Bischof Maximilian Aichern – nach der Annahme seines Rücktritts
Ausgabe: 2005/21, Interview, Aichern, Bischof, Rücktritt, Amtszeit, Jägerstätter, KA
25.05.2005
- Josef Wallner und Matthäus Fellinger
Der Rücktritt Maximilian Aicherns als Bischof von Linz vom Mittwoch, 18. Mai hat im ganzen Land große Betroffenheit ausgelöst. Die Kirchenzeitung sprach mit ihm über Anliegen seiner Amtszeit.
KIZ: Herr Bischof Maximilian, 23 Jahre Bischof in bewegter Zeit – was hat ihnen die Kraft dazu gegeben?
Aichern: Jeder, der im Beruf steht, braucht Kraft, ob im kirchlichen oder im weltlichen Bereich. Christen holen sich ihre Kraft für Leben und Arbeit aus dem Wort Gottes im Evangelium und spirituellen Schriften, die die Kirche hat.Für mich ist die Ordensregel des heiligen Benedikt wichtig, der ich mich verschrieben habe. Sie enthält Interpretationen des Evangeliums für das Ordensleben und für jeden Christen. Auch als Bischof hilft sie mir in meinen vielfältigen Diensten. Sie schenkt mir Gelassenheit aus dem Glauben. Wenn bei den vielen Feiern und Gottesdiensten das Wort Gottes vorgetragen wird, da muss das aus dem Herzen kommen. Dann wird es auch für andere Herzen von Bedeutung sein.
In Ihre Amtszeit fiel die Seligsprechung von Marcel Callo 1987 – und der Seligsprechungsprozess von Franz Jägerstätter ist im Gange. Beide haben Sie immer wieder als Vorbilder gesehen. Warum?
Aichern: Auch den heiligen Florian und den heiligen Severin möchte ich da nennen: Den Mut des einen, auch gegen Widerstand am Glauben festzuhalten – Florian – und den Mut des anderen, in den Wirren politischer und wirtschaftlicher Umwälzungen ein Wort aus der Bibel zu schenken, das dem sozialen Gewissen dienen kann – und dazu die helfende Tat. Das war Severin. Marcel Callo und Franz Jägerstätter, das sind Leute des Heute: Jägerstätter, der sich gegen das totalitäre Regime gestellt hat aus Gründen der christlichen Gewissensüberzeugung, und Marcel Callo aus der Katholischen Arbeiterjugend, der immer wieder Jugendliche um sich gesammelt hat, um mit ihnen über Jesu Wort und über das Handeln aus der Bibel zu sprechen. Er hat in Mauthausen als Zwangsarbeiter sein Leben lassen müssen. Das sind Leute von heute, die zu Jesus stehen und die aus ihrer Gewissensüberzeugung Gott und den Menschen gedient haben.
Sie haben sich für die Seligsprechung Jägerstätters eingesetzt. Glauben Sie, dass diese bald zu einem Abschluss kommen kann?
Aichern: Sicher dürfen wir das hoffen, zumal ja auch sein Martyrium von der vatikanischen Seligsprechungs-Kongregation nun offiziell anerkannt wurde. Auch der Prozess um die Seligsprechung unseres Linzer Bischofs Franz J. Rudigier, der den Dombau in Linz begonnen hat, ist übrigens weit fortgeschritten.
Die Diözese Linz steht – wie viele Diözesen im deutschsprachigen Raum – in einer Phase des Umbruchs. Wie zufrieden sind sie mit dem Stand, an dem man angekommen ist?
Aichern: Die Diözesanversammlung über Glauben, Glaubensweitergabe und Glaubensvertiefung hat im Zusammenhang mit dem 200-Jahr-Jubiläum unserer Diözese die Grundrichtung vorgegeben. Im Prozess „Seelsorge in der Zukunft“ geht es nun darum, wie unter heutigen Bedingungen Seelsorge gestaltet werden kann, ohne Auflösung von Pfarrgemeinden. Da wurde auch mitgedacht im Pastoralrat und in den einzelnen Regionen unserer Diözese. Es wurden Wege gefunden, ganz ähnlich wie in anderen Diözesen. Es geht dabei um eine gute Zusammenarbeit von Priestern, hauptamtlichen und ehrenamtlichen Laien, je nach ihren Kompetenzen und Fähigkeiten. Wir sind auf keinem leichten, aber auf einem guten Weg.
Manche sagen, in der Diözese Linz gebe es besondere Polarisierungen oder gar Spaltung. Kardinal Dr. Christoph Schönborn hat sich in diese Richtung geäußert. Sehen Sie das auch so?
Aichern: Das hängt von den verschiedenen Gruppen ab – und die gibt es in der Diözese schon seit langer Zeit. Es sind kleine Gruppen, die ihre persönliche Meinung für das Richtige halten und die weniger auf die Gesamtnotwendigkeiten einer Diözese achten, die wir im Einvernehmen mit der Bischofskonferenz und der Weltkirche gestalten.
Sie haben sich immer wieder zu einem Weg der Mitte und zum Dialog mit allen bekannt. Wie geht es Ihnen nun mit jenen, die genau diesen Kurs kritisieren?
