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Täglich Weihnachten

P. Amjad Sabarra leitet die lateinische Pfarre in Betlehem
Ausgabe: 2004/52, Fleckenstein, Betlehem, Weihnachten, Geburtsgrotte, Sabarra Amjad, Tourismus
21.12.2004
- Josef Wallner
Betlehem: Wo Gott Mensch geworden ist, setzt sich der Franziskaner P. Amjad ein, dass seine Gläubigen menschenwürdig leben können. Weihnachten ist für ihn nicht einmal im Jahr ein Fest, sondern tägliche Arbeit.

In der Geburtskirche von Betlehem ist das ganze Jahr über Weihnachten. Ob zu Ostern oder bei brütender Hitze im Sommer – die Pilger singen ihre vertrauten Weihnachtslieder. Das ist verständlich, doch nur eine Seite der Wirklichkeit. Sie blendet aus, dass an der heiligen Stätte auch einheimische Christ/innen leben, denen nicht nach dem gefühlvollen „Es wird scho glei dumpa“ zu Mute ist. Seit Jahren schon auch nicht an Weihnachten.

Nur wenige Schritte von der Geburtskirche entfernt, hat die lateinische Pfarre von Betlehem ihre Pfarrkanzlei. Und Pfarrer P. Amjad Sabbara sein Büro. Wenn er seine Pfarre vorstellt, spricht er nicht von dem wunderbaren Ort, an dem er Pfarrer sein darf und vom Geheimnis der Weihnacht. Ihm fällt ganz anderes ein, das seine Pfarre charakterisiert: „Stellen Sie sich vor, 65 Prozent oder auch mehr der Bewohner von Betlehem sind arbeitslos. Und über die Hälfte der Christen kann nur mit der Hilfe der Pfarre überleben.“ Das traute „Schlafe in himmlischer Ruh“ weicht in Betlehem einer Melodie ohne harmonische Dreiklänge. „Obwohl seit dem Jahr 2002 in der Stadt nicht mehr geschossen wird, hat sich an der Situation nichts verändert“, analysiert P. Amjad nüchtern: Die rund 50.000 Bewohner/innen der Region Betlehem sind von Israel innerhalb der Stadtgrenzen eingesperrt. Wenige dürfen – nur mit Erlaubnis des Militärs – die Grenze nach Jerusalem passieren. Dorthin gehen, wo früher mehr als 10.000 Menschen Arbeit fanden. Der Pfarrer stemmt sich mit aller Gewalt gegen die wirtschaftliche Misere: Über den Orden verkauft er Olivenholzarbeiten in den USA, er verteilt Coupons für Nahrungsmittel und hat ein Renovierungsprogramm für Wohnhäuser ins Leben gerufen.

Herbergen in Betlehem


Exakt 822 Häuser wurden vom israelischen Militär in den vergangenen Jahren zerstört oder beschädigt. Ein Baumeister erstellt die Pläne für notwendige Erneuerungen. Die Pfarre stellt gegen Bezahlung die Eigentümer und deren Helfer für die Dauer der Arbeiten an. „Das Programm schafft Arbeit und bessere Wohnungen zugleich“, freut sich der Pfarrer. Auf diese Weise waren schon 400 Menschen zumindest für einige Wochen angestellt.

Für das kommende Weihnachtsfest hat der Pfarrer ganz und gar unsentimentale Gedanken: „Wir versuchen den Leuten in Betlehem beizustehen, damit sie im Kampf um das Überleben ihre Würde als Menschen nicht verlieren.“ Auch das ist eine Weihnachtsbotschaft.




ZUR SACHE


Betlehem lebte vom Tourismus


Bis im Jahr 2000 die zweite Intifada (Aufstand) begann, nahm der Pilgerstrom nach Betlehem einen erfreulichen Aufschwung: 21 Hotels, 48 Andenkenläden und 133 Kleinfabriken zur Herstellung von Olivenholzandenken arbeiteten für die zahlreichen Gäste. Mit einem Schlag brach aber der Tourismus zusammen und hat sich bis heute nicht erholt, erzählt Mike N. Canawati aus bitterer eigener Erfahrung. Täglich brachten zehn bis fünfzehn Busse ihre Gäste in seinen Andenkenladen. Allein fünfzig Beschäftigte hatte er in seinem Verkaufslokal. Heute gehört er zu den wenigen Souvenirläden, die überhaupt noch in Betrieb sind. Nachdem zwei Jahre keine Touristen kamen, kaufte im Jahr 2003 ein Bus wöchentlich bei ihm ein, nun sind es vier Gruppen. Das lässt den Vater von fünf Kindern hoffen, doch es ist lediglich ein Tropfen auf dem heißen Stein. „Die ganze Stadt lebte früher vom Tourismus.“ Viele Bewohner kommen nur durch Lebensmittel-Hilfen über die Runden: „Das macht abhängig“, sagt Canawati. Viele Christen wandern daher aus. Obwohl Canawatis Vater ihn in die USA holen will, denkt er nicht daran: „Ich bin bereit mit meiner Familie zu bleiben.“ Was er tut, fordert er auch von seinen Mitchristen: „Sie müssen ihr Leben planen. Sonst sehe ich keine Zukunft für die Christen hier.“


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