Beim Schultest PISA II schneidet Österreich „wenig zufrieden stellend“ ab
Ausgabe: 2004/51, Gehrer, PISA, Schule, Schultest
15.12.2004
- Hans Baumgartner
Bildungsministerin Elisabeth Gehrer ist für eine „unaufgeregte Debatte“. Aber seit Österreich im Schultest bei den meisten Wertungen hinter Deutschland gerutscht ist, herrscht Volksaufregung.
Im Jahr 2000 schien die Welt noch in Ordnung. Österreich lag beim vergleichenden Schultest PISA in allen Wertungen (Mathematik, Lesen, Naturwissenschaften) deutlich vor Deutschland im „oberen Mittelfeld“ der 29 OECD-Staaten. Doch wie im Fußball das Wunder von Cordoba nur kurz währte, so ist Deutschland beim PISA-Test 2003 bei drei Wertungen (Lesen, Naturwissenschaften und Problemlösen) an Österreich vorbeigezogen – aber nicht, weil die deutschen Schüler/innen so viel besser geworden wären, sondern weil die heimischen Kids „signifikant zurückgefallen“ sind. Mit „statistischer Unschärfe“ sei dieser Einbruch nicht mehr zu erklären. „Wir mussten, etwa im Bereich der Naturwissenschaften, den größten Leistungsabfall unter allen OECD-Staaten hinnehmen“, sagt PISA-Projektleiterin Claudia Reiter. Aber auch sie hält wenig von der aufgeregten Diskussion, die manche Medien und Politiker vergangene Woche inszeniert haben. Ein Grund für die Aufregung komme auch daher, meint Reiter, weil man vor drei Jahren PISA 2000 schön gefärbt habe. „Wir haben damals immer wieder gesagt, dass Österreich nur im Mittelfeld liegt. Weil hier die Zahlen so eng beisammen sind, können kleine Veränderungen schon große Auswirkungen auf die Rangordnung haben. Deshalb finde ich diese Sprünge nicht so schlimm. Was aber wirklich zu einem entschiedenen Handeln herausfordert, ist einmal die Tatsache, dass wir in allen Bereichen objektiv schlechtere Werte haben als bei der ersten Studie. Zum anderen haben wir eine sehr große Leistungsstreuung, die mit der unterschiedlichen Begabung der Schüler/innen allein nicht erklärt werden kann. Es lässt aufhorchen, wenn bei uns 20 Prozent kaum lesen können, in Finnland aber nur sechs Prozent zu dieser Risikogruppe zählen.“ Direktor Hans Schachl von der Pädagogischen Akademie der Diözese Linz sieht in der PISA-Studie einen wichtigen Anstoß, der zu einer intensiven Bildungsdiskussion führen könnte. Was in den vergangenen Tagen abgelaufen ist, ermutige ihn aber nicht sehr. „Anstatt sachorientiert Lösungen zu suchen, werden wieder die alten ideologischen Grabenkämpfe geführt.“ Er fordert ein viel stärkeres Eingehen des Unterrichts auf die Begabungen und Defizite der einzelnen Schüler/innen (innere Differenzierung). Aber bei Volksschulklassen mit 30 Kindern sei das nur schwer möglich. Außerdem müsste es nach der Volksschule nicht nur eine Leistungsdifferenzierung, sondern eine Interessens- und Begabungsdifferenzierung – ausgehend von einer Grundbasis für alle – geben. Hier hakt auch Direktor Hubert Brenn vom Studienzentrum Stams ein: „Die Lehrer/innen und Schulen brauchen mehr Freiraum, um schüler/innenorien- tiert arbeiten zu können.“ Derzeit würden sie mit immer neuen pädagogischen Vorgaben von oben überschwemmt. Von einer Überfrachtung der Schule von außen spricht auch der Präsident des Katholischen Familienverbandes und Berufsschuldirektor Johannes Fenz. Er fordert eine Konzentration der Grundschule auf die Kernkompetenzen (Lesen, Schreiben, Rechnen). Das sei für die weitere Entwicklungsmöglichkeit der Schüler/innen von zentraler Bedeutung.
