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Linz wird nicht London

Die Muslime in Oberösterreich fühlen sich in die Gesellschaft integriert
Ausgabe: 2005/31, Muslime, Linz, London, Zulehner, Senaj, Terror
02.08.2005
- Christian Ortner
Nach den Terroranschlägen in London tauchen Fragen nach Integration und Perspektiven von Muslimen in westlichen Ländern auf. In Österreich herrscht ein gutes Klima.

Senaj ist erschüttert über die Terror-Anschläge in der LondonerU-Bahn vor knapp einem Monat: „Leute, die so etwas tun, sind keine Muslime “, sagt die 22-Jährige, die in Mazedonien geboren wurde und seit acht Jahren in Linz lebt. „Unter Muslimen gibt es keine radikalen Menschen“, behauptet auch Zekeriya Eser. „Der Islam verbietet jegliche Form von Gewalt.“ Der geborene Türke und Kirchenzeitungssolidaritäts-Preisträger lebt seit 34 Jahren in Linz und ist Beauftragter der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGIÖ). Er bestätigt das Wohlwollen, das den Muslimen hier zu Lande zuteil wird. Nur im Jahr 2001, nach den Anschlägen vom 11. September, habe sich das Klima verändert. „Alle Muslime wurden plötzlich als potenzielle Terroristen angesehen.“

Die Anschläge in London beunruhigen ihn, weil in den Medien vielfach ein verzerrtes Bild von Muslimen gezeichnet werde. Dafür seien mitunter auch Vertreter der eigenen Glaubensgemeinschaft mitverantwortlich, die etwa vergangene Woche konstatierten, dass es auch unter Muslimen in Österreich Hassprediger und Gewaltbereite gebe.

„Solche Aussagen sind unüberlegt“, sagt Eser. „Wie können wir so den Christen glaubhaft machen, dass wir friedlich sind?“ Er plädiert dafür, die Diskussion wissenschaftlich und nicht medial zu führen. „Man muss den Hintergründen nachgehen.“

„Ein Stück Österreich“

Dass es in Österreich zu Terroranschlägen kommen könnte, glaubt Eser nicht. England sei kein Maßstab, denn dort existiere eine Parallelgesellschaft, in der Briten und Muslime neben- und nicht miteinander leben. „Wir sind ein Teil der österreichischen Republik, ein Stück Österreich“, beschreibt Eser die funktionierende Integration der Muslime in unserem Land. Die Gefahr, dass jugendliche Muslime aus Mangel an Perspektiven oder sozialen Benachteiligungen extremistischen Ideologien verfallen könnten, ist gering. „Es ist eine billige Ausrede, zu sagen, man kann nichts erreichen, weil man eine andere Religion hat oder Ausländer ist“, sagt Esers Sohn Erol. Der 26-Jährige, der in Linz geboren und aufgewachsen ist, hat eben an der Fachschule in Hagenberg diplomiert.

„Wir müssen Geschwisterlichkeit, Nächstenliebe praktizieren und eine gemeinsame Zukunft aufbauen“, resumiert Eser. Dieser Meinung ist auch der 17-jährige Murat, der seit fünf Jahren in Oberösterreich lebt. „Ich bin Österreicher, möchte vielleicht auch einmal eine Österreicherin heiraten.“




Zum Thema

- Geschichtliche Hintergründe des Islam in Österreich:

Kontakte gab es bereits in Mittelalter und früher Neuzeit; 1912: Islamgesetz; Arbeitsmigration seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts; 1979: Konstituierung der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich.

- Statistik:

Mehr als 400.000 Personen in Österreich bekennen sich zum Islam, allein in Wien sind es 7,8 % der Bevölkerung. 1971 lag der Anteil der Muslime in Österreich bei 0,3 %.

- Islamisches Leben in Österreich heute:

Es gibt 120 Gebetsstätten. Sie werden vielfältig als Kommunikationszentren genutzt: Koranunterricht, Frauentreffen, Diskussionsrunden, Wohltätigkeitsbazare.

1977: Beginn des Baus des Islamischen Zentrums als einziger auch baulich als Moschee erkennbarer Einrichtung, 1979 von Bundespräsident Rudolf Kirchschläger eröffnet.Kooperative Projektarbeit: Islamischer Besuchs- und Sozialdienst, interreligiöser Dialog, Tage der offenen Moschee.Heute sind viele Muslime eingebürgert.
Zum Vergleich: 1991 gab es 11.137 Einbürgerungen von Muslimen, 2000: 24.645.

- Seit 1982/83:

islamischer Religionsunterricht an österreichischen Schulen; Betreuung von rund 40.000 muslimischen Schüler/innen; 2.500 Standorte in ganz Österreich (Jahr 2001).Qualitätssicherung durch Islamische Pädagogische Akademie; die rechtliche Absicherung fußt hauptsächlich auf der Anerkennung als Religionsgesellschaft, die Gleichbehandlungsrichtlinie zum Abbau von Diskriminierungen wartet seitens der EU mit Stichtag 19. Juli 2003 auf Umsetzung.

- Islamophobie: Islamfeindlichkeit, Alltagsrassismus; Studie von Prof. Paul Zulehner: „Wen will man nicht als Nachbarn haben?“: Gastarbeiter 15,2 %, Juden 16,8 %, Ausländer 20,3 %, Moslems 24,7 %, „Zigeuner“ 38,5 %.
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