Von Jänner bis Mai hat im Tiroler Ort Ötztal-Bahnhof das Thema „Arbeit“ für viel Gesprächsstoff gesorgt. Auslöser war nicht eine Betriebsschließung sondern eine Aktion zum Sozialwort.
„Es ist schön, wenn bei unserer Umfrage 90 Prozent der Arbeitnehmer/-innen sagen, dass sie am Arbeitsplatz ernst genommen werden, oder wenn gar 93 Prozent an ihrer beruflichen Tätigkeit Freude haben. Wir müssen unseren Blick aber auch dorthin richten, wo Menschen mit ihrer Arbeit Probleme haben“, sagt Christine Föger. Sie war gemeinsam mit Bruno Holzhammer die treibende Kraft, dass die Katholische Arbeitnehmer/-innen-Bewegung (KAB) Tirol in ihrem Heimatort Ötztal-Bahnhof das Pilotprojekt „Ein Dorf spricht über Gute Arbeit“ durchgeführt hat. Die raschen Umbrüche in der Arbeitswelt machen den Menschen Sorgen. Das zeigten auch zahlreiche Eingaben zum Sozialwort-Prozess der Kirchen Österreichs. Für die KAB und die Betriebsseelsorge war das der Anstoß, um die österreichweite Kampagne „Gute Arbeit“ zu starten. Im Sozialwort wird die Qualität der Arbeit (gerechtes Einkommen, Respekt vor den Fähigkeiten und der Würde der Mitarbeiter, umweltgerechte Produkti- on) als wichtiges Anliegen formuliert. Gute Arbeit (im Beruf wie im Haushalt) trägt wesentlich zum Selbstwertbewusstsein und zur Entfaltung des Menschen bei.
Unter die Lupe genommen
In Ötztal-Bahnhof wollte die KAB die Arbeit der Menschen im Ort unter verschiedenen Blickwinkeln unter die Lupe nehmen. Volksschüler haben die Arbeit ihrer Eltern erkundet und gezeichnet. Die vierten Klassen der Hauptschule haben ihre Eltern zu deren Arbeitsalltag befragt und die Ergebnisse beim Abschlussabend der Aktion gekonnt prä-sentiert. Sie deckten u. a. auf, dass fast 20 Prozent ihrer Eltern nach der Arbeit häufig oder immer so erschöpft sind, dass sie für nichts mehr Energie haben, oder dass 30 Prozent in ihrem Betrieb schon einmal Mobbing erlebt haben. Für viel Gesprächsstoff sorgte die in Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsverein durchgeführte Mitarbeiter/-innenbefragung in den Betrieben. Alle Betriebsleiter wurden besucht und dabei gebeten, die Fragebögen auszuteilen. Von den 70 Betrieben im Ort machten schließlich 30 mit. 130 ausgefüllte Fragebögen kamen zurück. „Manche Unternehmer haben es inzwischen bedauert, dass sie uns zu wenig vertraut und daher nicht mitgemacht haben“, erzählt Christine Föger. Zu den Ergebnissen meint sie: „Wir haben eine hohe Arbeitszufriedenheit, es gibt aber auch einige Bereiche, wo Verbesserungen nötig sind. So etwa sagen 27 Prozent, dass sie für ihre Arbeit kaum oder nie gelobt werden. 42 Prozent möchten weniger Stress und 36 Prozent mehr Mitsprache. Für die Zukunft fürchten mehr als die Hälfte verschärfte Konkurrenz und mehr Leistungsdruck. 45 Prozent wünschen sich mehr Weiterbildungsangebote.
Einen „nachhaltigen Dialog zwischen Wirtschaft und Kirche“ streben der Tiroler Wirtschaftskammer-Präsident Hansjörg Jäger und Bischof Manfred Scheuer an. Dafür wurde die Plattform „Wirtschaft trifft Kirche – Kirche trifft Wirtschaft“ gegründet. „Wir sehen darin einen konkreten Beitrag zur Umsetzung des Sozialworts der Kirchen“, meint Matthias Walter vom „Haus der Begegnung“. Die ersten Initiativen der Plattform waren ein Lehrlingstag und der Start der Unternehmer/-innenrunden am 8. Oktober. Dabei treffen sich interessierte Unternehmer mit Spitzenvertretern und Fachleuten aus der Kirche, um grundsätzliche Fragen und beispielhafte Initiativen von Unterneh- men (Einstellung von Behinderten, Mitarbeiterbeteiligungsmodelle etc.) zu erörtern. Für das nächste halbe Jahr wurden bereits drei weitere Unternehmer/-innenrunden vereinbart. Sie werden von drei Arbeitsgruppen, die sich längerfristig mit den Themen Unternehmensethos, Mitarbeiterbeziehung und Visionäres/Prophetisches (Zukunft) befassen, vorbereitet. Auch mit dem auf KAB-Initiative geschaffenen P.-Gapp-Sozialpreis für mitarbeiterfreundliche Unternehmen will die Diözese das Anliegen des Sozialwortes fördern.
Anstoß zur Tat
Aus der Praxis
Das „Haus der Begegnung“ der Diözese Innsbruck legt seit seiner Gründung (1966) besonderes Augenmerk auf soziale und gesellschaftliche Fragen. Daher wird das Sozialwort der Kirchen nicht nur als Bildungsauftrag gesehen, es ist auch Anstoß für konkrete Initiativen.
Schöpfungsverantwortung und nachhaltiges Wirtschaften sind wichtige Anliegen des Sozialwortes. Im „Haus der Begegnung“ entschloss man sich daher, ein „Klimabündnis-Betrieb“ zu werden. Die dafür notwendige Zertifizierung wurde bereits durchgeführt. Dabei ging es sowohl um die Energiebilanz des Hauses und mögliche Verbesserungen, als auch darum, wie die Mitarbeiter/-innen zur Arbeit kommen, welche Reinigungsmittel verwendet werden oder um den sparsamen Umgang mit Büromaterial. Außerdem hat sich das Haus entschlossen, nur noch fair gehandelte Produkte und Bio-Lebensmittel aus der Umgebung zu verwenden.
Ein wichtiger Impuls aus dem Sozialwortprozess sind auch die seit zwei Jahren regelmäßig angebotenen Lehrlingsnachmittage. Unter dem Motto „Klappe auf“ stellen jeweils zwei Berufsschulklassen einander ihre Berufe vor und sprechen über Freud und Leid der Arbeit.