„Die Kirche erwacht in den Seelen“, meinte der berühmte Theologe Romano Guardini. Er bezog das ausdrücklich auf die jungen Menschen. Mehr als ein halbes Jahrhundert danach geht eine Sorge durch die Kirche: Stirbt die Kirche aus den Seelen? Ein ernstes Nachdenken über die Gründe der hohen Zahl an Kirchenaustritten hat eingesetzt. Verliert die Kirche den Draht zu den Menschen, vor allem zur Jugend?
Einerseits stellen Experten durchaus ein erwachtes Interesse an Religion fest. Tief verwurzelte Gottesmänner und -frauen, die den Leuten helfen, ihren eigenen Glaubensweg zu finden, seien gefragt, meint der Pastoraltheologe Paul Michael Zulehner im Interview mit der Kirchenzeitung. Doch es gibt auch den anderen Trend: dass zunehmend mehr Menschen mit Religion und Kirche wenig anzufangen wissen. Sie sind ihnen fremd geworden. Dazu kommt: Zu wenige Menschen ergreifen geistliche Berufe. Die Kirche steht vor einer großen Herausforderung.
Wozu die Kirche gut sein soll
Rekord bei Kirchenaustritten: Prof. Paul Zulehner über Störungen und Erwartungen
Über 51.000 Menschen sind 2004 aus der katholischen Kirche ausgetreten. Für diesen Rekord sind nicht nur Störungen verantwortlich. Es gibt auch unerfüllte Erwartungen, sagt Prof. Paul M. Zulehner.
Österreich hatte im letzten Jahr einen absoluten Rekord bei den Kirchenaustritten. Wo sehen Sie die Ursachen dafür?
Zulehner: Von unseren Analysen wissen wir, es gibt so etwas wie unvermeidliche Kirchenaustritte, und es gibt vermeidbare. Die einen haben zu tun mit der Modernisierung der Gesellschaft, mit der Privatisierung der Religion und dem Verlust an Bedeutung von Institutionen für das Leben generell. Und da trifft es auch die Kirche. Die Leute verneinen nicht die Kirche, sie sehen auch durchaus ihre Bedeutung in manchen Bereichen (Wertschätzung der Caritas), aber sie gehen wie mit anderen Institutionen auch mit der Kirche wählerisch um. Weil die Menschen wählerischer sind, sind sie aber auch durch hausgemachte Probleme leichter zu vertreiben: durch pastorale Missstände, durch autoritäres Auftreten oder durch die Kluft zwischen strenger moralischer Verkündigung und sexuellen Verfehlungen in einem Priesterseminar oder bei einem Kardinal. Diese Widersprüche wirken sich heute fataler aus als früher. Ohne die Austritte herabspielen zu wollen finde ich es im Vergleich zum Mitgliederschwund bei anderen Großinstitutionen dennoch höchst beachtenswert, dass der katholischen Kirche noch immer fast drei Viertel der Österreicher/innen angehören. Das Ärgerliche ist, dass wir den Auszug auch unter höchster römischer Beteiligung mutwillig fördern, anstatt mit den Wackeligen das Gespräch über den Wert des Glaubens und der Gemeinschaft in so labilen Zeiten zu suchen.
Die Forschung spricht von einer wachsenden Zahl religiös und spirituell Suchender. Aus der Kirche aber treten die Leute aus, anstatt in ihr eine neue Heimat zu finden. Warum?
Zulehner: Es gibt den Verdacht, dass es zu viele Irritationen (Störungen) gibt. Und dann wird häufig aufgezählt, dass die Kirche zu wenig mit den Frauen kann, dass sie die Sexualität nicht positiver sieht, dass sie undemokratisch ist.Die Studien zeigen aber überraschend, dass es in erster Linie nicht diese Störungen sind, die Menschen vertreiben oder nicht zur Kirche finden lassen, weil irritiert ja auch die sind, die bleiben, so wie ich zum Beispiel. Wir haben deutliche Hinweise, dass für viele Menschen die sogenannten Gratifikationen (der Zugewinn) immer bedeutsamer werden. Das heißt: Was fällt mir zu, wenn ich in der Kirche drinnen bin und in ihr mitmache? Was trägt mich in meinem Leben? Wie viel Raum für meine Beteiligung gibt mir eine Gemeinschaft? Ich fürchte daher, dass für die mangelnde Anziehungskraft der Kirche nicht nur die Irritationen verantwortlich sind, wie sie etwa das Kirchenvolksbegehren punktgenau genannt hat, und dass es nicht nur die umstrittenen Personen sind, sondern dass es auch eine Schwäche der Kirche ist in ihrer Pastoral, vor allem in ihrer Spiritualität.
