Vater sucht verlorenen Sohn im neuen Film „Im Tal von Elah“.
Ausgabe: 2008/23, Finger, Wunde, Sohn, Film, Vorauer, Krieg
04.06.2008
- Markus Vorauer/Elle
David gegen Goliath oder ein Vater sucht den verlorenen Sohn: die biblischen Bezüge drängen sich beim Film „Im Tal von Elah“ auf. Der US-Film nähert sich dem Irak-Krieg von einer neuen Perspektive: als Anfrage, was Menschlichkeit heute ausmacht.
Mike Deerfield (Jonathan Tucker) ist gerade von seiner militärischen Mission aus dem Irak zurückgekehrt und auf mysteriöse Weise verschwunden. Sein Vater Hank (Tommy Lee Jones), ein Vietnam-Veteran, macht sich auf die Suche nach ihm. Er spricht mit jungen Soldaten aus Mikes Einheit, sammelt Dokumente, lässt sich Bildaufzeichnungen vom Handy seines Sohnes vergrößern. Seine Frau (Susan Sarandon) ruft ihn immer wieder besorgt an, weil die Familie Deerfield schon einen Sohn bei einem Militäreinsatz verloren hat.
Aufklärung gefordert. Parallel läuft ein erzählerischer Strang, in dem es um die Ermittlung in einem grauenhaften Mordfall geht, der an der Grenze zwischen militärischem und zivilrechtlichem Zustandsbereich passiert ist. Ein verbrannter und zerstückelter Leichnam spielt dabei eine zentrale Rolle. Wie sich herausstellt, handelt es sich um den Körper von Mike. Die ermittelnde Detektivin Emily Sanders (Charlize Theron), eine geschiedene, alleinerziehende Mutter, die von ihren Polizeikollegen andauernd gehänselt wird, übernimmt den Fall, weil Hank unnachgiebig eine Aufklärung fordert.
Die dunklen Seiten. Die Nachforschungen bringen nach und nach die dunklen Seiten von Mike ans Licht, die fragwürdigen Methoden der Marines im Irak, die Folterungen, sodass der überzeugte Patriot Hank zusehends in seinen militärischen Wertvorstellungen erschüttert wird. Der Film „Im Tal von Elah“ – der Titel spielt symbolhaft auf den Sieg Davids, der für das US-amerikanische Militär im Irak steht, gegen Goliath im Tal von Elah an – belegt mit großer Nachdrücklichkeit die derzeitige Qualität des US-amerikanischen Films.
Werteverfall. Es geht nicht nur um den Verlust der ethischen Werte, sondern grundsätzlich um die Frage, was Menschsein ausmacht. Die heimgekehrten Rekruten können die Erlebnisse im Irak nur durch Drogen- und Trinkexzesse irgendwie verdrängen. Das Militär ist omnipräsent in Haggis Film: Über TV und Radio werden andauernd Durchhalteparolen und Rechtfertigungen für den militärischen Einsatz verlautbart. Höhepunkt dieses Werteverfalls sind die Aussagen der zurückgekehrten Rekruten, die über ihre oft sinnlos gewalttätigen Aktionen im Krieg ganz nebenbei berichten: „Das sind eben Dinge, die im Krieg passieren.“
Kein sauberer Krieg.<0/b> Hank muss schließlich sein Bild vom sauberen Krieg revidieren, angesichts dessen, was die Aufnahmen von Mikes Handy offenbaren: die Folterung eines verwundeten Irakers, in dessen Wunde Mike seine Finger wiederholt steckt: „Es war fast zum Lachen!”, berichtet einer aus Mikes Truppe. Mehr noch schockiert allerdings die fotografische Abbildung der Folterung. Auch wenn durch die schlechte Bildqualität eigentlich nichts zu sehen ist, reichen die Schreie des Opfers. Vielleicht erfüllen die Fotos von Abu Ghraib und Filme wie dieser eben jene Funktion der Heimsuchung im Sinne von Erinnerung und Warnung.
- Filmgespräch mit Markus Vorauer, Fr. 6. 6., 21 Uhr, Moviemento, Linz.