Kardinal DDr. Karl Lehmann, Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, war zu Gast in Linz
Ausgabe: 2005/05, Lehmann, Kardinal, Bischofskonferenz, Thomasakademie,
02.02.2005
- Matthäus Fellinger
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DDr. Karl Lehmann bei der Thomasakademie im Linzer Priesterseminar. Das sorgte für einen vollen Saal. Lehmann sprach über das Konzil – und mit der Kirchenzeitung.
KIZ: Was das Konzil wollte und wie die Kirche heute dasteht: Geht das nicht auseinander?
Lehmann: Das Konzil wollte eine stärkere Öffnung zur modernen Welt, nicht im Sinn einer Anpassung, sondern im Sinn von Solidarität, Dienst und Dialog. Dieses Konzil hat eine ganz neue Art zu sprechen praktiziert. Bei Konzilien ging es früher um dogmatische Fragen und Kirchendisziplin. Jetzt ging es um grundlegende Aussagen über die Kirche in der Welt. Das war den meisten fremd.
Wird diese Art gut geheißen?
Ich glaube, sehr. Man kann sich heute nicht vorstellen, was die Kirche wäre, wenn es diese Texte nicht gegeben hätte. Ich meine das Eintreten für Menschenwürde, Menschenrechte, ich meine die ganz massiven Äußerungen zur Abtreibung – welch Schandfleck das für die Menschheit ist –, die Aussagen über Frieden und Friedenserziehung. Diese Texte weisen ermutigend vorwärts, bis heute. Das Konzil hat in den Ländern unterschiedlich gewirkt. Ich finde großartig, wie dieser Text die lateinamerikanischen Kirchen aufgerüttelt hat.
Und bei uns?
Synoden bei uns und in Österreich hätte es ohne diese Anstöße nicht gegeben. Fragen der Arbeiterbewegung, die Auseinandersetzung mit dem Atheismus sind angestoßen worden.
Ist der im Konzil begonnene Prozess ins Stocken geraten?
Ich glaube, überhaupt nicht. Denken Sie an den ökumenischen Dialog. Natürlich gibt es zeitweise Rückschläge oder die Situation, dass ein Konsens doch nicht so angenommen worden ist. Wir haben in kurzer Zeit viel erreicht und stehen nun vor einer Wand schwieriger Fragen, wie etwa zum Amt in der Kirche. Aber auch das Gespräch der Kirche mit Wissenschaft und der Kunst ist weitergegangen. Dialog setzt voraus, dass man unter Umständen zu Diskrepanzen kommt – mit einer entsprechenden Streitkultur. Die Gefahr ist, dass der Dialog oft mangels Kompetenz nicht überzeugend geführt wird. Ich denke, dass heute richtig verstandener Dialog die angemessene Form der Kommunikation in der Kirche ist – nicht allerdings die einzige. Es gibt auch die Lehre mit einer gewissen Autorität, die entscheiden muss.
Österreich und Deutschland sind in pastoralen Fragen früher gemeinsame Wege gegangen. Wie sehen Sie das heute?
Bischofskonferenzen sind sehr autonom. Wir haben starke Beziehung von einem Bistum zum anderen. Ich habe immer eine gute Beziehungen nach Graz zu Bischof Weber gehabt, auch zu Innsbruck.
Wir haben bei den Konflikten der österreichischen Bischofskonferenz eine gewisse Scheu gehabt, zu nahe zu kommen. Groer, Krenn usw. Da kann man verstehen, dass die institutionellen Beziehungen etwas zögerlich waren und stärker die Beziehungen einzelner Bischöfe im Vordergrund standen. Das hat sich schlagartig geändert, als Kardinal Schönborn Vorsitzender wurde. Es sind wieder hervorragende Beziehungen da. Wir haben zum Beispiel die Mainzer Theologengespräche, wo auch die Österreicher kommen. Ich weiß, dass Passau und Linz gute Kontakte haben.
Wir stehen in einem markanten Bedenkjahr und erlebten 60 Jahre Frieden. Wo sehen Sie den Frieden heute gefährdet?
Die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auf, die Spaltung der Gesellschaft wird dadurch stärker – auch zwischen denen, die Arbeit haben, und jenen, die keine Arbeit haben. Diese Zwei-Klassen-Gesellschaft gefährdet die innere Einheit. Da muss man sehen, wie man in echter Solidarität jene, die unter die Räder kommen, auffängt, sonst könnte ein politisch brisantes Potenzial entstehen. Besonders gefährdet ist die Würde des menschlichen Lebens. Das beginnt bei der hohen Zahl an Abtreibungen bis hin zu Fragen der Bioethik. Es geht um gemeinsame Grundwerte und -Grundüberzeugungen, die die moderne Gesellschaft einigermaßen zusammenhalten. Der gemeinsame Nenner wird immer kleiner, darf aber nicht so klein werden, dass es kein gemeinsames Handeln mehr gibt.
Manche sprechen von einer Wiederkehr der Religion. Was erhoffen Sie davon?
Das kann vieldeutig sein. Es kommen auch problematische Formen von Religion wieder: Aberglaube, Satanismus usw. Es gibt ein Interesse an Religion, das kein gereinigtes Verständnis von Religion hat, das dumpf ist und Menschen Angst macht, statt zu befreien. Ich glaube, dass in den letzten Jahren, auch durch die Ereignisse vom 11. September 2001 oder die Flutkatastrophe, mehr Nachdenklichkeit da ist. Die Frage nach dem Sinn des Lebens und worauf es wirklich ankommt, wird neu gestellt Das gibt eine vorsichtige Hoffnung, mündet aber nicht automatisch in Kirchen. Das kann auch anders beantwortet werden. Es gibt säkulare Ersatzgrößen von Kirche. Wenn die Kirche diese Suche der Menschen aufgreift, bin ich der Überzeugung, dass mehr Interesse entsteht.