In Italien hat die digitale Erfassung der Fingerabdrücke von Roma begonnen. Pfarrer Wolfgang Pucher, der sich seit zwölf Jahren für die Roma einsetzt, nahm dazu Stellung.
Was sagen Sie zur umstrittenen Registrierung in Italien bezüglich der Roma? P. Pucher: Wenn ich das höre, ist das für mich nur eine Fortsetzung dessen, was durch all die Jahrhunderte mit den Roma stets schon geschehen ist. Wo immer sie in größerer Zahl aufgetaucht sind, hat man ihnen alles Böse in die Schuhe geschoben. Sie sind diskriminiert, verjagt, verfolgt, eingesperrt, auch hingerichtet worden. Was jetzt passiert, das knüpft nahtlos an Hitler an. Sie werden noch nicht massenweise umgebracht. Aber allein wenn man straflos und unter dem Applaus der Nicht-Roma ihre Hütten und Ansiedlungen niederbrennen kann, dann zeigt das genug.
Auch in Österreich gibt es Anfeindungen gegenüber den Roma. Seit wann setzen Sie sich für diese Minderheit ein? P. Pucher: Die Vinzenzgemeinschaft in Graz ist 1996 auf die Roma gestoßen. Sie haben in öffentlichen Klos und in Autos geschlafen und im Winter furchtbar gefroren. Sie hatten nichts zu essen und wurden schikaniert. Da haben wir die erste Bettlerversammlung in Graz abgehalten, um mit ihnen zu reden. Besonders gelitten haben sie darunter, dass sie anonym beschuldigt wurden, organisierte kriminelle Bettler zu sein. Damit das aufhört, sind wir auf die Idee gekommen, jenen, die wir kennen, ein Erkennungskärtchen zu geben, wo oben steht, dass die Vinzenzgemeinschaft ihre Lebensumstände kennt.
Es gab immer wieder Willkürakte gegen Roma. Die Vinzenzgemeinschaft hat ja in einigen Fällen auch prozessiert. P. Pucher: Ja, zweimal haben wir Prozesse bis zum Obersten Gerichtshof geführt und gewonnen. 2002 ist durch die Vermittlung der Vinzenzgemeinschaft das von der Grazer Polizei verhängte Einreiseverbot für einen Roma durch den Verwaltungsgerichtshof aufgehoben worden. Und 2007 hat auf Antrag der Vinzenzgemeinschaft der Verfassungsgerichtshof das Bettelverbot von Fürstenfeld aufgehoben. Aufgrund verdeckter Recherchen konnten keine Formen der kriminellen organisierten Bettelei entdeckt werden.
Warum ist die Integration der Roma so schwierig? P. Pucher: Mir ist auf einer Reise in Indien, die Roma kommen ja ursprünglich aus diesem Land, Folgendes bewusst geworden. Die Leute dort haben von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gearbeitet. Aber ich habe nie einen Menschen in Hektik laufen sehen. Diese Mentalität muss man sich vor Augen halten. Es geht nicht, dass man hergeht und sagt, sie sollen eins zu eins unsere Lebensweise übernehmen. Bei unserem Projekt im slowakischen Dorf Hostice, wo 14 Roma-Frauen, die früher in Graz gebettelt haben und jetzt in ihrer Heimat Nudeln herstellen (siehe Stichwort), können die Frauen kommen, wann sie wollen und bleiben, so lange sie wollen. Das ist ihrer Mentalität entsprechend.
Haben Sie eine Idee, wie der Zugang zu den Roma verbessert werden könnte? P. Pucher: Man müsste versuchen jene Bereiche zu entdecken, die für sie typisch und ihren Fähigkeiten entsprechend sind. Das könnte eventuell gelingen über die Clan-Chefs, die unter den Roma hoch angesehen sind. Wenn man probieren würde, ihr Clan-System, das in den kommunistischen Ländern zwangsweise vernichtet wurde, wieder in Gang zu setzen, wäre das eine Möglichkeit der Integration.
- Spendenkonto der VinziWerke: Steiermärkische Sparkasse Ktnr. 02200-408090. BLZ 20815, Kennwort: Hilfe für Hostice; - www.vinzi.at
Stichwort
Hilfe zur Selbsthilfe
14 Roma-Frauen, die zuvor in Graz gebettelt haben, produzieren seit April 2007 in ihrem Heimatdorf Hostice, im Südosten der Slowakei, Band- und Suppennudeln in Handarbeit. Verkauft werden die Nudelprodukte in Österreich in verschiedenen Spar-Märkten und in Pfarrgemeinden. Das Projekt nennt sich „VinziPasta“ und ist eine Initiative der Vinzenzwerke Graz rund um Pfarrer Wolfgang Pucher. „Mit diesem Projekt können sich die Frauen nicht nur ihre wirtschaftliche Situation verbessern, sondern es stärkt auch ihre Selbstachtung“, so Pfarrer Pucher. Nun soll das Beschäftigungsprojekt erweitert werden.