Eine Bluttat, die viele erschüttert und voller Fragen zurücklässt
Zum Tode von Frère Roger Schutz
Ausgabe: 2005/34, Bluttat, Frère Roger Schutz, Taize, Taizé, Tod,
26.08.2005
- Hans Baumgartner
Am 12. Mai feierte er seinen 90. Geburtstag. Dass ausgerechnet er durch eine Gewalttat zu Tode kam, erschüttert viele. Am Dienstag wurde Frère Roger Schutz begraben.
Am 16. August wurde Frère Roger Schutz während des Abendgebetes in der Versöhnungskirche von Taizé durch Messerstiche der Rumänin Luminita Zamfira Solcanu so schwer verletzt, dass er kurz danach starb. Kardinal Schönborn, der den Prior der ökumenischen Mönchsgemeinschaft seit vielen Jahren gut kennt, sagte betroffen: „Frère Roger war so sehr ein Mann des Friedens, der Versöhnung und der Jugend, dass diese Bluttat uns alle in tiefster Erschütterung und voller Fragen zurücklässt.“ Reinhard Brandstetter, Pfarrassistent in Kleinraming, war mit seiner Familie bei diesem Abendgebet dabei. „Wir haben zunächst gar nicht mitbekommen, was da geschehen ist“, berichtet er. „Da war am Beginn des Abendgebetes ein schriller Schrei und eine gewisse Panik. Doch als die Brüder die Gesänge und das Gebet fortsetzten und ich sah, wie man Fère Roger hinausbrachte, dachte ich mir, er hat einen Schwächeanfall. Doch bereits am Ende des Gebetes sagte uns ein Bruder, dass der Prior nach einem Anschlag gestorben ist.“
Seit mehr als 30 Jahren fährt Reinhard Brandstetter immer wieder nach Taizé. Er hat Roger Schutz als einen Mann schätzen gelernt, dessen Leben und Glauben „von einem ungeheuren Gottvertrauen und einer ganz großen Zuversicht geprägt waren, obwohl er seine Augen vor dem Leid dieser Welt nie verschlossen hat.“ Dass dieser Mann, für den Versöhnung und Gastfreundschaft so wichtig waren, ausgerechnet in der Versöhnungskirche durch einen Gast ermordet wurde, sei in den folgenden, bedrückenden Tagen immer wieder Gesprächsthema in Taizé gewesen, erzählt Brandstetter. Das „Geheimnis von Taizé“, das jährlich 20.000 Jugendliche, aber auch viele Erwachsene anzieht, ist für Brandstetter ebenso einfach wie anspruchsvoll: „Diese Brüder strahlen Glaubwürdigkeit aus: Sie leben, was sie sagen, und sie erzählen von ihrem Glauben nicht in abstrakten Formeln, sondern so, wie sie ihn leben.“ Gerade in der Ernennung von Bruder Alois zum Nachfolger von Frère Roger sieht Brandstetter so ein starkes Zeichen. „Da wird nicht bloß von der notwendigen Versöhnung der Christenheit gesprochen und darum gebetet, da wird sie vorgelebt, wenn sich eine vorwiegend evangelische Mönchsgemeinschaft ausgerechnet einen Katholiken zum neuen Prior nimmt.“ Versöhnung gelebt hat Taizé auch, als sich die Blöcke in Europa im Kalten Krieg gegenüberstanden. Bereits Anfang der 60er Jahre knüpften die Brüder Beziehungen über den Eisernen Vorhang hinweg.
Ein Werkzeug Gottes
Am 15. Mai 1915 wird Roger Schutz-Marsauche im Schweizer Kanton Vaud geboren. Auf Wunsch des Vaters, eines reformierten Pfarrers, beginnt er 1937 Theologie zu studieren. 1940 macht er sich auf den Weg, um ein Haus zu suchen, wo er mit Freunden aus der Studienzeit eine Art Gemeinschaft leben könnte. Doch die Zeit wollte zunächst etwas anderes von ihm: Das von ihm gekaufte Haus in Taizé wird vielen Juden und politisch Verfolgten zum Hafen für die rettende Flucht. 1942 fliegt er auf und muss selber fliehen. Nach dem Krieg beginnt er mit den ersten Brüdern in Taizé zu leben. Sie kümmern sich auch um deutsche Kriegsgefangene und Kriegswaisen. 1949 tun er und seine Freunde etwas Unerhörtes: Sie gründen eine evangelische Mönchsgemeinschaft. In den 60er Jahren öffnet sich die Gemeinschaft auch katholischen Mitbrüdern – und sie wird von der Jugend entdeckt. Die Gesänge von Taizé werden zum Inbegriff des zeitgemäßen Kirchenliedes. 1970 ruft Frère Roger das Konzil der Jugend aus (Hauptversammlung 1974). 1980 beginnt er mit dem „Pilgerweg des Vertrauens“ die großen Europäischen Jugendtreffen zu Silvester.
Ein weiser, einfacher Mann
1992 ist Maria Wolfsberger das erste Mal mit einer Gruppe nach Taizé gekommen. „Weil ich es schade fand, nach einer Woche schon heimfahren zu müssen, kam ich das Jahr darauf wieder. Diesmal zwei Wochen.“ In den folgenden Jahren wurde Taizé zum Fixpunkt im Sommer von Maria Wolfsberger. Und als für die gelernte Musikpädagogin der Gedanke, in die Gemeinschaft der Missionarinnen Christi einzutreten, immer greifbarer wurde, „nahm ich mir noch einmal eine Auszeit und ging für neun Monate nach Taizé. Ich habe dort mit anderen Freiwilligen das Gebets- und Arbeitsleben mit den Brüdern geteilt. In dieser Zeit wuchs in mir der Wunsch immer mehr, in einer geistlichen und dennoch weltoffenen Gemeinschaft zu leben“, erinnert sich Wolfsberger. Heute ist die Oberösterreicherin als MC-Schwester auf dem harten Pflaster von Leipzig als Sozialarbeiterin tätig.
Als sie 2001 von Taizé wegging, hatte sie mit Frère Roger noch ein langes Gespräch über ihre Pläne und auch über Musik. „Für mich war er ein ganz weiser, einfacher und bescheidener Mann. Und wenn er vom Glauben sprach, dann mit schlichten, aber treffenden Worten. Und er hat mich gelehrt, dass Glaube nichts mit Leistungssport zu tun hat. Er redete nicht von Formeln und Gesetzen, sondern von seinem Leben mit Christus.“