Im August vor 25 Jahren waren die Augen der Welt auf Polen gerichtet. Ausgehend von der Danziger Werft streikten im ganzen Ostseegebiet die Arbeiter. Es war der Anfang einer friedlichen Revolution für die Freiheit.
Am 31. August 1980 unterschrieben in der Lenin-Werft von Gdansk (Danzig) die Vertreter des „Überbetrieblichen Streikkomitees“ und der Regierung ein 21 Punkte umfassendes Abkommen. Darin enthalten ist auch die Zulassung freier, selbstverwalteter Gewerkschaften. Es ist die Geburtsstunde von „Solidarnosc“, die innerhalb weniger Wochen auf zehn Millionen Mitglieder anwuchs und nicht nur die Geschichte Polens verändert hat. Papst Johannes Paul II. hat in seinem letzten Buch „Gedanken und Identität“ die Bedeutung dieser Ereignisse für die Veränderung der europäischen Nachkriegsordnung nochmals hervorgehoben. Im Westen wird die historische Rolle dieser christlich motivierten Arbeiter- und Freiheitsbewegung – damals wie heute – unterschätzt
Der Funke springt über
Im Sommer 1980 kam es in Polen aufgrund massiver Verteuerungen bei Lebensmitteln zu zahlreichen Protestbewegungen. Als in der Danziger Werft die Kranführerin Anna Walentynowitcz, die von der Werksleitung bessere Arbeitsbedingungen und eine warme Mahlzeit für die Belegschaft gefordert hatte, entlassen wurde, begannen am 14. August um sechs Uhr morgens zwei Abteilungen für ihre Wiedereinstellung und für bessere Löhne zu streiken. Rasch hatte der Streik auch andere Abteilungen der Werft ergriffen. Um neun Uhr kam es zu einer großen Kundgebung und das rasch gebildete Streikkomitee forderte neben Sicherheitsgarantien auch die Wiedereinstellung des schon früher entlassenen Elektrikers Lech Walesa. Noch während dieses Tages machte Walesa seinen „historischen Sprung“ über die versperrten Werkstore und erklärte unter stürmischem Beifall, dass die Arbeiter die Werft besetzt hätten. Von diesem Augenblick an war er der unumstrittene Führer des Streiks. Nachdem Verhandlungen mit der Werksleitung kein Ergebnis brachten, breitete sich die Streikbewegung wie ein Buschfeuer über die ganze polnische Ostküste aus. Bereits nach zwei Tagen waren in der Werft Streikkomitees von 21 anderen Betrieben eingetroffen. Vor den Werkstoren versammelten sich Tausende Menschen und sangen mit den Arbeitern patriotische und religiöse Lieder.
Kirche und Arbeiter
Am 17. August war der erste Sonntag des Streiks. Neben dem Tor Nr. 2 wurde ein Altar aufgebaut. Henryk Jankowski, der Pfarrer der Danziger St.-Brigitta-Kirche feierte mit den Arbeitern Gottesdienst. Er blieb bis zum letzten Streiktag bei ihnen. Nachdem Bischof Kaczmarek mit dem Wojewoden Kolodziejski den Zugang für Priester zu den Streikenden ausgehandelt hatte, kamen weitere Geistliche in die Werft und die anderen Betriebe. Einer von ihnen war Stanislaw Dudek, der heutige Bischof von Sopot. Vom 20. August an war er täglich in der Werft und war auch der Kurier zwischen Streikkomitee und Bischof. „Natürlich haben wir damals Angst gehabt, aber wir spürten auch, dass hier erstmals der Mensch Subjekt von Veränderungen ist und nicht mehr Objekt.“Damals blickte die westliche Welt gespannt nach Danzig – und rieb sich die Augen, denn Schlange stehende Arbeiter vor provisorischen Beichtstühlen, das war ein völlig neues Bild für sie. Eines dieser Bilder – mit Kaplan Dudek und einem beichtenden Arbeiter – hängt jetzt im Berliner Mauer-Museum.
Und noch etwas machte die ungewöhnliche Verbindung von Kirche und Arbeiterschaft deutlich: An den Danziger Werkstoren hingen Bilder der Schwarzen Madonna von Tschenstochau und von Papst Johannes Paul II. Es gab keinen Zweifel, mit welchem Strom der polnischen Kultur sich die Streikenden identifizierten und auf welche Lehre sie ihre Hoffnung setzten. Ein Jahr zuvor hatte man es dem polnischen Papst nicht erlaubt, nach Danzig zu kommen, wo 1970 ein Arbeiteraufstand blutig niedergeschlagen wurde. Auch 1983, während der Zeit des Kriegsrechtes, durfte er nicht kommen. Aber sein Ruf nach Freiheit und seine Aufforderung, den Weg mit friedlichen Mitteln und mit Geduld zu gehen, drangen auch so nach Danzig.
Mit dem Papst im Rücken
Als der Papst 1987 in die Geburtsstadt der Solidarnosc kam, standen zwei Millionen Menschen auf dem Platz. Damals wiederholte er seinen unvergesslichen Anruf an den Heiligen Geist, er möge kommen und das Antlitz der Erde – dieser Erde – erneuern. Er hatte das schon 1979 in Warschau gesagt und damit der erst entstehenden Verbindung von Arbeitschaft und katholischen Intellektuellen einen deutlichen Schub verliehen. Der Papst erinnerte 1987 die seit 1981 wieder verbotene Solidarnosc aber auch eindringlich an ihre Ideale: Einer muss sich für den anderen verantwortlich fühlen. Das Böse ist mit Güte zu bekämpfen. Es gibt keinen Klassenkampf, sondern nur den Kampf um den Menschen. Der Mensch darf nicht des Menschen Feind sein. Es gibt keine Solidarität ohne Liebe. Und immer wieder das Wort von der Würde der Arbeit und des Menschen. Vier Jahre später – die Solidarnosc war inzwischen frei und hatte die ersten freien Wahlen gewonnen – hat der Papst diese Ideen in seiner Enzyklika „Centesimus annus“ vertieft.
