Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl will Jobs für 1.500 langzeitarbeitslose Jugendliche
Ausgabe: 2005/32, Leitl, Jugend, Arbeit, Wirtschaftskammerpräsident, Job, Politik
09.08.2005
- Ernst Gansinger
Wirtschaftswachstum und eine aktive Arbeitsmarktpolitik nennt der Präsident der Wirtschaftskammer Österreich, Dr. Christoph Leitl, als die wichtigsten Säulen einer guten Beschäftigungssituation.
Bei jungen Langzeitarbeitslosen sieht Präsident Leitl besonderen Handlungsbedarf. Denn die Jugendlichen sind noch in der Reife- und Prägephase. Arbeitslosigkeit gebe ihnen das Gefühl, gesellschaftlich wertlos zu sein. Die Folgen können drastisch sein. Leitl will daher bis Sommer 2006 die Zahl der Jugendlichen, die sechs Monate und länger ohne Arbeit sind, um 1.500 verringern. Zu diesem Zweck haben Wirtschaftskammer und Arbeitsmarktservice AMS ein „Coaching“-Programm ins Leben gerufen. Qualifikations- wie auch Mobilitätshindernisse sollen so abgebaut werden.
Sinnvoll wachsen
Nur Wirtschaftswachstum sei geeignet, dass neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Wachstum ist möglich, aber es muss auch eine sinnvolle Richtung haben. Leitl nennt Service, mehr Lebensqualität und Nachhaltigkeit. In der Globalisierung sieht er bei allen Risken große Chancen. Gute wirtschaftliche Beziehungen können einen wichtigen Beitrag leisten. „Die Menschen sind ja überall am Gleichen interessiert – an einem bescheidenen Wohlstand, an sozialer Sicherheit und Frieden.“ Wenn etwa in Saudi-Arabien 40 Prozent der Jugendlichen arbeitslos sind, dürfe man sich über das Aggressionspotenzial nicht wundern. Die Wirtschaftskammer Österreich unterstützt mit Bildungsprogrammen die Qualifizierung der saudischen Jugend.
Kombi-Lohn
Menschen mit Behinderungen haben es auf dem Arbeitsmarkt mitunter schwer. Präsident Leitl hat ein „Kombi-Lohn-Modell“ vorgeschlagen. „Kombilohn“ bedeutet, dass Menschen, die nicht in der Lage sind, hundert Prozent Leistung zu bringen, einen reduzierten Lohn und einen Teil staatliche Sozialleistung bekommen. „Das ist immer noch besser als hundert Prozent Arbeitslosenunterstützung!“, sagt Leitl. Leitl will über Ethik reden: Wie gehen wir mit Menschen um, die aus dem sozialen Netz herauszufallen drohen. „Betriebe müssen natürlich auch rechnen. Aber gesunde Betriebe sind in der Lage, für die Gemeinschaft etwas zu leisten. Das fordere ich auch ein.“
Ältere Arbeitnehmer
Ältere Arbeitnehmer werden ebenfalls als Problemgruppe am Arbeitsmarkt bezeichnet. Präsident Leitl sieht das anders: „Ich schätze die älteren Arbeitnehmer ganz besonders. Sie haben Erfahrung, können in Zusammenhängen denken und sind meist mit dem Betrieb emotional verbunden.“ Langfristig Erfolg habe, wer in seine Leute und ins Betriebsklima investiere.
In Zukunft, so meint Leitl, werde es einen starken Wechsel zwischen Selbstständigkeit und Unselbstständigkeit geben. Gerade auch ältere arbeitslose Menschen sollten ermutigt werden, auch in der Selbstständigkeit eine Arbeitszukunft zu sehen. Wichtig sei auch eine ständige Weiterbildungsbereitschaft.
Familiengesellschaft
Frauen, die für Kinder- und Familienarbeit aus dem Beruf aussteigen, haben Probleme, wenn sie nach einiger Zeit wieder in den Beruf zurückwollen. Für sie werden Wiedereinstiegsprogramme angeboten. „Wir sollten Nicht-Ausstiegsprogramme daraus machen“, schlägt Leitl vor. Frauen könnten während der Karenzzeit Kontakt mit dem Betrieb halten, Teilzeit arbeiten, durch Teleworking verbunden bleiben ... Auch das Betriebsbewusstsein muss sich ändern: „Nicht die Arbeitsgesellschaft gibt den Takt an, die Familiengesellschaft ist gleichberechtigt!“ Wer sich für Familie und Kinder entscheidet, soll gute Rahmenbedingungen vorfinden!
Nahversorgung
Ein Wirtschaftsthema mit arbeitsmarktpolitischen Auswirkungen ist der Verdrängungswettbewerb der „Großen“ gegen die „Kleinen“ (weit transportiertes Billiggebäck aus dem Supermarkt oder vom örtlichen Bäcker; siehe KIZ Nr. 30). Für den heurigen Herbst kündigt Präsident Leitl eine Kampagne an, die den Wert der Nahversorgung aufzeigen soll. Ein Wert, den auch die Politik absichern muss. Leitl schlägt einen „interkommunalen Finanzausgleich“ vor. Paschings Gemeindeoberhaupt könne nur deshalb so auftreten, weil er Kaufkraft von anderen Gemeinden habe, die diesen für notwendige Leistungen fehle. Ein überörtlicher Fonds, verwaltet von den Gemeinden zum Zweck der Nahversorgung, könnte ausgleichend wirken.