Kirche und NS-Zeit: Helfen Sie mit, lokale Zeitzeugnisse zu sichern
Ausgabe: 2004/39, Ohnmacht, NS, NS-Zeit, Gansinger Gottfried, Dr. Franz Ohnmacht, Kirche, Ried, Raab, KZ, Dachau, Gedenkjahr, Himmler, Geschlechtshormone
21.09.2004
- Gottfried Gansinger
Dr. Franz Ohnmacht, Porträt 1935
Das Jahr 2005 ist ein mehrfaches Bedenkjahr. Im Zentrum stehen die Erinnerung an das Ende des NS-Zeit und des Weltkrieges (1945) sowie an die Unterzeichnung des Staatsvertrages (1955).
Das Gedenkjahr ist Anstoß für viele Aktivitäten. Eine zeitgeschichtliche Initiative mit intensivem kirchlichen Bezug wird es im Bezirk Ried geben. Diese wird von der Kirchenzeitung begleitet und unterstützt. Die Initiatoren wünschen sich ein Mittun in möglichst vielen Pfarren und werden dafür Unterstützungen anbieten. Es geht um die Kirche und den Alltag kirchlicher Personen während der NS-Zeit.
Noch leben Zeitzeugen, noch gibt es Wissen über Dokumente, die irgendwo aufgehoben sind, ohne dass die Öffentlichkeit davon weiß. Diese Informationsschätze zu heben und für die Nachwelt zu sichern, ist das Ziel der Aktion. Es gibt so viele unbekannte Fakten, wie im Blattinneren an einem Beispiel – ein erschütternder Bericht über den Priester Franz Ohnmacht – gezeigt wird.
Ohnmachts-Schicksal
Kirche und NS-Zeit: Helfen Sie mit, lokale Zeitzeugnisse zu sichern
2005 gedenken wir sechzig Jahre Ende von Krieg und Nationalsozialismus. Noch leben Zeitzeugen von damals und es gibt viele zeitgeschichtliche Dokumente, die nicht gehoben sind. Die Kirchenzeitung trägt aus diesem Anlass eine Initiative im Bezirk Ried/I. mit (Dekanate Ried und Altheim), die Zeugnisse lokaler Folgen und Opfer des NS-Kirchenkampfes sichern will. – Diese Initiative kann auch für andere Regionen Impuls sein. In den Gemeinden und Pfarren sollen Informationen gesammelt und für die Nachwelt gesichert werden.
Die Initiative geht vom Rieder Heimatforscher und Hobby-Zeitgeschichtler Gottfried Gansinger aus, der auch für die Begleitung und Unterstützung lokaler Aktivitäten zur Verfügung steht.
Von Gottfried Gansinger stammt auch der Beitrag über Dr. Franz Ohnmacht – er zeigt beispielhaft auf, was an teilweise auch unbekannten Fakten erforscht werden kann:
Erinnerung ist die Mutter der Zukunft. Sie braucht die Kenntnis des Gewesenen. Daher ist die Beschäftigung mit der Geschichte so wichtig. Eine besondere Initiative zum Gedenkjahr 2005, mitgetragen von der Kirchenzeitung, gibt es dazu im Bezirk Ried.
Am Fronleichnamstag 1938 wurde der 1893 in Raab geborene Priester und Theologieprofessor Dr. Franz Ohnmacht aus dem Polizeigefängnis ins Konzentrationslager Dachau gebracht. Dem Transport gehörten u. a. auch Felix Kern (ein Maturakollege aus Ried), Alfred Maleta und der Linzer Bürgermeister Dr. Bock an.
Des Bischofs rechte Hand
Franz Ohnmacht, 1934 bis 1938 Leiter der Katholischen Aktion der Diözese Linz, war die „rechte Hand“ von Bischof Johannes Maria Gföllner. Er wurde schon mit 30 Jahren Professor der Philosophie am Priesterseminar in Linz, war von 1934 bis 1936 Mandatar im OÖ. Landtag und von 1934 bis 1938 Bundeskulturrat. Am Sonntag, 13. März 1938 ging er mit dem Bischof – wie oft – spazieren, um wichtige Anliegen zu beraten. Es „brannte“: Hitler hatte Österreich okkupiert. Dr. Ohnmacht war immer deutlich für ein unabhängiges Österreich eingetreten. Gföllner war einer der wenigen Bischöfe mit klarer Haltung gegen den Nationalsozialismus.Als sie ins Ordinariat zurückkehrten, wartete schon die SS. Ohnmacht wurde verhaftet. Bischöfe wagte man aus Angst vor Auslandsreaktionen und dem Widerstand von Katholiken noch nicht zu verhaften.
Medizinische Experimente
Weil Ohnmacht immer wieder seelsorglich tätig war, verbrachte er fast eineinhalb Jahre in der Strafkompanie. Auch auf den „Bock“ wurde er gespannt (40 Doppelhiebe). Er wurde zudem für medizinische Experimente missbraucht. Schwester Anna Ohnmacht hat seine Aussage aufgezeichnet, dass ihm „unter anderem Geschlechtshormone vom Pferd eingespritzt“ wurden. Das setzte offensichtlich seinen geistigen Kräfte langsam zu.
