Ausgabe: 2008/44, US-Präsident, Präsidentenwahl, Politik, soziales Sprektrum, Glaube, Anglikaner, Baptist, Wechselwähler, Dr. Kurt Remele, Katholikinnen, USA, Hautfarbe, Rassismus, Barack Obama, John McCain
29.10.2008
- Susanne Huber
Die US-Amerikaner wählen am 4. November einen neuen Präsidenten. Wer das Rennen macht, wird mit Spannung erwartet.
Leicht haben es die 70 Millionen Katholiken unter den 300 Millionen Einwohnern der USA nicht, wenn es um die Wahl des zukünftigen US-Präsidenten geht. Sowohl Barack Obama, Kandidat der Demokraten, als auch der republikanische Mitstreiter John McCain vertreten unterschiedliche moralische Werte. Was die sozialpolitischen Themen wie etwa die Armutsbekämpfung oder das Gesundheitssystem betrifft, so stehen die Gläubigen mehr auf der Seite der Demokraten. In Sachen „Schutz des Lebens“ neigen sie eher zu John McCain. Doch derzeit scheint laut Umfragen vor allem die aktuelle Finanzkrise eine wichtigere Rolle im Bezug auf die Wahlentscheidung der US-Amerikaner/innen zu spielen – auch bei den Katholiken.
Wechselwähler. Stimmten die katholischen Wähler, die als Einwanderer über Generationen der Arbeiterschicht angehörten, bis vor 40 Jahren noch „traditionell demokratisch ab, so sind sie im Laufe der Zeit nach sozialem Aufstieg zu Wechselwählern geworden“, erklärt Kurt Remele, Professor für Ethik und katholische Soziallehre am Institut für Ethik und Gesellschaftslehre der Universität Graz. Die Katholiken/innen in den USA haben zu den verschiedenen moralischen Anliegen und Fragen vermehrt unterschiedliche Meinungen.
Breites soziales Spektrum. Im offiziellen Wahl-Hirtenbrief der US-Bischofskonferenz werden im Gegensatz zur Wahl 2004 nun keine Wahlempfehlungen für Gläubige abgegeben. Im Dokument ist u. a. von einer umfassenden Ethik des Lebens mit vielen Facetten die Rede. „Die katholische Kirche hat ein breites Spektrum an wichtigen Forderungen, die in der katholischen Soziallehre angesprochen werden und die bei der Wahlentscheidung beachtet werden sollen. Neben dem Anliegen zum Schutz des Lebens gibt es auch Fragen zu Gesundheit, Armut und Arbeitslosigkeit, Integration, Rüstung, Krieg, Todesstrafe oder Rassismus. Politische Kandidaten nur an einer Sache zu messen, halte ich für falsch“, sagt der katholische Sozialethiker.
Gesundheitssystem. Beide Präsidentschaftskandidaten könnten laut Remele das Land künftig positiv verändern. Zahlreiche Umfragen sprechen derzeit für Barack Obama. „Auch in Europa denken viele, dass er gewinnen wird. Ich schließe mich dem an“, sagt Remele. Als der Sozialethiker 2003 Gastprofessor an der Catholic University of America in Washington DC war, habe er mitbekommen, wie mangelhaft das Gesundheitssystem dort funktioniere. „Die Leute sind ja nicht pflichtversichert. Viele kommen existentiell unter die Räder, weil bestimmte Krankenhauskosten sehr teuer sind. Ein Großteil der Menschen kann sich diese Kosten erst gar nicht leisten. Ist man in einer Krankenkasse drinnen, werden trotzdem bestimmte Leistungen nicht bezahlt. Die USA sind verglichen mit Europa ein sozialpolitisch rückständiger Staat. Obama könnte im Hinblick darauf etwas ändern. Generell sehe ich als katholischer Sozialethiker Vieles, was die Demokraten vorschlagen, durchaus in Übereinstimmung mit der katholischen Soziallehre.“
Hautfarbe. Wie sich die Menschen in den USA letztlich entscheiden und welcher Kandidat die Wahl gewinnen wird, ist offen. Man wisse auch nicht, wie weit der Faktor der Hautfarbe noch eine Rolle spiele, so Remele. „In den Meinungsumfragen trauen sich die Leute oft nicht zu sagen, wen sie wirklich wählen. Der farbige Diözesanbischof John H. Ricard hat mir erzählt, dass Rassismus in den USA nach wie vor stark vorhanden ist. Seine Nichten und Neffen haben es viel schwerer, einen Job zu bekommen, als weiße Bewerber.“
Politik und Glaube
In einem Interview des US-Magazins „Catholic Digest“ wurden Barack Obama und John McCain u. a. nach der Bedeutung des eigenen Glaubens gefragt. McCain habe der christliche Glaube während seiner Zeit als Gefangener in Vietnam gestützt; ohne ihn wäre er heute nicht hier. „Ich bete täglich um Orientierung, das Rechte zu tun und so zu handeln, dass es im Intersse des Landes ist.“ Obama sieht im täglichen Gebet eine Art moralischen Kompass. Es stärke und helfe ihn, sich zu orientieren. Er sei auch überzeugt vom Prinzip der Einfühlung in andere. „Wenn ich über schwierige Zusammenhänge nachdenke, frage ich mich, wie die Welt in den Augen des Anderen aussieht. Das vermittelt Demut. Es macht bewusst, dass man nicht auf alles eine Antwort hat.“