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Was ist Armut überhaupt?

Salzburger Forschungsprojekt nähert sich sehr konkret dem Phänomen der Armut
Ausgabe: 2004/45, Sedmak, Salzburg, Obdachlos, Armut, Forschung, Clemens Sedmak, Geld
03.11.2004
- Kirchenzeitung der Diözese Linz
Armut ist ein Phänomen, das jeden betreffen kann. Eine Forschergruppe um Clemens Sedmak an der Universität Salzburg geht der Armut auf den Grund.

Armutsfalle, Risikogruppe: Armut ist in aller Munde und wirkt doch abgenutzt. Jetzt noch Armutsforschung . . .

Sedmak:
Das ist eine häufige Reaktion: Was gibt’s da noch zu forschen? Tatsächlich ist es viel schwieriger. Unser Projekt besteht aus vier Schwerpunkten: Zum einen wollen wir die Betroffenen einbeziehen: Der Großteil der heutigen Armutsforschung funktioniert so: Es sitzen Leute in einem warmen Büro, lesen und schreiben über die Obdachlosen, die draußen die Zeitungen verkaufen. Das wollten wir nicht, sondern wir sind auf die Straße gegangen und haben diese Straßenzeitungsverkäufer befragt. Die Interviews werden jetzt veröffentlicht: So geben wir diesen Betroffenen eine Stimme.

Der zweite Schwerpunkt betrifft Armutsforschung als Disziplin. Geforscht wird zu diesem Thema in den verschiedensten Fächern: Theologie, Geschichte, Soziologie, Rechtswissenschaft, Sprachwissenschaft usw. Es gibt aber keinen Lehrstuhl, kein Studium der Armutsforschung. Das an sich ist nicht so wichtig, aber wir finden, die Forschungsperspektiven und Ergebnisse aus den einzelnen Disziplinen gehören zusammengefasst.

Als was bezeichnen Sie Armut in Ihrem Projekt?

Sedmak:
Das ist unser dritter Schwerpunkt: der Begriff von Armut. Ich verstehe Armut als Beraubung von der Möglichkeit, Verpflichtungen einzugehen: Arme können keine Verpflichtungen anderen gegenüber eingehen und Menschen gehen ihnen gegenüber keine Verpflichtungen ein. Sie finden keinen Lebensplatz. Ein Lebensplatz besteht aus den Verpflichtungen, die ich anderen Menschen gegenüber eingehe und die sie mir gegenüber eingehen. Ich z. B. kann als junger, pragmatisierter Beamter einen Kredit aufnehmen, weil die Bank davon ausgehen kann, dass ich ihn auch zurückzahle. Arme können keine Kredite aufnehmen. Deshalb sind das Handy und das Versandhaus Schuldenfallen: Weil die Menschen Verpflichtungen eingehen, die sie nicht erfüllen können.

Die andere Seite ist, dass den Armen gegenüber kaum Verpflichtungen eingegangen werden: Hier beginnt die unmenschliche Seite der Armut. Meine Kinder werden nicht verhungern, weil sie ein soziales Netz haben: Taufpaten, Firmpaten, Freunde, einfach Leute, denen auffällt, wenn sich bei mir etwas verändert. Aber es gibt auch die toten Obdachlosen, die zwei Tage auf dem Kapuzinerberg liegen, ohne dass sie vermisst werden.

Was bedeutet dies konkret für die Armutsbekämpfung?

Sedmak:
Ein Schweizer Kollege hat herausgefunden, dass verarmte Menschen zwei Dinge brauchen, um aus der Armut herauszukommen: eine Identität und ein Ziel. Die Identität besteht aus dem Platz im sozialen Netz, das Ziel liefert die Motivation. Am schlimmsten ist es, das zeigen z. B. Berichte von Primo Levi aus den Konzentrationslagern, wenn die Hoffnung stirbt. Für die Armutsforschung heißt das: Mach es Menschen möglich, Verpflichtungen einzugehen, und gehe selbst mit ihnen Verpflichtungen ein.

Was hat das mit Ihrem Armutsprojekt noch zu tun?

Sedmak:
Es ist unser vierter Schwerpunkt, an dem wir gerade arbeiten. Wir werden vom Fonds für Wissenschaft und Forschung gefördert und möchten auch ein konkretes Projekt zur Bekämpfung von Armut mit diesen Geldern machen. In Salzburg führen wir eine Bedarfserhebung durch, wo eine Lücke besteht, in der ein konkretes Hilfsprojekt sinnvoll ist. Meine Idee ist, Universität und humanitäre Praxis zu verbinden: Ich möchte so gerne Bücher machen, denn das ist es schließlich, was die Uni tut. Ich möchte Menschen einen Bereich anbieten, wo sie für zehn Euro die Stunde an der Produktion mitarbeiten.
Mit dem verdienten Geld aus diesem Projekt soll wieder ein anderes Hilfsprojekt gefördert werden, denn es ist ein Phänomen, dass von Armut betroffene Menschen sehr hilfsbereit sind, niemandem aber helfen können. Mit der Förderung eines anderen Projektes gehen sie selbst wieder eine Verpflichtung anderen Menschen gegenüber ein. Dass sie Arbeit und Lohn erhalten, ist eine Verpflichtung ihnen gegenüber. Wir werden sehen, ob wir das verwirklichen können. Wenn ja, dann hoffe ich, dass auch Schriftsteller wie Wolf Haas Texte für die Bücher zur Verfügung stellen.

Interview: Heinz Niederleitner

Informationen finden Sie unter: www.sbg.ac.at/hi/projects/start/index





DDDr. Clemens Sedmak ist Universitätsprofessor für Philosophie und Theologie in Salzburg.


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