Himmlers Ablehnung
Zu seinem 25-jährigen Priesterjubiläum (1941) wollte die Schwester einen neuen Versuch starten, ihren Bruder aus dem KZ herauszuholen. Sie wusste, dass die Mutter des Reichsführers der SS Heinrich Himmler als tägliche Messbesucherin in München lebte. So fuhr sie nach München und übergab Himmlers Mutter einen Bittbrief ihrer Mutter um Freilassung zur Weiterleitung an ihren Sohn. Himmler lehnte aber mit den Worten ab: „Ich halte es für notwendig, dass Sie einmal Ihren Sohn erinnern, sich den von der Obrigkeit ergangenen Anordnungen zu fügen und gehorsam zu sein.
Die Folgen des KZ
Nach fünfjähriger Haft wurde Ohnmacht am 16. März 1943 aus dem KZ Dachau entlassen und musste in die Verbannung nach Gadebusch bei Schwerin. 1946 kam er, durch die KZ-Haft schwer in seiner Gesundheit geschädigt, nach Linz zurück. Ihm, der ein exzellenter Schüler war (sein Jahreszeugnis in der 8. Klasse Gymnasium Ried bestand nur aus „Sehr gut“), gelang, als er im Jahre 1951 sein Testament unterzeichen wollte, erst im siebten Versuch eine fehlerfreie Unterschrift (siehe Kopie)... In den letzten Jahren vor seinem Tod am 11. April 1954 verfiel er einem völligen Gedächtnisschwund.
Rachmanovas Widmung
Viele Autoren haben Ohnmachts reichen und tragischen Lebensweg beschrieben. Rudolf Zinnhobler etwa und Harry Slapnicka. Im Diözesanarchiv sind diese Quellen zugänglich. Neue Fakten stammen aus dem Familienarchiv eines Neffen, der sie für die Geschichtsforschung und Publikation zur Verfügung gestellt hat. Ein Briefverkehr wartet noch auf Auswertung durch Historiker. Eine besondere Kultur-Beziehung pflegte Ohnmacht mit der russischen Bestsellerautorin Alja Rachmanova. 1948 und 1949 verewigte sie den „talentierten Geistlichen aus Linz“ in zwei ihrer Romane.
ZUR SACHE
Lokal forschen
Zeitgeschichte ist ein Schwerpunkt des Volksbildungswerkes, des Bildungszentrums St. Franziskus und des Treffpunkts der Frau in Ried. Auch die lokale Erforschung „NS-Kirchenkampf und Opfer aus dem kirchlichen Bereich“ wird begleitet. In den Pfarren der Dekanate Ried und Altheim möchte Gottfried Gansinger mit der Kirchenzeitung Menschen ermutigen, die NS-Zeit aufzuarbeiten: Wie war der Alltag, wie zeigten sich Verfolgung, Repression ...?
Interessierte sind zur Koordinationsbesprechung, am Di., 12. Oktober, 20 Uhr, ins Bildungszentrum St. Franziskus eingeladen. Die KIZ begleitet die Initiative.
Kirche in der NS-Zeit im Bezirk Ried
Im Bezirk Ried soll der NS-Kirchenkampf und seine Opfer dokumentiert werden.
Der Rieder Heimatforscher und Hobby-Zeitgeschichtler Gottfried Gansinger und die Kirchenzeitung rufen Interessierte im Bezirk Ried (Dekanate Altheim und Ried sowie Pfarre Mettmach) zum Mittun bei einer großen lokalen zeitgeschichtlichen Forschungsarbeit auf. (Siehe auch Seite 3.)Viele Informationen drohen der Nachwelt verloren zu gehen. Informations„schätze“ sind zu heben. Interessierte, ehrenamtliche Mitarbeiter/innen werden ermutigt, sich in ihrer Pfarre/Gemeinde auf die Suche nach Dokumenten und Zeitzeugen zu machen. Das Material wird dem Diözesanarchiv und dem Archiv im Volkskundehaus Ried/I übergeben. Veröffentlichungen sind möglich.
Wie war der Alltag?
Wie war für Kirche und kirchliche Personen der Alltag in der NS-Zeit? Wie war die offizielle Haltung der Kirche im Ort zum Nationalsozialismus? Gab es Widerstand? Gab es Benachteiligungen im Alltag? (Etwa am Arbeitsplatz durch Versetzungen, Berufsverbot ... oder bei Zuteilung von Lebensmittelkarten, Bezugsscheinen, Baumaterialien...) Waren kirchliche Personen Verfolgung ausgesetzt? (Überwachung, Hausdurchsuchung, Verhöre, Androhungen, Geldstrafen, Anzeigen, Untersuchungshaft, Verurteilung, KZ). Welche Vorwürfe wurden gegen wen erhoben? ( „aufreizende Predigt“, „Feindsender hören“ ...) Wurde die kirchliche Arbeit behindert und wodurch? (z. B. Beschränkung der religiösen Veranstaltungen auf kircheneigene Räume, Beschränkung der Zahl der Ministranten, Beschlagnahmungen, Störaktionen, Schließen kirchlicher Einrichtungen...)
Info-Abend: 12. Oktober, 20 Uhr, Bildungszentrum St. Franziskus, Ried/I. Weitere begleitende Zusammenkünfte werden angeboten. Die Kirchenzeitung unterstützt die Aktion, die bis März 2005 dauern soll. Gottfried Gansinger gibt Anleitungen zur Quellenforschung: Wo muss ich suchen, wie komme ich an Quellen, wer könnte Auskunft geben ...
Wenn der Wunsch nach einer Interviewschulung für Zeitzeugeninterviews besteht, wird die Kirchenzeitung eine solche anbieten.