Fotos von oben nach unten: Die Fassade auf der Südseite - ertastbar im taktilen Kirchenführer; Barocke Engel auf der Kanzel; Helmut Dolezal fand auch die versteckte Jahreszahl (1466) am Nordportal. Fotos: Christian Ortner.
Sehenswert war die Stadtpfarrkirche Eferding immer schon. Mit einem neuen Kirchenführer wird der Kulturreichtum des 501 Jahre alten Bauwerks nun auch für blinde und sehbehinderte Menschen erlebbar. Das Druckwerk macht Kunst ohne Barrieren begreifbar – und öffnet Sehenden die Augen.
CHRISTIAN ORTNER
Die Erkundungstour beginnt am mächtigen Südportal der Eferdinger Stadtpfarrkirche. Helmut Dolezal hat die erste Seite des Kirchenführers aufgeschlagen und streicht mit den Fingern über eine transparente Folie. „Das ist die Außenfassade der Südseite“, erkennt der 65-Jährige das abgedruckte Relief. Dolezal ist stellvertretender Obmann des Oberösterreichischen Blinden- und Sehbehindertenverbandes. Seine Sehkraft beträgt weniger als zehn Prozent. Bisher hat er die Kirche als Messbesucher gekannt, dank des neuen Kirchenführers kann er jetzt die beeindruckenden kunst-historischen Elemente des Bauwerks bewundern – wie das markante gotische Fenster, zu dessen Reliefabdruck er sich inzwischen vorgeblättert hat.
Auch für Sehende
„Die Zielgruppe ist nie homogen“, erklärt Dr. Doris Prenn, die den Führer konzipiert hat. Die Gestaltung spricht daher Sehende ebenso an wie Blinde und Sehbehinderte: Die Texte sind in Braille- und in Schwarzschrift abgedruckt, taktile Transparentfolien überlagern Abbildungen für sehende Gäste. „Man muss sehende Menschen darauf sensibilisieren, was ein Blinder braucht“, erläutert Prenn die Kombination. Klarerweise ist nicht alles auf Folie ertastbar. So wurden etwa die Seitenaltäre wieder aus dem Führer genommen. Prenn: „Sie sind zu detailreich, es geht darum, die Grundzüge begreifbar zu machen.“ In anderen Fällen fordert der Brailletext zum unmittelbaren Betasten der Elemente auf. Das gotische Maßwerk und die versteckte Jahreszahl (1466) am Nordportal bieten sich an, oder die Engelsköpfe, die die barocke Kanzel im Inneren zieren.
Akustik unterstützt Tastsinn
Helmut Dolezal hat mittlerweile in einer Kirchenbank Platz genommen. Während er die Atmosphäre auf sich wirken lässt, erkunden seine Finger im Führer den Grundriss des Kircheninnenraumes. Die ausgezeichnete Akustik ermögliche zudem eine gute Vorstellung von dessen Größe, so Dolezal. Bei der Fortsetzung des Rundgangs – nach den Anweisungen im Führer – weckt eine Grabplatte nahe des Südportals das Interesse des Pensionisten: Graf Jörg von Schaunberg steht als gewappneter Ritter auf einem Löwen. „Hier ist es wichtig, dass im Führer steht, worum es sich handelt, weil ein Blinder sonst beim Tasten gar nicht weiß, was auf ihn zukommt“, erklärt Prenn. Ein Lächeln huscht Dolezal über das Gesicht, als er das Schwert und die Löwenmähne erkennt. Pastoralassistent Christian Penn: „Um Kunst zu begreifen, muss man sie angreifen lassen.“
Barrierefreier Kunstgenuss
Der taktile (= auf dem Tastsinn beruhende) Kirchenführer basiert auf einer Idee von Dr. Doris Prenn, die mit ihrem Kommunikationsbüro „prenn_punkt“ in Alkoven vorwiegend Ausstellungen und Museen gestaltet. Barrierefreiheit ist dabei ein wesentlicher Schwerpunkt. So hat Prenn etwa die Ausstellung „Wert des Lebens“ im Schloss Hartheim und das Museum Innviertler Volkskundehaus in Ried barrierefrei konzipiert. Im Rotary-Club (RC) Eferding, bei dem sie Mitglied ist, hat sie ihre Idee, für die Eferdinger Stadtpfarrkirche einen taktilen Führer zu gestalten, vorgebracht. Gemeinsam mit Hofrat Mag. Manfred Mohr, ebenfalls RC-Mitglied, wurde das Konzept verwirklicht. Als Beraterin agierte die sehbehinderte Journalistin Mag. Michaela Braunreiter von MAIN_Medienarbeit Integrativ. Der Kirchenführer wurde größtenteils vom RC Eferding finanziert und vermittelt blinden und sehenden Personen – etwa 10.000 bis 12.000 Touristen nächtigen pro Jahr in Eferding – einen fundierten Eindruck des Bauwerks.
Blindenpastoral in OÖ
Die Blindenpastoral der Diözese Linz bietet blinden und sehbehinderten Menschen im ganzen Land Hilfen und Austausch für ihr religiöses Leben und die Bewältigung ihrer Lebenssituation. „Die meisten Leute glauben, dass Blindenverband und Blindenpastoral dasselbe ist“, sagt Leiterin Monika Aufreiter. Bei der Pastoral liege der Schwerpunkt aber auf der religiösen Betreuung blinder und sehbehinderter Menschen und ihrer Angehörigen in ganz Oberösterreich. Zweimal im Jahr findet eine Wallfahrt statt. Im kommenden Mai ist das Ziel Traunkirchen.