Aichern: Dass es diese Gruppen gibt, stimmt. Wir haben vor längerer Zeit auch immer gemeinsam mit diesen Gruppen Gespräche geführt, die aber nicht fruchtbringend waren. Längere Zeit hat es also den Dialog gegeben, der dann von diesen Gruppen her nicht mehr zustande kam. Aber solche Entwicklungen gibt es in anderen Diözesen auch.
Welche Gruppen meinen Sie?
Aichern: Ich möchte sie nicht nennen. Das würde Gräben nur vertiefen.
Sie gelten unter anderem als der Bischof der Laien, im Besonderen der Katholischen Aktion. Worin liegt für Sie deren besondere Bedeutung?
Aichern: Die Katholische Aktion mit ihren spezifischen Gliederungen ist doch Kirche in der Welt – und sie bringt Welt in die Kirche. Durch das Wort Gottes im Evangelium geleitet vollzieht die Katholische Aktion eine richtige Apostolatsarbeit in der Welt. Ihre Aufgabe ist es, mit den verschiedensten Bereichen unserer Gesellschaft laufend im Gespräch zu sein – mit Politik und Wirtschaft, mit Wissenschaft und Kultur, auf Landes- und auf Bundesebene. Die Kirche beteiligt sich an der konkreten Gestaltung der Gesellschaft. Beides ist dabei wichtig: Kirche in die Welt zu bringen und die eigene Identität zu bewahren. Wir sind ja von Jesus in die Welt gesendet.
Entspricht das Ihrer benediktinischen Ausrichtung: Ora et labora – bete und arbeite?
Aichern: Im benediktinischen Bereich würde man es so sagen. Es geht um persönliche Identität aus dem Glauben, aber ebenso darum am Bauplatz dieser Welt zu arbeiten und in der Gesellschaft Zeugnis für Jesus zu geben.
Ihre Kritiker werfen Ihnen nun vor, sie hätten sich zu sehr um das Politische und Soziale gekümmert und das andere zu wenig wichtig genommen.
Aichern: Wir haben nicht umsonst unserer Diözesanversammlung zum Thema „Glaubensverkündigung“ durchgeführt. Es geht um Glaubensbildung – deshalb sind mir auch unsere theologische Universität, die Bildungshäuser, das Bildungswerk und die Glaubensgespräche in den Pfarren so wichtig. Es geht immer auch um das christliche Handeln – die Caritas – für uns in der Heimat und für die Dritte Welt.
Worauf freuen Sie sich, wenn Sie in absehbarer Zeit mehr Zeit zur eigenen Verfügung haben?
Aichern: Jetzt bin ich Administrator – bis ein neuer Bischof in das Amt eingeführt ist. Mit ihm und mit meinem Ordensoberen wird es dann wohl ein Gespräch über meine künftige Arbeit geben – Es wird dann zu entscheiden sein, ob es ein Dienst in der Diözese ist oder in meinem Heimatkloster – St. Lambrecht-Mariazell.
Wie geht es Ihnen damit, dass manche Kritiker Ihren Rücktritt offen bejubeln und feiern?
Aichern: Ich kenne diese Menschen – wie sie sind – und weiß sie einzustufen.
Welche Art bischöflicher Tätigkeiten sind Ihnen die liebsten?
Aichern: Die Besuche in den Pfarrgemeinden. Dort mit den Menschen Gottesdienst zu feiern und das Gespräch mit ihnen zu führen– besonders mit den Kindern und Jugendlichen – das war mir immer ein Herzensanliegen. Ebenso die Verbindung mit dem Priesterseminar und mit der Katholisch-Theologischen Privatunsiversität, mit der kategoriellen Seelsorge wie der Betriebspastoral, und besonders auch die vielfältigen Kontakte mit jenen, denen in der Gesellschaft die sozialen Fragen anvertraut sind.
Wörtlich
Bereits in der Ausgabe der Vorwoche berichtete die Kirchenzeitung ausführlich über den Rücktritt Bischof Maximilian Aicherns. Im Folgenden bringen wir zusätzliche Aussagen, die Aichern bei der Pressekonferenz am 18. Mai gegeben hat:
Thema: Schwerpunkte
„Gewichtig war die Diözesanversammlung 1986/87. Ich würde sagen, das war ein markanter Punkt, an dem auch heute immer wieder anzudocken ist. Das hat unsere Diözese ausgezeichnet, dass nicht nur von oben nach unten etwas bestimmt wird, sondern dass gehört wurde, was die Basis denkt.“
Thema: Oberösterreich:
„Oberösterreich zeichnet sich dadurch aus, dass große Hilfe und großes Verständnis für die Dritte Welt da ist. Was da geleistet wurde von Land und Kirche, verdient anerkannt zu werden, wie Linz überhaupt die Diözese ist mit der praktisch besten religiösen Praxis unter den österreichischen Diözesen. Ich danke allen, die mitgewirkt haben.
Thema: Nachfolge
„Was ein neuer Bischof brauchen wird? Ein glaubendes Herz, gesunde Menschenfreundlichkeit und Weltoffenheit. Es ist besser, wenn jemand auf dem Boden gewachsen ist, wo er von klein auf die Personen und die die Situationen kennt, sonst braucht er eine Anzahl von Jahren, bis er drinnen ist. Es kann manchmal auch gut sein, wenn jemand von anderswo kommt.