Die Turmeremitin Anneliese Seebacher freut sich auf neue Ein- und Aussichten.
Ausgabe: 2008/44, Turmeremitinnen, Kulturhauptstadt, Seebacher, Turm, Gebet, Dom
30.10.2008
- Elisabeth Leitner
Seit tausenden von Jahren ziehen sich Menschen zurück: zeitlich begrenzt oder für immer. Ein neuer Blick auf das Leben wird dadurch möglich. Anneliese Seebacher ist eine der ersten Turmeremitinnen im Linzer Mariendom. Was sie bewegt und worauf sie sich freut, darüber sprach sie mit der KirchenZeitung.
Wie haben Sie von dem Projekt erfahren, was hat sie bewogen, sich zu bewerben? Anneliese Seebacher: Ich hab das in einer Zeitung gelesen, und es hat mich sofort interessiert. Für mich war klar, dass sich dafür viele Leute bewerben werden. Unsicher war ich, ob eine Frau überhaupt genommen wird. Ich erwarte mir in dieser Woche die Möglichkeit zur absoluten inneren Ruhe zu kommen. Die spirituelle Komponente spielt dabei eine bedeutende Rolle: Ich möchte mich einlassen auf die Öffnung und Verbindung mit der gesamten Schöpfung und zu meinem Schöpfergott. Es wird für mich auch eine spannende Selbsterfahrung sein.
Sich selber neu kennenlernen, kann auch ein Abenteuer sein. Wie schätzen Sie das ein? Natürlich kann es auch eine Grenzerfahrung sein. Jetzt kann ich soviel sagen: Die Höhe halte ich aus, es wird eine ganz eigenen Atmosphäre haben. Ich bin – auch im Alltag – eine Stille-Sucherin. Ich freue mich, in diesem vorgegeben Rahmen einmal tagelang mit keinem Menschen reden zu müssen. Es wird spannend sein zu sehen, wie man sich vorher selbst einschätzt und dann, wie es tatsächlich ist.
Alleine im Turm auf 68 Höhe und rundherum die Stadt: Welche Gedanken gehen Ihnen da durch den Kopf? Bei meinem ersten Besuch habe ich es interessant gefunden, Linz von oben zu sehen. Man sieht die ganze Geschichte der Stadt: alt und neu – nicht nur das Linz von heute. Ich sehe das als Riesenchance für mich, eine neue Erfahrung zu machen: Ich finde das was ganz Tolles, das einem hier ermöglicht und geschenkt wird. Dafür bin ich dankbar.
Es wird einen Rahmen geben: das gemeinsame Mittagsgebet im Dom und ein Begleiter, der für sie da ist. Spricht Sie das an? Die Möglichkeit zum gemeinsamen täglichen Gebet spricht mich sehr an und auch das jemand da ist, dem ich mich anvertrauen kann, wenn ich will. Aber grundsätzlich gefällt mir die Vorstellung, dass ich in dieser Woche keine Erwartungen erfüllen muss. Ich habe das in meiner Lebensgeschichte so nie gehabt. Niemand will in dieser Woche etwas von mir, niemand wird mich anrufen, ich bin zu nichts verpflichtet – außer dem Mittagsgebet. Darauf freue ich mich!