlegenden Werte und religiösen Wurzeln aller Völker nicht außer Acht zu lassen. Jozo Renic, Redakteur der Zagreber Tageszeitung „Vecernji list“
Kirchenzeitung In Mitteleuropa
Diese Doppelseite wurde von der Redaktion „Glas Koncila“ – „Die Stimme des Konzils“ gestaltet. Die katholische Wochenzeitung erscheint seit 1962 in Zagreb. Glas Koncila finden Sie im Internet unter: www.glas-koncila.hrMit diesem Beitrag endet diese Serie, in der Kolleginnen und Kollegen von Kirchenzeitungen in den Ländern des Mitteleuropäischen Katholikentages ihr eigenes Land vorgestellt haben.