Der PISA-Test
Zur Sache
Bildungsministerin Elisabeth Gehrer ist für eine „unaufgeregte Debatte“. Aber seit Österreich im Schultest bei den meisten Wertungen hinter Deutschland gerutscht ist, herrscht Volksaufregung. Im Jahr 2000 schien die Welt noch in Ordnung. Österreich lag beim vergleichenden Schultest PISA in allen Wertungen (Mathematik, Lesen, Naturwissenschaften) deutlich vor Deutschland im „oberen Mittelfeld“ der 29 OECD-Staaten. Doch wie im Fußball das Wunder von Cordoba nur kurz währte, so ist Deutschland beim PISA-Test 2003 bei drei Wertungen (Lesen, Naturwissenschaften und Problemlösen) an Österreich vorbeigezogen – aber nicht, weil die deutschen Schüler/innen so viel besser geworden wären, sondern weil die heimischen Kids „signifikant zurückgefallen“ sind. Mit „statistischer Unschärfe“ sei dieser Einbruch nicht mehr zu erklären. „Wir mussten, etwa im Bereich der Naturwissenschaften, den größten Leistungsabfall unter allen OECD-Staaten hinnehmen“, sagt PISA-Projektleiterin Claudia Reiter. Aber auch sie hält wenig von der aufgeregten Diskussion, die manche Medien und Politiker vergangene Woche inszeniert haben. Ein Grund für die Aufregung komme auch daher, meint Reiter, weil man vor drei Jahren PISA 2000 schön gefärbt habe. „Wir haben damals immer wieder gesagt, dass Österreich nur im Mittelfeld liegt. Weil hier die Zahlen so eng beisammen sind, können kleine Veränderungen schon große Auswirkungen auf die Rangordnung haben. Deshalb finde ich diese Sprünge nicht so schlimm. Was aber wirklich zu einem entschiedenen Handeln herausfordert, ist einmal die Tatsache, dass wir in allen Bereichen objektiv schlechtere Werte haben als bei der ersten Studie. Zum anderen haben wir eine sehr große Leistungsstreuung, die mit der unterschiedlichen Begabung der Schüler/innen allein nicht erklärt werden kann. Es lässt aufhorchen, wenn bei uns 20 Prozent kaum lesen können, in Finnland aber nur sechs Prozent zu dieser Risikogruppe zählen.“Direktor Hans Schachl von der Pädagogischen Akademie der Diözese Linz sieht in der PISA-Studie einen wichtigen Anstoß, der zu einer intensiven Bildungsdiskussion führen könnte. Was in den vergangenen Tagen abgelaufen ist, ermutige ihn aber nicht sehr. „Anstatt sachorientiert Lösungen zu suchen, werden wieder die alten ideologischen Grabenkämpfe geführt.“ Er fordert ein viel stärkeres Eingehen des Unterrichts auf die Begabungen und Defizite der einzelnen Schüler/innen (innere Differenzierung). Aber bei Volksschulklassen mit 30 Kindern sei das nur schwer möglich. Außerdem müsste es nach der Volksschule nicht nur eine Leistungsdifferenzierung, sondern eine Interessens- und Begabungsdifferenzierung – ausgehend von einer Grundbasis für alle – geben. Hier hakt auch Direktor Hubert Brenn vom Studienzentrum Stams ein: „Die Lehrer/innen und Schulen brauchen mehr Freiraum, um schüler/innenorien- tiert arbeiten zu können.“ Derzeit würden sie mit immer neuen pädagogischen Vorgaben von oben überschwemmt. Von einer Überfrachtung der Schule von außen spricht auch der Präsident des Katholischen Familienverbandes und Berufsschuldirektor Johannes Fenz. Er fordert eine Konzentration der Grundschule auf die Kernkompetenzen (Lesen, Schreiben, Rechnen). Das sei für die weitere Entwicklungsmöglichkeit der Schüler/innen von zentraler Bedeutung.
Daten & Fakten
Bestenfalls Mittelmaß
Österreichs Schüler/innen sind „bestenfalls Mittelmaß“. Ihre Lese-, Mathematik- und Naturwissenschafts-Kompetenz ist „wenig zufriedenstellend“. Das steht im österreichischen PISA-Bericht, der vom „Projektzentrum für Vergleichende Bildungsforschung an der Uni Salzburg erstellt wurde. In Mathematik ist Österreich unter den 29 OECD-Ländern vom 11. (515 Punkte) auf den 15. Rang (506) zurückgefallen. Besonders problematisch ist, dass 19 Prozent in die schlechteste von sechs Gruppen fallen (Risikogruppe). Beim Lesen fallen Österreichs Schüler/innen vom 10. Platz (507) auf Rang 19 (491) zurück. Zur Risikogruppe, die „auch einfache Texte kaum erfassen kann“, gehören 20 Prozent. Drei Viertel der Schlechtleser besuchen das Poly oder Berufsschulen (wobei die Ergebnisse die Vorschulen treffen).Bei den Naturwissenschaften fällt Österreich vom 8. (519) auf den 20. Platz (491) zurück.