Der Pastoraltheologe Paul M. Zulehner bezeichnet Linz als eine der „wachsten Diözesen“
Ausgabe: 2005/21, Zulehner, Bischof, Aichern, Liturgie, Kirche
25.05.2005
- Josef Wallner
DCF 1.0
Im Zusammenhang mit dem Rücktritt von Bischof Maximilian Aichern ist immer wieder von „Spaltungen in der KIrche Oberösterreichs“ die Rede: Unterstellung oder Tatsache? Das fragte die KIZ Paul M. Zulehner.
Ist Oberösterreich wirklich stärker polarisiert als die anderen Bundesländer? Gibt es dazu Anhaltspunkte in Ihren soziologischen Untersuchungen?
Zulehner: In der Verteilung des Kirchenvolks auf der Skala Autoritarismus (obrigkeitsorientiert – regelorientiert) liegt die Diözese Linz im Österreichvergleich im komfortablen Mittelfeld: 13 % machen den „traditionsorientierten-konservativen Flügel“ aus, 18 % den „situationsorientierten-modernen Flügel“. Die Mehrheit des Kirchenvolks gehört also zur offensiven Mitte. Anders ist dies bei der Verteilung der im gleichen Jahr 2000 untersuchten Priester: Der Anteil der antimodernen Priester („zeitlose Kleriker“) ist mit 18 % sehr klein, jener der modernen Priester („zeitgemäße Gemeindeleiter“) mit 32 % weit über dem Durchschnitt. Nicht das Kirchenvolk ist also polarisiert, sondern das Personal. In Linz herrscht gleichsam eine „Polarisierung (von) oben“ – nicht der Diözesanleitung, aber der Hauptamtlichen.
Warum führt diese „Polarisierung des Personals“ zu so heftigen Auseinandersetzungen?
Zulehner: Polarisierung ist zunächst in ihrer Wirkung offen, sie kann stören oder auch nützen. Wenn man sie nützen will, dann muss man die jeweiligen leidenschaftlichen Stärken der Gruppen sehen. Die zeitoffenen Gemeindeleiter sind offen für die Nöte der Menschen, vor allem der Bedrängten (wie der Arbeitslosen, der Geschiedenen). Sie möchten, dass die Kirche noch näher am Menschen ist. Sie möchten eine modernere Kirche und eine beweglichere Seelsorge. Die zeitlosen Kleriker wiederum haben Sorge um die Reinheit der Tradition. Sie sind um eine ausdünnende Modernisierung der Kirche besorgt. Die Härte der Auseinandersetzung kommt daher, dass die zeitlosen Kleriker – wie der Linzer Priesterkreis – durch die römischen Stellen enorm unterstützt werden. Die Polarisierung könnte aber produktiv sein, wenn jeder die Stärken und auch die Ängste des anderen Pols wahrnimmt: Ohne Spannung kein Strom und kein Licht! Gelingt das nicht, kommt es zur Lagerbildung und zu Belagerung.
Warum wurde die Liturgie zum Feld der Konflikte? Gerade der Gottesdienst – die Hinwendung zu Gott, das Gebet – müsste doch ein Bereich der Gemeinsamkeit sein?
Zulehner: Die Konzentration auf die Liturgie kommt von rechten Kreisen. Dabei muss man deutlich sagen: Die Liturgie rettet man nicht durch bloße Ritualtreue. Das kann zur heidnischen Magie verkommen. Aber auch nicht durch liturgisches Experimentieren. Wenn die Polarisierung nicht kreativ genutzt wird, dann leiden sowohl die Leute wie der Bischof. Die Leute sind ja zum größten Teil in der offenen Mitte und nicht auf den Flügeln. Sie suchen heute in der Liturgie Gotteserfahrung aus erster Hand, so unsere Studien. Es wäre also zu fragen, wie die Gottesdienste wirklich „gottvoll und erlebnisstark“ sein könnten. Sonst bleiben die Leute schlicht weg und suchen spirituelle Nahrung anderswo.
Das heißt: Die Polemik gegen die Liturgie stößt zwar bei den römischen Stellen und den Medien auf Gehör, geht aber an den Leuten vorbei?
Zulehner: Die Arbeit der römischen Stellen ist schwer zu deuten. Aber sicher scheint mir zu sein, dass die Menschen eine friedvolle Kirche suchen und nicht eine zerstrittene. Dass dann ausgerechnet jene Herzmitte des kirchlichen und christlichen Lebens, nämlich die Feier der Eucharistie, zum Streitfall wird, ist theologisch mehr als befremdlich, ja geradezu katastrophal. Das zu vermeiden ist eine Aufgabe aller Beteiligten – von Rom bis in die letzte der guten Pfarrgemeinden der pastoral so starken Diözese Linz.
Sie sind häufig zu Vorträgen in der Diözese Linz und kennen die Situation sehr gut. Wie würden Sie die Diözese charakterisieren?
Zulehner: Linz ist eine der wachsten Diözesen, die sich mit den zukünftigen Entwicklungen der Kirche ernsthaft auseinandersetzt. Was im Bereich der verschiedenen Modelle von Gemeindeleitung ausprobiert wird, ist hervorragend: kontrolliert experimentierfreudig, gemeinsam mit dem Bischof – das ist der richtige Weg. Alleingänge vor Ort ohne Bischof führen nicht weiter, sondern schaden mehr, als manch einer, manch einem, die/der es gut meint, bewusst ist. Deshalb werden sich in diesen Tagen auch die auf eigene Faust experimentierfreudigen Seelsorgerinnen und Seelsorger in Linz fragen müssen, welches ihr Anteil am Rücktritt des Bischofs ist. Bedauerlich ist, dass er zwischen den Polen zerrieben wurde, was ihn sichtlich amtsmüde gemacht hat.