Die wesentlichen Grundlagen dafür schuf der langjährige Begleiter der Solidarnosz, der Philosoph und Theologe Jozef Tischner. Seine „Ethik der Solidarität“ entstand in Predigt-Katechesen, die er ab 1980 in der Krakauer Wawel-Kathedrale vor Tausenden Arbeitern hielt. Geduldig erklärte er dabei wesentliche Grundbegriffe wie Gemeinschaft, Dialog, Arbeit, Ausbeutung, Revolution oder Demokratie.
Teresa Sotowska
Geheime Politseminare
Erhard Busek über gelebte Solidarität mit der polnischen Solidarnosc
Erhard Busek zählt zu den wenigen westlichen Politikern, die seit 1980 Kontakte zur polnischen Solidarnosc pflegten.
1979 habe ihn Rembert Schleicher von der Katholischen Hochschulgemeinde darauf hingewiesen, „dass sich in Polen etwas tut“, erinnert sich Erhard Busek. Der damalige Vizebürgermeister von Wien hatte in dieser Zeit vor allem zu Dissidenten aus der Tschechoslowakei Kontakte. „Über die Wochenzeitung ,Furche‘ kannte ich damals aber auch schon Tadeusz Mazowiecki. Er und sein ,Kreis katholischer Intellektueller‘ haben“, so Busek, „die Strategie für die neue polnische Demokratiebewegung entwickelt. Sie wollten die Kommunisten dort treffen, wo sie hergekommen sind und wo sie inzwischen am schwächsten waren: bei den Arbeitern und im sozialen Bereich.“Während des ersten Gewerkschaftskongresses im September 1980 in Danzig lernte Busek Lech Walesa und andere Solidarnosc-Führer sowie deren Berater aus dem katholischen Lager kennen. Neben Mazowiecki waren das u. a. der Historiker Borislaw Geremek und der Philosoph und Theologe Jozef Tischner. „Das war ein Mann, für den Glaube sehr konkret mit unserer Welt zu tun hatte und der auf brillante Weise darüber mit Arbeitern genau so gut reden konnte wie mit Intellektuellen. Tischner hat die Soziallehre von Papst Johannes Paul II. stark beeinflusst“, sagt Busek über seinen langjährigen Freund.Als das Kriegsrecht ausgerufen und Solidarnosc verboten wurde, hat Busek nicht nur mitgeholfen, ein politisches Nachtgebet im Stephansdom und eine Protestdemonstration zu organisieren. „Wir haben auch Leute der Solidarnosc aus Polen herausgeholt, damit sie über ihre Sache im Westen informieren konnten. Denn die meisten Gewerkschafter – auch Benya – und westlichen Regierungen wollten von Solidarnosc nichts wissen. Den einen war sie zu katholisch, den anderen zu ungestüm. Viele setzten damals darauf, dass sich der Kommunismus von innen reformiert. Ich glaubte nicht daran.“ In den folgenden Jahren ist Busek mit Freunden regelmäßig im Sommer auf „Abenteuerfahrt“ gegangen. „Da haben wir dann in abgelegenen Gegenden geheime politische Seminare für Solidarnosc-Leute gehalten.“ Trotz dieser guten Kontakte sei aber auch er von „der Wende“ überrascht worden.
Hans Baumgartner
EINE CHRONIK
14. August 1980
Nach Preiserhöhungen und der Entlassung einer protestie-renden Arbeiterin bricht auf der Danziger Werft ein Streik aus. Lech Walesa übernimmt die Führung. Der katholische Publizist Tadeusz Mazowiecki bildet in der Werft eine Expertenkommission. Die Streikenden stellen 21 Forderungen. Es geht nicht mehr nur um bessere Löhne, sondern auch um freie Gewerkschaften, das Streikrecht oder den Zugang der Kirchen zu den Medien.
31. August
Lech Walesa und Vizepremier Jagielski unterzeichnen das Danziger Abkommen, das den Weg zur Gründung der Gewerkschaft Solidarnosc öffnet.
September 1980
Parteichef Gierek wird von General Jaruzelski abgelöst.
Dezember 1981
Jaruzelski verhängt das Kriegsrecht, verbietet Solidarnosc und lässt Tausende Gewerkschafter und Intellektuelle verhaften.
Juni 1983
2. Papstbesuch in Polen. Er fordert die Aufhebung des Kriegsrechtes.
Juli 1983
Kriegsrecht wird aufgehoben. Die Solidarnosc bleibt verboten.
Oktober 1983
Walesa erhält den Friedensnobelpreis.
Juni 1987
3. Papstbesuch. Er fordert die Rückkehr zum Danziger Abkommen.
August 1988
Neue Streikwelle. Verhandlungen von Solidarnosz und Regierung am „Runden Tisch“.
April 1989
Zulassung von Solidarnosz und neue Wahlordnung werden vereinbart.
Juni 1989
Solidarnosz gewinnt Wahl. T. Mazowiecki wird Ministerpräsident. 1990 wird Walesa Staatspräsident. 1993 wird die letzte Solidarnosz-Regierung gestürzt.