Nehmen wir die Pastoral: Sie sagten einmal, dass der Mensch von heute Gotteserfahrung aus erster Hand sucht. Wie soll das gehen?
Zulehner: Da ist es ganz wichtig, dass wir den Durchbruch in der Lehre von der Kirche auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil nicht aus den Augen verlieren. Da wird einerseits die Bedeutung von spirituellen Personen betont. Als ebenso wichtig bezeichnet das Konzil aber den Wert lebendiger Glaubensgemeinschaften. Auf der Basis der Forschungsarbeiten unseres Instituts für Pastoraltheologie möchte ich auf Ihre Frage drei Punkte nennen:
Für viele Menschen sind heute geistliche Führer, wie etwa ein Roger Schutz aus Taizé oder ein Anselm Grün aus Münsterschwarzach von großer Bedeutung; also tief verwurzelte Gottesmänner und -frauen, die den Leuten helfen, ihren eigenen Glaubensweg zu finden. Eine zweite Erfahrung sagt uns, dass spirituelle Orte eine neue Zugkraft haben. Das sind einerseits Wallfahrtsorte wie Santiago de Compostela (Jakobusweg), aber immer stärker auch lokale Netzwerke glaubender Menschen: Gemeinschaften in Ruf- und Reichweite, die eine spirituelle Kraft haben, von der Menschen mit ihren Sehnsüchten berührt werden. Ich erlebe Pfarrgemeinden, auch in der Großstadt Wien, die einen regelrechten Zulauf haben, weil es dort solche Zellen des Glaubens und des dienenden Engagements für Benachteiligte gibt. Wenn wir heute auf Grund von Priestermangel oder Geldknappheit auf größere Seelsorgeräume setzen, sollten wir sehr darauf achten, viele kleine lokale Netzwerke und Gemeinschaften zu bilden. Wir haben in der Kirche Gott sei Dank eine große Anzahl qualifizierter und engagierter Frauen und Männer. Sie müssen wir begleiten, damit sie die Zukunft der Kirche in die Hand nehmen und jene lebendigen spirituellen und menschenfreundlichen Zellen bilden, die gastfreundlich und offen die Leute aufnehmen und ein Stück des Weges mit ihnen gehen.Und drittens meine ich, dass wir Vorgänge brauchen, bei denen die Menschen das Geheimnis ihres eigenen Lebens aufspüren können, wo sie lernen, ihre eigene „kleine heilige Schrift“ zu lesen, Gottes persönliche Geschichte mit ihnen, sodass sie nicht nur über Gott reden, sondern Gottes Spuren in ihrem Leben entdecken und diese dann auf dem Prüfstand der „großen Heiligen Schrift“ reinigen und stärken. In diesem Zusammenhang möchte ich auch unsere Gottesdienste ansprechen. Fast eine Million Leute gehen am Sonntag zur Kirche. Das ist eine riesige Möglichkeit, die nach unseren Beobachtungen aber zu wenig genutzt wird. Es wird noch immer zu viel moralisierend geredet, anstatt den Menschen eine Erfahrung davon zu vermitteln, dass hier Gott mit seiner heilenden, tröstenden und verwandelnden Kraft mitten unter uns ist.
Kommen wir zur Spiritualität: Was sollten Menschen im großen Angebot des Markes bei den Kirchen finden können?
