Die Journalistin Corinna Milborn präsentierte in Innsbruck ihr Buch „Ware Frau“
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10.09.2008
- Susanne Huber
Allein in der EU werden jährlich etwa zehn Milliarden Euro am Handel mit Menschen verdient. „Die größten Gewinne werden dabei im Bereich der Zwangsprostitution gemacht“, erzählen Corinna Milborn und Mary Kreutzer in ihrem neuen Buch „Ware Frau“. Ordensfrauen aus allen Kontinenten haben im Hinblick auf dieses Problem in Rom ein Netzwerk gegen Frauenhandel gegründet.
Milborn und Kreutzer wollen mit ihrem Bericht ein Tabuthema öffentlich und bewusst machen. Hier eine Leseprobe.
Blessing erzählt. „Ich wurde von den Schleppern mit dem Flugzeug nach Italien gebracht. (...) Am ersten Abend ging ich auf die Straße. (...) Es kamen Autos auf mich zu, aber ich wusste nicht, was ich tun sollte. An diesem Tag hatte ich keine Kunden. Am zweiten und am dritten Abend auch nicht. So verging eine Woche. Die Madame wurde böse und schrie. Es folgten Schläge. Ich fand keinen Ausweg, konnte keine klaren Gedanken fassen. ,Die anderen arbeiten und du nicht – was machst du die ganze Zeit?‘, schrie sie. ,Wie willst du das Geld abbezahlen?‘ Ich sagte ihr, ich könne das nicht machen. (...) Dann kamen die ersten Kunden. Ich war nicht mehr Blessing. Die, die ich einmal gewesen war, war tot. Weiße Männer schliefen mit mir, gaben mir Geld, und ich lieferte es ab. Manchmal kamen gar keine, manchmal fünf hintereinander. Wenn sie nicht zahlen wollten, dachte ich ,Gott, wie soll ich das überleben?‘“
Vorgeschichte. „Es war ein Freund der Familie, der angesichts der Armut im Dorf den Eltern anbot, ihnen zu helfen. Er würde Blessing mit einem Flugzeug nach Europa bringen, wo sie auf die Universität gehen und dann arbeiten könne. Blessing war damals 19. Der Vermittler nahm sie zu einem Juju-Priester mit, der ihr einige Haare, (...) Regelblut und abgeschnittene Fingernägel abnahm. Sie leistete den Schwur, niemals ihre Schlepper zu verraten. Von Geld war damals nicht die Rede, von Arbeit in der Prostitution schon gar nicht.“
Betrug. „Der Vorgang ist typisch für die Rekrutierung von Waren für das europäische Sex-Business: Die meisten Frauen werden mit falschen Versprechungen gelockt, und besonders wenn sie vom Land kommen, haben sie kaum Möglichkeiten, sich darüber zu informieren. Aber selbst jene, die wissen, dass sie in der Prostitution arbeiten müssen, werden betrogen: Man finde in Europa sehr schnell einen Mann, der einen freikauft, wird erzählt. Man könne die Reisekosten von 60.000 Euro in wenigen Monaten abarbeiten und dann Geld für sich und die Familie verdienen – ein Haus in ein paar Wochen. Deshalb ist wohl der Schock so groß, wenn die Mädchen in Europa eintreffen und feststellen, dass sie auf der Straße stehen müssen; für 30 Euro pro Kunden.“
Die Madames. „Im Zentrum der Organisation stehen nicht Männer, sondern Frauen: die Madames. (...) Man fragt sich oft, wenn man die Geschichten der Opfer hört: Warum um alles in der Welt bist du nicht einfach weggelaufen? Doch Weglaufen ist für die nigerianischen Zwangsprostituierten so gut wie unmöglich. Die Madames spannen ein dichtes Netz aus Zwängen rund um ihre Opfer, das ihnen keinen Ausweg lässt. Zunächst werden jene Mädchen, die sich nach der Ankunft weigern, zu arbeiten, gefügig gemacht. Sie werden ohne Essen und Trinken in dunkle Räume gesperrt, manchmal tagelang. (...) Hunger bricht den stärksten Willen in kurzer Zeit.
- Buchtipp: „Ware Frau. Auf den Spuren moderner Sklaverei von Afrika nach Europa“ von Mary Kreutzer und Corinna Milborn. Verlag Ecowin, 2008, Euro 19,95.
Zur Sache
Buchpräsentation
„Ware Frau“ – so lautet der Titel des neuen Buches von Corinna Milborn und Mary Kreutzer. Die Autorinnen geben in ihrem Werk ein erschütterndes Bild vom Frauenhandel und der Zwangsprostitution afrikanischer Frauen in Europa wieder. Erzählt werden neben Hintergrundberichten zum Menschenhandel Lebensschicksale von acht Nigerianerinnen, die unter Vorspiegelung falscher Tatsachen nach Europa gelockt und hier zur Prostitution und Abzahlung von Pseudoschulden bis zu 60.000 Euro als Schleppergebühr gezwungen werden. In Europa werden laut Schätzungen jährlich rund 500.000 junge Frauen Opfer von Menschenhändlern. Davon stammen etwa 100.000 aus Nigeria. „Die schwarze Nigerianerin am Straßenstrich ist ein sichtbares Symptom für das Problem in unserer Gesellschaft: die wirtschaftliche Ungleichheit, Rassismus und Sexismus“, sagte die gebürtige Tirolerin Corinna Milborn anlässlich der Buchpräsentation durch die Caritas Innsbruck. Hinter dem Frauenhandel stehe ein Netzwerk der Nigerian Community, in dem vor allem Frauen, die so genannten „Madames“, die Fäden ziehen. „Auch in Innsbruck ist mir dieses Phänomen der ,Madames‘ bereits begegnet“, so Gertraud Gscheidlinger vom Caritas-Beratungszentrum. Die Caritas Tirol bietet daher seit 2005 in Zusammenarbeit mit der Stadt Innsbruck Gesundheitsuntersuchungen und Beratungsgespräche für betroffene Frauen in Tirol an.