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Alles eine Frage der Zeit

Wirtschaftskammer-Präsident Leitl will flexiblere Arbeitszeiten und stößt auf Widerstand
Ausgabe: 2004/45, Titelseite, Leitl, Wirtschaftskammer, Arbeitszeit, Zeitausgleich, Lohn, Ausland, EU, VW, Opel, Industrie, Arbeit, Arbeiter
03.11.2004
- Ernst Gansinger
© LARESSER Online-Fotoagentur, Rudolf Laresser
Der Opel war neben dem Volkswagen das wohl populärste Auto der Nachkriegszeit. Nicht nur der Opelmotor im Stammwerk Bochum kam zuletzt ins Stottern. Die Industrie in Deutschland und im westlichen Europa gerät zunehmend in Turbulenzen. Verdient ein Opelangestellter in Bochum durchschnittlich 2.900 Euro im Monat, sind es im nahen polnischen Werk Gliwice nur 700 Euro.

Mit einer flexibleren Gestaltung von Arbeitszeiten will Bundeswirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl die Wirtschaft in Österreich konkurrenzfähig halten. Er plädiert für eine Beibehaltung der Feiertage und des arbeitsfreien Sonntags. Ansonsten aber möchte er Arbeitszeiten flexibler gestaltet wissen. Wenn mehr Arbeit anfällt, soll auch länger gearbeitet werden können. Am Tag sollten nach Leitl bis zwölf Stunden Arbeit möglich sein. Auch saisonale Schwankungen sollten ausgeglichen werden. Gewerkschaften und Arbeiterkammer fürchten Lohneinbußen, sollten die Vorschläge umgesetzt werden.




Alles eine Frage der Zeit


Die Arbeitszeitgesetze engen ein, Arbeitszeiten müssten flexibler sein, sagt Wirtschaftskammerpräsident Dr. Christoph Leitl. Ohne uns, sagen Gewerkschaft und Arbeiterkammer.

„Nicht Mehrarbeit will ich, schon gar nicht Arbeit umsonst, sondern mehr Flexibilität.“ – Für Österreichs Wirtschaftskammerpräsident, den Oberösterreicher Dr. Christoph Leitl, ist das eine arbeitsplatzschaffende Maßnahme. Die Wochenarbeitszeit bliebe zwar gleich, doch auch zehn Arbeitsstunden am Tag wären noch Normalarbeitszeit, bei Arbeitsspitzen sogar zwölf Stunden. Der Durchrechnungszeitraum sollte länger sein, innerhalb dem sich mehr Arbeit und weniger Arbeit ausgleichen können ... Überstunden unterm Strich des Durchrechnungszeitraums würden aber als Überstunden entlohnt. Mit diesem Vorschlag handelt er sich harten Widerstand aus Gewerkschaft und Arbeiterkammer ein.

Verlierer-Diskussion


Eine österreichische Diskussion: Ein Vorschlag wird vom Verdacht seziert, er schaffe Verlierer. Ein Mehr an Arbeit ohne entsprechenden finanziellen Ausgleich komme nicht in Frage und sei auch volkswirtschaftlich kontraproduktiv, stellte vor zwei Wochen der Wirtschaftsausschuss der Arbeiterkammer Oberösterreich fest. „Die angestrebte Anhebung der täglichen Normalarbeitszeit bzw. der Höchstarbeitszeit läuft auf die Streichung von Überstundenzuschlägen hinaus. Für die Beschäftigten würde das drastische Einkommenseinbußen bedeuten“, sagte AK-Präsident Dr. Johann Kalliauer.

Europäische Diskussion


Leitl hält der Ablehnung entgegen, dass ein führender europäischer Gewerkschafter – der einstige niederländische Ministerpräsident Wim Kok – ins gleiche Horn stößt wie er. Kok kam mit einer EU-Sachverständigengruppe, die arbeitsplatzsichernde Maßnahmen ausloten sollte, zum Schluss, dass am Arbeitsmarkt Flexibilität und Sicherheit gefördert werden müssen.

Die Arbeiterkammer führt Studien des Wirtschaftsforschungsinstituts ins Treffen: Der wirtschaftliche Aufschwung lässt auf sich warten. Das liege vor allem in der schwachen Konsumnachfrage, was mit der schlechten Einkommensentwicklung zu tun habe. Die Produktivität stieg, aber die Arbeitnehmer verdienen heute real durchschnittlich weniger als 1995. Flexiblere Arbeitszeiten würde diesen Trend verstärken.

Wirtschaftliche Diskussion


„Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Nachfrage ist uns klar“, sagt Leitl. Die österreichischen Unternehmen sollten konkurrenzfähig bleiben. Steuerliche Entlastungen seien wichtig, moderate Lohnerhöhungen ebenso. In Europa wehe ein rauerer Wind, meint Leitl. Die Deutschen diskutieren gegenwärtig ein Einfrieren der Löhne bei gleichzeitiger Arbeitszeitverlängerung. Deutschland verliere täglich 1.500 Industriearbeitsplätze.

Gewinner-Diskussion


Zurück zu den Arbeitszeiten: Flexiblere Arbeitszeiten seien, so Leitl, nicht nur für das Unternehmen, sondern auch für den Arbeitnehmer ein Gewinn. Lebensrhythmus und Arbeitsrhythmus könnten so problemloser in Einklang gebracht werden. Betriebe würden bei Arbeitsspitzen aus der Grauzone der Gesetze kommen.

Politische Diskussion


„Wir müssen ein Bewusstsein schaffen, dass nicht automatisch der, der wütend etwas ablehnt, Recht hat“, sagt Leitl. Er hat z. B. Saisonbetriebe im Blick. Während der Saison werden gut bezahlte Arbeitsplätze geboten und dann die Leute arbeitslos gemeldet. Bei größerem Durchrechnungszeitraum könnte die Arbeitslosigkeit gesenkt werden, es gäbe weniger saisonale Arbeitslose.

In den letzten Jahren sei die tatsächlich geleistete Arbeitszeit der meisten Arbeitnehmer gestiegen, ebenso deutlich mehr wurden die von der Arbeitszeit entkoppelten Betriebszeiten, sagt der Chefökonom des Deutschen Gewerkschaftsbundes Dierk Hirschel (WISO 3/04).




Ihre Meinung


Soll bei Arbeitsspitzen länger gearbeitet und das über einen größeren Zeitraum mit Zeitausgleich abgegolten werden können?


Telefon 0732/77 45 27-30 - J A
Telefon 0732/77 45 27-40 - N E I N

Rufen Sie bis Montag,8. November 2004, 9 Uhr, an!





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