Vier tote Neugeborene in Graz erschüttern die Öffentlichkeit. Im Herbst gab es einen ähnlichen Vorfall in Linz. Über 100 verzweifelte Frauen fanden in den vergangenen vier Jahren Hilfe im „letzten Moment“.
Ein Paar in Wien misshandelt sein Kleinkind so schwer, dass es stirbt. Im Oktober entdeckt in Linz die Polizei zwei getötete Neugeborene in der Wohnung einer dreifachen Mutter. Weder ihren Kindern noch den Nachbarn ist die Schwangerschaft oder sonst etwas aufgefallen. Auch bei der erschütternden Tragödie in Graz ist die Umgebung bis heute ratlos. „Auch wenn sich das viele nicht vorstellen können, aber es gibt Situationen, in denen Frauen meist aus einem Cocktail von psychischen, sozialen und familiären Gründen eine Schwangerschaft verheimlichen oder verdrängen. Rund um die Geburt wird dann die Lage so aussichtslos, dass es zu Panikreaktionen kommt“, sagt Christa Pletz. Sie leitet die „Kontaktstelle für anonyme Geburt und Babyklappe“ der Caritas in Graz.
Die jüngste Tragödie, die noch immer viele Rätsel aufgibt, habe ihr, so Pletz, aber auch schmerzlich bewusst gemacht, „dass wir mit unserem Angebot manche Frauen, die es bitter bräuchten, offenbar nicht erreichen. Und das, obwohl wir uns sehr bemühen, unsere Telefonhotline für Frauen in extremen Schwangerschaftssituationen und unser Beratungsangebot bekannt zu machen.“
Vorbildliches Modell
Vor vier Jahren wurden in Österreich die rechtlichen Voraussetzungen geschaffen, dass Frauen ein Kind anonym zur Welt bringen bzw. ein Neugeborenes in einer „Babyklappe“ abgeben können. Seither hat es über 100 anonyme Geburten und 15 Babyklappen-Kinder gegeben. Informationen erteilen in der Regel die Jugendämter und die Geburts- stationen der Krankenhäuser. Nur in der Steiermark gibt es die aus einem Pilotprojekt der Caritas entstandene Telefonhotline und eine sehr informative Internetseite (0800-83 83 83; www.babyklappe.at). „Weil sich Frauen, die ihre Schwangerschaft verheimlichen oder lange verdrängen, sehr schwer tun, mit anderen über ihre Situation zu sprechen, wollten wir ein sehr niederschwelliges Angebot machen. Die Erfahrung zeigt, dass es den Frauen leichter fällt, bei uns anzurufen als bei einem Amt oder in einem Krankenhaus“, meint Pletz.
„Je früher die Frauen sich an uns wenden, desto größer sind die Möglichkeiten, mit ihnen auch andere Wege als die anonyme Geburt zu überlegen“, betont Pletz. Noch immer aber melden sich die meisten erst ein bis zwei Monate vor dem Geburtstermin. „Da sehen wir uns dann vor allem als Krisenfeuerwehr, die versucht, den ärgsten Druck von den Frauen zu nehmen und die Dinge rund um die bevorstehende Geburt zu regeln. Manche entlastet auch sehr“, so Pletz, „wenn sie ihre Situation überhaupt einmal mit jemandem besprechen können. Wir bieten den Frauen auch an, dass sie sich nach der Geburt jederzeit an uns wenden können. Ein Kind wegzugeben, ist nämlich für keine Frau einfach, auch wenn ihnen das oft erst Jahre später voll bewusst wird.“
DAS STICHWORT
Anonyme Geburt
Seit dem Jahr 2001 gibt es die Möglichkeit, dass Frauen ein Kind anonym (ohne Angabe des Namens etc.) in einem Spital zur Welt bringen. Nach acht Wochen wird das Kind zur Adoption freigegeben. Sechs Monate lang kann sich die Frau die Obsorge zurückholen. In Oberösterreich gab es bisher neun anonyme Geburten und drei Babyklappen-Kinder.
Babyklappe/Babynest
Babyklappen sind Vorrichtungen an Spitälern, in die man ein Neugeborenes anonym legen bzw. persönlich einer Betreuungsperson (Babynest) übergeben kann. Im Gegensatz zur anonymen Geburt bringt die Frau das Kind meist ohne medizinischen Beistand zur Welt.
ZUR SACHE
Umstrittene Praxis
Seit ihrer Einführung sind die anonyme Geburt und die Babyklappe umstritten. Sie sind eine Akutbehandlung, lösen aber das grundsätzliche Lebensdilemma der betroffenen Frauen meist nicht, sagen Kritiker. Auch werde das Recht des Menschen, über seine Herkunft Bescheid zu wissen, unterlaufen.
Der Wiener Gynäkologe und Psychotherapeut Martin Langer kritisiert an der österreichischen Praxis einen zu leichtfertigen Umgang mit der anonymen Geburt. Weil es in den meisten Fällen keine ausreichende Beratung gebe, komme es auch nicht zu der vom Gesetzgeber vorgesehenen Abwägung der Rechtsgüter (Konflikt der Frau – Recht des Kindes auf Herkunft). Er verweist auf ein Beispiel in einem Wiener Krankenhaus, wo durch gute Beratung die Hälfte der Frauen, die eine anonyme Geburt wollten, nachher einer geregelten Adoption zustimmten oder selber das Kind annahmen.
Für die Leiterin der Grazer Caritas-Kontaktstelle, Dr. Christa Pletz, sind anonyme Geburt und Babyklappe so etwas wie Notreißleinen für Frauen, die durch eine Schwangerschaft unter einen extremen Druck geraten. Deshalb sei es wichtig, dass man den „Rettungsanker“ möglichst bekannt macht. „Wir werben aber nicht für die anonyme Geburt, sondern für unsere Hotline. Denn je früher sich die Frauen melden und je mehr wir ihnen beratend zur Seite stehen können, desto eher gibt es auch einen anderen Ausweg.“ In der Steiermark gab es 35 anonyme Geburten, mit 15 Frauen konnte ein besserer Weg gefunden werden.
Info: bei allen Jugendämtern (BH) und Spitälern mit Geburtsstation sowie www.babyklappe.at