Bild von rechts nach links: Familie Mikhail fühlt sich wohl in Vöcklabruck: Linda und Afram mit Jessica, Robika, Dani und Pfarrer Franz Leitner.
In ihrer Heimatstadt Ninive galten Linda und Afram Mikhail als Ungläubige. Hier fühlen sich die assyrischen Christen gut aufgenommen.
Im Dezember hat das Bundesasylamt grünes Licht gegeben: Linda Mikhail darf mit ihrem Mann Afram und den drei Kindern in Österreich bleiben. „Das ist das schönste Weihnachtsgeschenk“, sagt die 40-Jährige. Und ihr Mann ergänzt: „Jetzt sind wir frei.“ Vor zwei Jahren und sieben Monaten hat die Familie ihre Heimat, die Stadt Ninive im Norden des Irak, verlassen. Als assyrische Christen waren Linda und Afram dort mit Problemen konfrontiert. Ihre islamischen Mitmenschen erkannten ihre Religion nicht an, bezeichneten sie als Ungläubige. Lindas Muttersprache ist Aramäisch, die Alltagssprache von Jesus. Im Irak war es ihr nicht erlaubt, an öffentlichen Plätzen diese Sprache zu verwenden. Gottesdienste müssen auf Arabisch abgehalten werden. Nur mit den Kindern, die inzwischen perfekt Deutsch beherrschen, haben Linda und Afram immer aramäisch gesprochen. Dass Saddam Hussein – wie in westlichen Medien oft wiedergegeben – die Christen in Schutz genommen habe, kann Linda nicht bestätigen: „Wir haben im Irak ständig in Angst gelebt.“ In Österreich fühlen sie sich wohl: Die Leute seien hilfsbereit, man habe sie immer gut behandelt. Kontakt mit anderen Menschen aus der Gemeinde aufzubauen, ist allerdings nicht einfach. Genau da möchte Dr. Franz Leitner, der Pfarrer von Vöcklabruck, helfen. Einen ersten Schritt hat er mit einem gemeinsam gestalteten Gottesdienst in der Stadtpfarrkirche gesetzt. Dabei sang Linda Mikhail das „Vaterunser“ in Aramäisch. „Ich würde mich freuen, wenn wir die Familie noch mehr ins Pfarrgeschehen einbinden könnten“, so Leitner. Er denkt dabei an die Katholische Frauenbewegung oder an die Jungschar und möchte bald wieder einen Gottesdienst gemeinsam gestalten. Indes warten auf Linda und Afram Mikhail neue Probleme. In vier Monaten müssen sie aus ihrer Wohnung im Zentrum von Vöc-klabruck ausziehen. „Wir wissen noch nicht, wohin wir sollen“, sagt Linda. Doch eines weiß sie bestimmt: „Gott wird uns helfen.“
„Dann bin ich erledigt!“
Hilal A. hatte weniger Glück als die Familie Mikhail aus Vöcklabruck . Sein Asylantrag wurde abgelehnt, im März läuft die Aufenthaltsgenehmigung ab. Der 32-jährige Iraker, ein Angehöriger der christlich-chaldäischen Kirche, hat Angst vor der Abschiebung: „Wenn ich zurück in den Irak muss, bin ich erledigt.“ Seit eineinhalb Jahren lebt Hilal A., der aus Babylon, 70 Kilometer südlich von Bagdad, stammt, in Traun. Seine Muttersprache ist wie die der Familie Mikhail Aramäisch. Die Sorge um die Angehörigen im Irak ist groß. „In Bagdad dürfen Christen nichts machen“, sagt Hilal A. Innerhalb von vier Monaten wurden dort elf Kirchen bombardiert, alle Frauen müssten ein Kopftuch tragen.Viele Christen verlassen deshalb den Irak. Louis Sako, Erzbischof in Kirkuk, ist besorgt um seine Glaubensgemeinschaft. Er unterstreicht die Bedeutung der Christen für das Land: „Würden wir alle den Irak verlassen, dann wäre das auch für die Moslems eine Katastrophe.“
- Rund 700.000 Christen leben im Irak. Etwa eine halbe Million sind Chaldäer. Die assyrische Kirche stellt mit rund 50.000 Anhängern im Irak die zweitgröße Gruppe. Daneben gibt es noch armenische, syrisch-orthodoxe, griechisch-orthodoxe und andere Kirchen.