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Unsere Zeit im Würgegriff

Globalisierung und Lebensstil machen „Zeit zum Leben“ knapp
Ausgabe: 2008/42, Globalisierung, Zeit zum Leben, Rinderspacher, Sonntagsallianz, Allianz, freier Sonntag, Arbeitszeiten, ökonomischer Druck, Sozialwissenschaft,
15.10.2008
- Hans Baumgartner
Die Zeit ist zu einem wesentlichen Wettbewerbsfaktor geworden. Schnell und flexibel muss der Mensch sein – und immer öfter auch zu Zeiten arbeiten, die man sich früher als „Freizeit“ für Erholung, Familie und Gemeinschaft hart erkämpft hatte.

Die Krankenschwester Silke findet es gut, dass es in ihrem Spital eine Kinderbetreuungsstätte gibt, wo sie ihre zweijährige Tochter Tag und Nacht hinbringen und abholen kann. Auch die Pflegedienstleiterin findet das gut, braucht sie doch bei der Erstellung der Dienstpläne weniger Rücksicht auf Mütter mit Kinderbetreuungspflichten nehmen. Jürgen Rinderspacher vom Sozialwissenschaftlichen Institut der Evangelischen Kirche Deutschlands sieht diese Entwicklung kritisch. „Da werden bisher bestehende Schutzbarrieren, die dem Wohl der Kinder und Familien gedient haben, weggeräumt. Wenn es um optimale Betriebsabläufe geht, spielen pädagogische oder entwicklungspsychologische Argumente kaum mehr eine Rolle“, bedauert Rinderspacher. „Man verkauft das auch noch als Maßnahme zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Und viele merken gar nicht, dass es hier nicht um mehr Freiheit und Lebensqualität für sie geht, sondern um die bessere Nutzbarkeit ihrer Arbeitskraft.“

Tafelsilber geopfert. Rinderspacher ist überzeugt, dass es auch in „Ausnahmeberufen“ wie dem Pflege- und Gesundheitsbereich andere kreative Lösungsmöglichkeiten gäbe. Der Trend aber läuft anders. Zunehmend, so berichtet er, werben in manchen Regionen Deutschlands Kindertagesstätten damit, dass sie rund um die Uhr oder zumindest vom frühen Morgen bis spät in die Nacht offen haben. Für Rinderspacher ist das nur ein Gesicht einer breiten Entwicklung, die er mit dem „Zugriff auf unsere Zeit“ umschreibt. „Der globale Wettbewerb spielt sich heute immer stärker auch in der zeitlichen Dimension ab. Um Kosten zu sparen, wurden in den vergangenen Jahren zur besseren Auslastung der Betriebsanlagen nicht nur die Produktionszeiten erheblich ausgedehnt. Es kam auch zu einer Verlängerung und erheblichen Flexibilisierung (Arbeit auf Abruf) der Arbeitszeiten. Früher geschützte zeitliche Areale wie die Nachtstunden oder das Wochenende werden immer mehr zur Regelarbeitszeit. Um Arbeitsplätze im Land zu halten, haben in Deutschland bereits eine Reihe von Gewerkschaften ihr ,Tafelsilber‘, den arbeitsfreien Samstag, geopfert“, berichtet Rinderspacher. Der Sonntag sei in den meisten europäischen Ländern aus soziokulturellen und religiösen Gründen noch ein „geschütztes Biotop“. Aber auch er werde immer öfter durch lange „Samstagsschichten“ oder frühe „Montagsschichten“ bzw. durch Bestrebungen zur Ausweitung der Ladenöffnungszeiten schon angeknabbert.

Betroffen. Neben dem ökonomischen Druck seien auch tiefgreifende Veränderungen des Lebensstils für den Verlust an persönlicher Zeitsouveränität verantwortlich, meint Rinderspacher. „Wenn immer mehr Menschen die Nachtstunden bzw. das Wochenende nicht mehr als ,Biotop‘ für Ruhe, Familie und Freundschaftspflege sehen, sondern immer intensiver für Freizeitaktivitäten und Mediengebrauch nutzen, so bedeutet das zweierlei: Viele Dienstleistungsbranchen, wie der Handel, verlängern ihre Betriebszeiten mit massiven Auswirkungen für die dort Beschäftigten. Und es sinkt das Bewusstsein dafür, dass die Gesellschaft von Erwerbsarbeit geschützte Zeitareale braucht.“ Besonders betroffen von dieser Entwicklung sind Menschen mit einfachen und mittleren Tätigkeiten, betont Rinderspacher. Zusätzlich zu ihrem geringen Einkommen und den unsicheren Beschäftigungsverhältnissen mit schlechter sozialer Absicherung werden sie nun auch noch durch schlechte Arbeitszeiten benachteiligt.



Zur Sache


Sonntagsallianz: ein kritischer Blick

Am Dienstag dieser Woche veranstaltete die „Allianz für den freien Sonntag“ in Zusammenarbeit mit dem Sozialministerium die Enquete „Prekäre Zeiten“. Es ging dabei nicht um die durch die Geldmarktkrise hervorgerufenen Konjunktursorgen, sondern um die Tatsache, dass immer mehr Beschäftigte mit „schlechten“ Arbeitszeiten auskommen müssen. Unfreiwillige Teilzeitarbeit, prekäre Beschäftigungsverhältnisse und Nacht- und Wochenendarbeit sind im Vormarsch.

Mit Expert/innen aus Deutschland, Polen, Tschechien, Slowenien, Rumänien, Kroatien, der Slowakei und der Schweiz tat die Konferenz auch einen Blick über Österreich hinaus.
Das legte die Frage nahe, was EU-Europa tun kann, um die Menschen vor einer Zunahme prekärer Arbeitszeiten zu schützen. Er habe da wenig Hoffnung, meint der evangelische Theologe und Sozialforscher Jürgen Rinderspacher. Durch die Arbeitsmarktlage, den globalen Wettbewerb und die Einkommenssituation in vielen neuen Mitgliedsländern haben die Gewerkschaften schlechte Karten. Deshalb bestehe die Gefahr, dass die starken Wirtschaftslobbys in der EU nur Mindeststandars zulassen, die für viele Länder eine Verschlechterung wären.

Mehr Chancen, am Vormarsch prekärerer Zeiten etwas zu ändern, sieht Rinderspacher bei den Konsumenten. „Man muss nicht in den späten Abend- oder Nachtstunden bzw. am Sonntag einkaufen gehen. Man kann freie Zeit auch sinnvoll verbringen, ohne dass dafür andere arbeiten müssen.“
Vielen aber fehle noch das Bewusstsein dafür, was der Preis für eine Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft ist und wer diesen vor allem bezahlen muss.“
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