Zulehner: Spiritualität in der Nachfolge Jesu ist entschieden mehr als eine nette Behübschung des Lebens oder ein billiges Trostpflaster. Ihr Markenzeichen ist die Formel Jesu, dass man Gott und den Nächsten liebt. Wer in Gott eintaucht, taucht neben dem Armen auf, und wer in den Armen eintaucht, taucht in das Gottesgeheimnis ein. Ein geistliches Leben, das den Dienst am anderen, den Einsatz für Gerechtigkeit und Menschenwürde und damit das Meer an vermeidbarem und unvermeidbarem Leid nicht im Auge hat, ist amputiert. Dasselbe gilt für ein soziales Engagement, in dem die Rückbindung in einer tiefen persönlichen Gottesbeziehung, im Gebet und in der Eucharistie fehlt. Wer in der Messe eintaucht in das Geheimnis Gottes, müsste verwandelt weggehen, hineingewandelt in den Leib Christi, der sich hingibt in eine Gemeinschaft, die dient. In die Kirche gehen heißt, „sich in Gottesgefahr zu begeben“. Eine von Kontemplation und Aktion geprägte Spiritualität wird gerade in der heutigen Zeit gesucht, weil in ihr das Leben, die Liebe und der Tod in guten Händen sind. Gerade für spirituell Suchende sollte die Kirche wieder zu einer ersten Adresse werden.
Interview: Hans Baumgartner
Man darf nicht warten, bis die Leute kommen
„Leute, die aus der Kirche austreten, kommen nicht von selbst zu uns. Wir können sie nur erreichen, wenn wir zu ihnen hingehen“, sagt Pfarrer Franz Wild.
Seit einigen Jahren besuchen Pfarrer Franz Wild und weitere sechs Mitarbeiter/innen der Pfarre Traun Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind. „Ich habe gemerkt, dass dieser erste Schritt auf die Ausgetretenen zu von uns kommen muss und zwar ganz persönlich, indem wir zu ihnen hingehen“, sagt Wild. Zuvor habe er acht Jahre lang Ausgetretene angeschrieben und sie gebeten, ihm die Gründe dafür mitzuteilen oder zu einem Gespräch zu kommen. Darauf habe er eine einzige Rückmeldung bekommen. „Jetzt schreiben wir die Leute an, dass wir sie besuchen wollen. Und nur ganz wenige teilen uns daraufhin mit, dass sie keinen Wert auf ein Gespräch legen.“ Besucht werden Menschen, deren Austritt schon einige Jahre zurückliegt. „Da ist die Bereitschaft zum Gespräch meist größer und die Leute sehen ihren Austritt auch nüchterner. Da spielen negative Ereignisse, die unmittelbarer Auslöser für manchen Austritt waren, keine so dominante Rolle mehr. Man stößt im Gespräch dann oft zu tief religiösen Fragen vor, über die man mit diesen Menschen sonst nie reden würde“, meint Pfarrer Wild. „Wir überlegen jetzt aber auch, mit den Leuten bald nach dem Austritt zumindest einen ersten Kontakt aufzunehmen. Sie sollen merken, dass uns an ihnen etwas liegt.“Nicht wenige der Ausgetretenen seien religiöse Menschen, meint Franz Wild. „Aber von der Heilsnotwendigkeit der Kirche sind sie ebenso wenig überzeugt wie von ihrer Kraft, Lebenssinn zu stiften. Die Kirche wird sehr nüchtern als Dienstleistungsbetrieb gesehen. Wenn der nicht bringt, was einem nützt, dann geht man.“ Oft störe die Menschen auch, dass die Kirche mit sehr hohen Ansprüchen auftrete, sich selber aber nicht daran halte.„Manche Menschen sind froh, mit uns reden zu können, weil es ihnen mit ihrem Kirchenaustritt nicht gut geht“, erzählt Wild. Schwierig sei für ihn das Gespräch dort, wo der religiöse Faden nicht bloß gerissen ist, sondern überhaupt fehlt. „Die Besuche“, so Wild, „sind sinnvoll, anregend und herausfordernd. Und sie sorgen dafür, dass wir die Realität im Auge behalten. Manchmal sind sie auch ein Anstoß zum Wiedereintritt.“