Als sich die zuständigen Politiker auf den Neuwahltermin 28. September geeinigt hatten, haben sie mit Sicherheit nicht im Evangelium des Wahlsonntags nachgeschaut. Sie wären sonst stutzig geworden. Doch auch der Evangelist Matthäus hat nichts vom Wahltermin gewusst, als er gerade dieses Gleichnis von den ungleichen Söhnen niederschrieb. Wie auch sollte er wissen, dass gerade dieses Gleichnis der liturgischen Ordnung nach ausgerechnet an diesem Sonntag gelesen werden würde? Da ist die Rede vom einen Sohn, der ja sagt, und dann doch nicht tut, was er versprochen hat – und vom anderen, den sein Nein reut, und der dann doch der Bitte nachkommt. Wie Wort und Tat auseinanderfallen – davon ist die Rede. Wahlkampfzeiten sind Zeiten der Worte, des Versprechens. Doch wahr werden Worte erst, wenn sie in Taten eingelöst sind. Vielleicht hat Politikmüdigkeit damit zu tun, dass es zu oft bei den Worten bleibt – und dass man so selten ein „es reute ihn“ zu hören bekommt. Ein Umdenken zugunsten des Menschen. Da böte der Wahlsonntag einen zweiten Impuls. Er wird zugleich als „Sonntag der Völker“ gefeiert. „Es reute ihn“ würde man sich von manchem wünschen, der mit Fremdenfeindlichkeit im Wahlkampf zu punkten versuchte.